“Die Gesellschaft verändert sich, aber die Prinzipien der Kirche nicht”

Interview mit dem Weihbischof des niederländischen Bistums ’s-Hertogenbosch.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 25. November 2011 um 08:59 Uhr
Kathedrale von 's-Hertogenbosch

’s-Hertogenbosch (kathnews). Keine Kommunion für praktizierende Homosexuelle, Ausschluss eines Begräbnisses für jemanden, der um Euthanasie gebeten hat, Suspension eines Priester, der im Konkubinat lebt, Entlassung eines Kirchenvorstandes einer schismatischen Pfarrei, in denen ausgetretene Priester und protestantische Geistliche Liturgie feierten und sogenannte “Homoehen” ermöglicht wurden, Verbot von Kirchenliedern des niederländischen Priesters Hub Oosterhuis. Im niederländischen Bistum ’s-Hertogenbosch werden die Zügel streng angezogen. Nachdem in den Jahren nach dem Konzil die Disziplin in der Kirche vernachlässigt worden ist und die Bischöfe eher Toleranz und ein “pastorales” Vorgehen befürworteten, scheint nun eine Wende einzutreten. Zumindest gilt das für das niederländische Bistum ’s-Hertogenbosch. Dort ist seit einem Jahr Mgr. Rob Mutsaerts Weihbischof und Generalvikar. Zusammen mit dem Diözesanbischof Mgr. Antonius M. Hurkmans und einem zweiten Weihbischof, der auch Generalvikar ist, leitet er das Brabanter Bistum.

Kirche muss ihre Identität wahren

“Ich muss als Generalvikar auftreten, wo ich Klagen über Missbräuche und Gesetzesübertretungen erhalte. Dann muss ich korrigierend eingreifen. Man nennt mich konservativ. Ja, das trifft zu. Konservativ bedeutet bewahren, was gut ist. In den letzten Jahren hat die Kirche zu viel preisgegeben”, erläutert Mutsaerts in einem Zeitungsinterview der “Volkskrant” (Volkszeitung) vom 21. November 2011. “Wollen Sie denn nicht, das die Kirche im Mittelpunkt der Gesellschaft steht?”, fragt der Journalist. Darauf der Weihbischof: “Das wäre ideal, aber das darf nicht auf Kosten des Glaubensgutes gehen. Wenn das Glaubensgut nicht mehr zeitgemäβ ist, wie behauptet wird, dann sei es eben so. Die Kirche muss ihre Identität wahren, andernfalls macht sie sich überflüssig. (…) Wenn die Kirche nicht mehr fordert, dann verfremden die Menschen langsam von der Kirche. Letztendlich siegt die Rechtgläubigkeit. Freisinnigkeit wird sich von selber auflösen wie Dampf. Was bleibt vom Glauben noch übrig, wenn alles freibleibend ist?”

Niedergang der Kirche seit den 60er Jahren

Ob nicht durch diese Haltung der Kirche die letzten Pfarrgemeindemitglieder aus der Kirche gejagt würden, lautet die folgende Frage. “Das glaube ich nicht”, antwortet Mgr. Mutsaerts. “Die Austrittswelle ist schon länger im Gange. Der Niedergang der Kirche hat  bereits in den 60er Jahren begonnen. Ich verstehe nicht, dass man nostalgisch eine Zeit herbeisehnt, in der alles zusammengestürzt ist. Ich denke, wir steuern auf eine kleine Kirche hin. Aber diese Kirche ist dann gesund und authentisch, weil sie sich selber ist und auch wieder wachsen kann. Katholische Jugendliche verlangen besonders nach der alten Messe. Und vergessen wir nicht: Die Pfarreien, die sich moderner als modern nennen, das sind vor allem kleine Gruppen von vor allem älteren Leuten. Wenn wir so weitermachen wie bisher, sinkt die Kirche stets mehr in den Abgrund. Darum müssen wir jetzt wachen und handeln.”

Rechtgläubigkeit

“Eine kleine Gruppe wird die Kirche”, setzt der Weihbischof das Interview fort. “Ich hoffe, dass sie orthodox – rechtgläubig sein wird. Wenn man rechtgläubig katholisch ist, dann hat man zwei Dinge vor Augen: Gott und den Nächsten. Orthodox sein hat für mich keinen negativen Klang. Das bedeutet einfach “recht in der Lehre”, und diese Lehre sagt: Achte Gott und den Nächsten. Mutter Theresa war orthodox, auch der heilige Franziskus. Sie waren radikal mit sich selber, aber barmherzig für andere. Diese Radikalität haben wir fallengelassen.

Gegen den Zeitgeist

Kritiker fordern, dass die Kirche mit der Zeit schritthalten muss, lautete der  folgende Einwand. Dazu Mgr. Mutsaerts: “Das ist nicht notwendig, wenn man sieht, wohin die Zeit führt. Wir müssen als Kirche gerade gegen den Zeitgeist kämpfen. … Man darf den Glauben nicht dem Zeitgeist unterwerfen. Welches Kloster hat noch Anziehungskraft und Ausstrahlung? Es sind die, die sich an die strengen Regeln halten. Sie ziehen die jungen Leute an.”

Nur eine Ehe zwischen Mann und Frau

Dann wird der Journalist konkreter: “Anno 2011 sieht die Gesellschaft  Homoehe und Euthanasie mit anderen Augen. Warum macht die Kirche da nicht mit?” “Weil wir an unseren Qellen festhalten müssen”, antwortet Weihbischof Mutsaets. “Die Bibel spricht unzweideutig darüber. Die Gesellschaft verändert, aber die Prinzipien der Kirche nicht.” Darauf der Jounalist: “Homosexuelle werden also niemals in der Kirche heiraten können?” Klipp und klar erwidert Mgr. Mutsaerts: “Die Bibel kennt nur eine Ehe zwischen Mann und Frau. … Glauben hat nichts zu tun mit eigener Meinung, sondern  mit der Überzeugung, dass dies der einzig richtige Weg ist, so sehr dieser Weg dem heutigen Zeitgeist auch widersprechen mag.”

Bekehrung

Ob man die Kirche denn noch menschlich und barmherzig nennen könne, wenn sie so viele Grupen – Homosexuelle, wiederverheiratete Geschieden und solche, die Euthanasie anwenden wollen – ausschlieβt. “Die Kirche schlieβt niemanden aus”, korrigiert der Generalvikar. “Zur Kirche gehören alle Sünder: Ehebrecher, Pyromanen, Mörder, Menschen, die anderen das Leben erschweren. Aber die Kirche ist wohl der Ort, um sich zu bekehren. Die einzigen, die nicht willkommen sind, sind jene, die meinen, alles in ihrem Leben sei in Ordnung und darum keine Bekehrung nötig zu haben.” “Warum dürfen dann Homosexuelle nicht die Kommunion empfangen?”, fragt der Jounalist weiter. Mgr. Muetsaerts: “Weil Homosexuelle sich durch ihre Lebenspraxis nicht an die Regeln halten. Sie können es mit einem Fuβballverein vergleichen: Jeder ist willkommen, solange er sich an die Regeln hält. Ich höre die Kritik häufiger. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass die St. Salvatorpfarrei in ’s-Hertogenbosch viele ausgeschlossen hat. Man nennt sich zwar katholisch, aber sie tun alles, was nicht katholisch ist. Evangelische Pfarrer zelebrieren dort die heilige Messe. Die Gläubigen sind verwirrt. Und nun fordert man von mir, dass ich deren Standpunkt übernehme. Das hat mit Toleranz wenig zu tun.”

Konsequente Anwendung von Strafgesetzen

Ob das Bistum jetzt die Gesetze verschärfe, lautet eine weitere Frage. “Nein. Die Gesetze sind dieselben geblieben. Wir wenden sie nun konsequenter an, nachdem sie längere Zeit nicht angewendet worden sind”, erläutert der Generalvikar sein Vorgehen. In den kommenden Wochen werden weitere drei Priester des Bistums mit kirchenrechtlichen Sanktionen rechnen müssen: Suspension, Exkommunikation und Entlassung aus dem Klerikerstand. Zwei von ihnen leben im Konkubinat, ein dritter ist einer schismatischen Gemeinschaft beigetreten, die den Primat des Papstes leugnet und eintritt für die Priesterweihe von Frauen. Seit Weihbischof Mutsaerts Generalvikar ist, ist die Zahl der im Kirchengericht bereits anhängigen Strafsachen gestiegen. Aber es kommt Entlastung: In den kommenden Monaten werden die Bischöfe in den Niederlanden ein interdiözesanes Strafgericht einrichten. Dies ist nicht nur eine Folge der sexuellen Missbräuche, sondern auch liturgischer Missbräuche von Klerikern, Pastoralassistenten und Gemeindereferenten, von Verstöβen gegen Glauben und Einheit der Kirche sowie Verstöβen gegen die kirchliche Diziplin wie etwa den Zölibat.

Foto: Kathedrale von ’s-Hertogenbosch – Bildquelle: nl.wikipedia.org, user Karrow