Die „Erbsünde des Protestantismus“ – Eine Erinnerung an Hugo Balls Polemik gegen Luther, aus gegebenem Anlass

Ein Gastbeitrag von Thomas Keith.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 13. März 2017 um 14:34 Uhr
Dr. Martin Luther

1924 erschienen „Die Folgen der Reformation“ des Schriftstellers Hugo Ball als Bearbeitung und Kürzung seiner „Kritik der deutschen Intelligenz“ (1919). Beide Bücher wollen erklären, wie es dazu kommen konnte, dass das Deutsche Reich einen Weltkrieg entfachte (die Kriegsschuld liegt für Ball klar auf deutscher Seite) und in diesem Krieg bislang unvorstellbare Gräuel beging. Die Erklärung geriet zu einem Rundumschlag, zu einem kompromisslosen Buch, vehement und ungemütlich, wie sein Verfasser später selbst einräumte. Übersteigerungen werden als künstlerisches Ausdruckmittel eingesetzt, Urteile herausgeschleudert. Durch die resoluten, ja teilweise maßlosen Wertungen können freilich Zusammenhänge erschlossen und Bögen geschlagen werden, an die eine sich absichernde Argumentation in kleinen Schritten kaum heranzuführen vermöchte.

Am Anfang steht Luther, mit dem konsequenterweise das erste der vier Kapitel der „Folgen der Reformation“ abrechnet. Im Jubiläumsjahr, in dem uns die Reformation als „Teil der Freiheitsgeschichte der Neuzeit“ verkauft werden soll (so die „Theologische Botschaft des Leitungskreises Reformationsjubiläum 2017“), kann ein Relektüre von Balls Text den Blick auf den Wittenberger Theologieprofessor zu klären helfen.

Der ist mindestens selbstwidersprüchlich, janusköpfig: neben exemplarisch christlichen Aussagen über z.B. Gottes Barmherzigkeit stehen Schriften, die genau das Gegenteil der Botschaft Christi ausdrücken. Den zitierfähigen Teil wollen wir Margot Käßmann überlassen, der Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für das Reformationsjubiläum, oder Nikolaus Schneider, dem ehemaligen Ratsvorsitzenden der EKD, Pater Anselm Grün oder Walter Kardinal Kaspar – sie alle (und noch einige mehr) haben zum Reformationsjahr Publikationen auf den Markt gebracht, in denen sie Luther anschlussfähig machen wollen für Religion und Gesellschaft heute. Von den Politikerinnen & Politikern, die sich 2017 in diesen Chor mischen, sei besser geschwiegen. Mit Ball dagegen soll an den anderen, finsteren Luther erinnert werden, denn er war historisch der wirkmächtigere.

Auch er ist längst erforscht und keineswegs unbekannt. Schon der Kirchenhistoriker Heinrich Denifle zeichnete in seinem Monumentalwerk „Luther und Luthertum in der ersten Entwickelung; quellenmässig dargestellt“ (1904-09, 2. Band postum fertiggestellt von Albert Maria Weiß) in einer energischen, zum Teil polemischen Sprache – darin Ball vergleichbar – mit großer Gelehrsamkeit und in unerbittlicher Logik und Konsequenz ein neues Luther-Bild, das mit der Legende vom bibeltreuen Rebellen gegen päpstliche Autokratie und für die Freiheit des Gewissens aufräumte.

Wenn Luther sich hasserfüllt und demagogisch gegen das Papstamt und die hierarchisch-sakramentale Verfassung der Kirche richtete, sah er sich als einen von Gott gesandten Konfessionsstifter. Sein Ziel waren eben keine Reformen in der Kirche, sondern ein fundamentaler Umsturz der Kirche, in dem das private Urteil zur obersten Glaubensinstanz erhoben wird, in letzter Konsequenz eine Laienreligion, während in Jahrhunderten gewachsene und auf Konzilen beratene und beschlossene Traditionen verworfen werden.

So habe mit dem selbst ernannten „Propheten der Deutschen“ die deutsche Barbarei begonnen. Ball zitiert den russischen Schriftsteller Dmitri Mereschkowski, der die Reformation einen zweiten „Einfall der Barbaren“ nannte: wie bei der Zerstörung des Imperium Romanum galt dieser Angriff, so Mereschkowski, wieder einer „weltumfassenden Vereinigung“, nämlich der Kirche, die in eine Menge nationaler und lokaler Kirchen zersprengt wurde. „Der Christus des Herrgottschnitzlers von Wittenberg war (…) nicht der Stifter der Kirche, sondern vielmehr ein Mittel zum Kampf gegen sie“, so Denifle. Nach seiner Einschätzung hat die Reformation „den Gesamtcharakter des deutschen Volkes bedeutend umgestaltet“: „Alle jene zarten Tugenden, die der Apostel unter dem Namen der Sanftmut und der Bescheidenheit Christi zusammenfasst (2. Kor. 10, 1), (…) bezeichnet man heute verächtlich als passive, als unmännliche, als weibische Tugenden.“ Durch, mit und in Luther kam es zu einem „germanischen Atavismus“, zum „Wiedererwachen der im deutschen Charakter von Urzeit her grundgelegten Fehler“; die vom Übernatürlichen „bisher im Zaum gehaltene wilde Natur“ brach „in barbarischer Roheit hervor“. Fortgesetzt wurde dieser Atavismus, was Ball anschaulich macht, im Preußentum; durch Bismarcks Reichsgründung sei er dann zur gesamtdeutschen Ideologie geworden, die in den I. Weltkrieg führte. (Den zweiten musste Ball nicht mehr miterleben.)

Luthers neue Konfession unterwarf sich der Herrschaft deutscher Fürsten anstelle der des Papstes und seiner Bischöfe. „Man hat wieder eine Kirche, aber eine weltliche Kirche unter weltlicher Oberhoheit, selbstverständlich keine allgemeine Kirche, sondern lauter Landeskirchen, Territorialkirchen, Winkelkirchen“, so Denifle/Weiß. Luther verlieh, schreibt Ball, dem Staat eine „furchtbare, dem Mittelalter unbekannte Macht“: „Gott ist Werkzeug der Monarchie geworden. Moral und Religion sind der omnipotenten Staatsgewalt untergeordnet.“ Mit dem von ihnen ernannten Klerus konnten die lutherischen Landesherren ihre Untertanen kontrollieren und disziplinieren. So wurde laut Ball „ein großes reales Freiheitserlebnis von der Art der englischen und französischen Revolution“ verhindert.

Denn weit entfernt davon, ein Freiheitskämpfer zu sein, trat Luther vielmehr für die Unterwerfung der Untertanen unter die Obrigkeit ein. Nach ihm führt der Christ quasi ein Doppelleben, nämlich ein geistliches und ein weltliches, die unterschiedlichen Moralen folgten. Der weltlichen Macht sei grundsätzlich Gehorsam geschuldet. Mit solchen Proklamationen verlieh Luther, so urteilt Ball „regierenden Autokraten das absolute Gewissen, macht er die Deutschen zum geflissentlich unterwürfigen Volk […] Er hat Gott verraten an die Gewalt. […] Die Umkehr der Moralbegriffe, die Luther vornahm, indem er der Brutalität deutscher Fürsten des 16. Jahrhunderts die päpstliche Würde, der Obrigkeit und dem Staate göttliche Kraft verlieh, bestätigte die Erbsünde unserer Nation: ihren paradoxen Freiheitsbegriff, das Wohlbehagen im Zustande der Wildheit.“ Statt sich wie in Frankreich oder England individuelle Freiheits- und Menschenrechte zu erkämpfen, sei in deutschen Landen im Anschluss an Luther Freiheit in einen „intelligiblen“ Bereich verlegt worden.

Luther rechtfertigt in seiner Schrift „Ob Kriegsleute auch im seligen Stande sein können“ (1526) auch die Beteiligung an Kriegen: wenn die Obrigkeit Krieg befiehlt, müsse gehorcht, gekämpft, gebrannt und getötet werden.

Exemplarisch artikuliert sich diese Unterwürfigkeit unter fürstliche Macht und kriegerische Gewalt in der schwer erträglichen Kampfschrift gegen den Aufstand der Bauern „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“ (1525): „man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss“. „Die hatten ihn schlecht gekannt, die geglaubt hatten, er verstehe die Worte von der Gleichheit aller Christen und von der christlichen Freiheit so, daß nun wirklich alle gleich und frei sein sollten“, schrieb Denifle. Ein Bauer, der rebellierte, stand für Luther außerhalb des göttlichen Gesetzes. Sein Pamphlet wurde in erschreckender Geschwindigkeit umgesetzt. Geschätzt 100.000 Bauern wurden nach seinem Aufruf auf teilweise bestialische Weise hingerichtet. Dazu bekannte er sich in einer abstoßenden Mischung aus Stolz, Heuchelei und Blasphemie in einer seiner Tischreden: „Ich habe im Aufruhr alle Bauern erschlagen; all ihr Blut ist auf meinem Hals. Aber ich schiebe es auf unseren Herrgott; der hat mir befohlen, solches zu reden“.

Ein Punkt, den Ball in seinen Argumentationen übergangen hat, ist Luthers extremer Judenhass. Die einschlägige Kampfschrift trägt den Titel „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) und enthält alle Versatzstücke neuzeitlicher europäischer antisemitischer Dekrete: die Annahme einer jüdischen Weltverschwörung, die Behauptung, die Juden seien der Christen Unglück, nicht nur Wucherer, sondern auch Brunnenvergifter oder Kindsentführer, kurz: Teufel. Luthers Anordnungen, was mit den Juden zu tun sei, nämlich Enteignung, Verpflichtung zur Zwangsarbeit, Vertreibung und Liquidierung, lesen sich nach der historischen Erfahrung der Schoah besonders schrecklich.

Die zitierten und genannten Scheußlichkeiten können nicht als ‚Ausrutscher‘ eines Mannes mit einem aufbrausenden, zu maßlosem Zorn neigenden Charakter abgetan werden. Zu Grunde liegt ihnen viel mehr ein spirituelles, nämlich sakral-ästhetisches Defizit, auf das bereits der Frühromantiker Novalis in seiner Rede „Die Christenheit oder Europa“ (1799) hinwies: „Luther behandelte das Christenthum überhaupt willkührlich, verkannte seinen Geist, und führte einen andern Buchstaben und eine andere Religion ein, nemlich die heilige Allgemeingültigkeit der Bibel, und damit wurde leider eine andere höchst fremde irdische Wissenschaft in die Religionsangelegenheit gemischt – die Philologie – deren auszehrender Einfluß von da an unverkennbar wird.“ Ball zitiert diese Luther-Kritik zustimmend. Novalis spricht weiter von einer „Vertrocknung des heiligen Sinns“; „das Weltliche hat die Oberhand gewonnen, der Kunstsinn leidet sympathetisch mit“. Die protestantischen Bilderstürmereien wollen die sinnlich-künstlerischen Spuren des Heiligen tilgen und den Sinn für Mysterien und Allegorien, in denen es gezeigt werden kann, abschaffen. Dadurch depravierte Luther die Religion, indem er sie einer für den Menschen wie auch für die Offenbarung Gottes wesentlichen Dimension beraubte.

Ball versuchte als konstruktive Weiterführung seiner Kritik in „Byzantinisches Christentum. Drei Heiligenleben“ (1923) diese Dimension wieder zum Vorschein zu bringen. Mit literarischen Mitteln gestaltete er ein Triptychon mit dem Mönch Johannes Klimakos und dem Säulenheiligen Symeon Stylites auf den Seiten und mit dem Theologen und Geistlichen (Pseudo-)Dionysius Areopagita in der Mitte. Die drei Heiligengestalten aus der kirchlichen Tradition des 4. bis 7. Jahrhunderts werden vorgestellt als Vorbilder für eine metanoetische Erneuerung der Gesellschaft aus dem Inneren der Individuen. Sie zeugten von Christus, von absoluter Hingabe an ihn, und stünden für ein Verständnis der Sprache Gottes, das der nachlutherische Mensch verloren habe und das es wiederzufinden und dem „furor teutonicus“ entgegenzusetzen gelte. Die „berauschte Theologie“ (Ball) dieses Buches sei als Gegenlektüre zum Reformationsjubiläum wärmstens empfohlen.

Thomas Keith

Foto: Dr. Martin Luther – Bildquelle: Kathnews