Die Einheit der Christen – ein Fernziel des Zweiten Vatikanischen Konzils

Einleitungen und Texte des Ökumenismusdekretes „Unitatis redintegratio“.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 4. April 2015 um 18:43 Uhr

Von Gero P. Weishaupt:

Mit dem Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über den Ökumenismus, Unitatis redintegratio, setzt Kathnews seine Reihe „Ausgewählte Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils“ fort. Diese Reihe ist entstanden anlässlich des 50. Jahrestages der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils am 11. Oktober 1962 durch den Heiligen Papst Johannes XXIII. Sein Nachfolger auf dem Stuhl Petri, Papst Benedikt XVI, hat wiederholt darauf hingewiesen, die Texte des Konzils zu lesen. Das Studium der Texte ist die Voraussetzung für die Interpretation und die Anwendung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Einen von den Texten (und ihrer Genese) losgelösten „Geist des Konzils“ gibt es bekanntlich nicht. Nur im Erfassen der Texte und ihrer Redaktionsgeschichte erhebt sich der authentische Geist, der die Konzilsväter beseelte. Ziel des Konzils war es, die Kirche durch ein Aggiornamento („Verheutigung“ der Kirche) auf der Grundlage eines Ressourcement (d. h. durch ein erneutes Schöpfen aus den Quellen der Heiligen Schrift und der 2000jährigen Tradition der Kirche) zu erneuern. Darum hat die Lektüre stets im Horizont einer „Hermeneutik der Reform in Kontinuität“ zu erfolgen. Sie ist der Schlüssel zum richtigen Verständis der Konzilstexte (vgl. die Ansprache des Papstes vom 22. Dezember 2005 an die Römische Kurie).

Authentische Interpretation

Für die authentische hoheitliche Interpretation des gegenständlichen Dekretes seitens des Universalen Lehramtes der Kirche sind u.a. folgende Dokumente grundlegend: der Codex Iuris Canonici von 1983 (Kirchliches Gesetzbuch), der Katechismus der Katholischen Kirche, die Ökumenenzyklika „Ut omnes unum sint“ vom heiligen Papst Johannes Paul II. sowie das Direktorium für die Ökumene von 1993.

Das Vorwort des Ökumenismusdekretes

Die Wiederherstellung der Einheit der Christen war eines der Hauptanliegen des heiligen Johannes XXIII. Es wurde als ein Fernziel des Konzils von den Konzilsvätern formuliert. Das Ökumenismusdekret legt im ersten Teil (Artikel 1 bis 4) die katholischen Prinzipien des Ökumenismus dar, Im zweiten Teil (Artikel 5 nod 12) folgen Richtlinien zur praktischen Verwirklichung des Ökumenismus. Im 3. Teil (Artikel 13 bis 23) thematisieren die Konzilsväter die vom römischen Apostolischen Stuhl getrennten Kirchen und kirchlichen  Gemeinschaften.

In einem Vorwort (Proemium) weisen die Konzilsväter auf die genannte Zielsetzung des Konzils (Wiederherstellung der Einheit/unitatis redintegratio), auf die schmerzliche Tatsache der Spaltung (divisio) der Christen und auf das Drängen des Herrn selber zur Einheit hin. Außerdem werden das Bemühen der Christenheit um die Wiederherstellung der Einheit gewürdigt und die katholischen Gläubigen aufgerufen, sich an den ökumenischen Bemühungen zu beteiligen. Im zweiten Abschnitt des Vorwortes würdigen die Konzilsväter die ökumenische Bewegung. Sie wird als ein „Zeichen der Zeit“ gesehen, insofern „(d)er Herr der Geschichte, der seinen Gnadenplan mit uns Sündern in Weisheit und Langmut verfolgt“ „in jüngster Zeit begonnen“ hat, „über die gespaltene Christenheit ernste Reue und Sehnsucht nach Einheit reichlicher auszugießen“.

Text von Unitatis redintegratio. Das Vorwort

„Die Einheit aller Christen wiederherstellen zu helfen ist eine der Hauptaufgaben des Heiligen Ökumenischen Zweiten Vatikanischen Konzils. Denn Christus der Herr hat eine einige und einzige Kirche gegründet, und doch erheben mehrere christliche Gemeinschaften vor den Menschen den Anspruch, das wahre Erbe Jesu Christi darzustellen; sie alle bekennen sich als Jünger des Herrn, aber sie weichen in ihrem Denken voneinander ab und gehen verschiedene Wege, als ob Christus selber geteilt wäre. Eine solche Spaltung widerspricht aber ganz offenbar dem Willen Christi, sie ist ein Ärgernis für die Welt und ein Schaden für die heilige Sache der Verkündigung des Evangeliums vor allen Geschöpfen.

Der Herr der Geschichte aber, der seinen Gnadenplan mit uns Sündern in Weisheit und Langmut verfolgt, hat in jüngster Zeit begonnen, über die gespaltene Christenheit ernste Reue und Sehnsucht nach Einheit reichlicher auszugießen. Von dieser Gnade sind heute überall sehr viele Menschen ergriffen, und auch unter unsern getrennten Brüdern ist unter der Einwirkung der Gnade des Heiligen Geistes eine sich von Tag zu Tag ausbreitende Bewegung zur Wiederherstellung der Einheit aller Christen entstanden. Diese Einheitsbewegung, die man als ökumenische Bewegung bezeichnet, wird von Menschen getragen, die den dreieinigen Gott anrufen und Jesus als Herrn und Erlöser bekennen, und zwar nicht nur einzeln für sich, sondern auch in ihren Gemeinschaften, in denen sie die frohe Botschaft vernommen haben und die sie ihre Kirche und Gottes Kirche nennen. Fast alle streben, wenn auch auf verschiedene Weise, zu einer einen, sichtbaren Kirche Gottes hin, die in Wahrheit allumfassend und zur ganzen Welt gesandt ist, damit sich die Welt zum Evangelium bekehre und so ihr Heil finde zur Ehre Gottes.

Dies alles erwägt die Heilige Synode freudigen Herzens und, nachdem sie die Lehre von der Kirche dargestellt hat, möchte sie, bewegt von dem Wunsch nach der Wiederherstellung der Einheit unter allen Jüngern Christi, allen Katholiken die Mittel und Wege nennen und die Weise aufzeigen, wie sie selber diesem göttlichen Ruf und dieser Gnade Gottes entsprechen können.“

Alles bisher veröffentlichten Texte sowie meine Einleitungen dazu, können auf meiner Homepage abgerufen werden.

Foto: Papst Benedikt XVI. in St. Peter – Bildquelle: Kathnews