Der Altar als Sakraltisch im christlichen Kultraum – Eine Buchbesprechung zum Gründonnerstag

Von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 18. April 2019 um 18:24 Uhr
Kelch

Die Feier der Riten und Mysterien der Karwoche bildet die Herzmitte des ganzen liturgischen, ja sakramentalen Lebens der Kirche, wie es sich über das Kirchenjahr hinweg entfaltet. In dieser Woche vollzieht sich verdichtet und wie in einem Brennpunkt, was während des restlichen Jahres ausstrahlt.

Der heutige Gründonnerstag erfährt im gegenwärtigen Pontifikat eine Verfremdung seiner Gewichtung durch Papst Franziskus, weg von der Einsetzung des sakramentalen Priestertums und der Eucharistie. Der Tag verschwindet auch aus der Lateranbasilka und wird an Ränder verschoben, an denen der Ritus der Fußwaschung, den die Katholische Kirche bezeichnenderweise niemals als Ansatzpunkt eines Sakramentes aufgefasst hat, zum eigentlichen Ereignis des Gründonnerstags umgedeutet wird. Zugleich wird dieser Gestus und seine Zeremonie der ihm eigentümlichen Intimität entrissen, indem sie medienwirksam aufgeladen und politisierend inszeniert wird.

Wie anders da die Amtszeit etwa Johannes Pauls II., der sich von 1979 bis 2005 alljährlich in seinen sogenannten Gründonnerstagsschreiben an die Priester der Kirche wandte, um sie an ihre besondere Berufung und Lebensform zu erinnern und in deren sakramentaler Verankerung zu bestärken. Diese Schreiben waren nicht zuletzt Ausdruck der Wertschätzung des Amtspriestertums und des Klerus durch den Papst.

Neue Studie zu Ostrichtung von Altar und Liturgie

Der Gehalt des Gründonnerstags – Priestertum und Eucharistie – ist gerade angesichts solcher momentanen Umgewichtung ein willkommener Anlass, auf eine erst vor wenigen Tagen, am vergangenen 10. April 2019, erschienene Monographie hinzuweisen, die zwei andere Schlüsselbegriffe im Titel trägt, Altar und Kirche, welche innig mit Priestertum und Eucharistie zusammenhängen. Der Verfasser, Stefan Heid, Priester der Erzdiözese Köln und seit 2001 Professor für Liturgiegeschichte und Hagiographie am Päpstlichen Institut für Christliche Archäologie in Rom, ist durch seine Tätigkeit als Vizerektor von 2006 bis 2012 dem Campo Santo Teutonico speziell verbunden. Sicherlich diese Verbindung brachte Heid auch in Kontakt mit der Gestalt des Augsburger Priesters Franz Wieland, der genau einhundert Jahre vor ihm am Campo Santo Teutonico  archäologische  Zeugnisse des frühen Christentums studierte mit dem von 1906 bis 1912 in vier Arbeiten entwickelten Ergebnis, Altar und Opfer hätten die Christen bis ins 3. Jahrhundert hinein nicht selbst gekannt und sogar dezidiert von sich gewiesen. Auf Wieland, zu dem man sich einige, nähere biographische Informationen, wenigstens jedoch sein Geburts- und Sterbejahr, gewünscht hätte,  bezieht Heid sich immer wieder, da dieser es war, der als erster diese Überzeugung der liberalen protestantischen Theologie des 19. Jahrhunderts in den katholischen Raum hineintrug, wo sie sich auf der Ebene der sogenannten wissenschaftlichen oder universitären Theologie seither und bis heute zu einem praktisch unangefochtenen Konsens  formiert hat. Mit seiner eigenen Studie schickt Heid sich an, diesen Konsens vielleicht nicht mit Wucht zu durchbrechen und zu beseitigen, aber doch aufzuweichen und begründet in Frage zu stellen.

Dies gilt zumindest, wenn man sich den in vier großen Themenkreisen – Ursprung, Inhalt, Kult und Bild – (die sich in den gleichnamigen  Hauptabschnitten des Buches  niederschlagen) und den darin dicht gebotenen Befunden und Argumenten unvoreingenommen öffnet. Stefan Heid ist Realist genug, immer wieder erkennen zu lassen, dass ihm trotzdem bewusst ist, gleichsam einen Kampf gegen Windmühlen zu führen; jedenfalls insofern es um heutige liturgische Norm und den Vorrang in der liturgischen Praxis geht.

Im Untertitel heißt das Werk Prinzipien christlicher Liturgie, und im Vorwort (vgl. S. 7) erklärt der Autor, damit beide Bedeutungspole des Begriffs Prinzip ansprechen zu wollen. Er sucht die Anfangsgründe des christlichen Altars auf und thematisiert dessen Ort und Stellung in der Kirche. Kirche meint also hier grundlegend nicht Institution oder abstrakte Idee, sondern vor allen späteren Reflexionen zuerst das konkrete Gebäude, den Kirchen- und Altarraum, die Funktion des Altars und die Stellung des Liturgen im Raum und in Beziehung zu ihm, die sich im eigentlichen und wörtlichen Sinne an der Apsisostung der baulichen Anlage orientiert.

Der Methodik und Arbeitsweise des Autors folgend, der archäologische und früheste außerbiblische wie biblische literarische Zeugnisse in Wort und Bild anschaulich sprechen lässt, wird aus dem historischen Befund, wie es einst generell war, entgegen aller noch so mächtigen Ideologie und Faktizität hergeleitet, wie es auch heute sein müsste oder an sich verbindlich zu sein hätte.

Das Buch würdigt ausführlich den Hebräerbrief und  erinnert – soweit der Rezensent sieht, ohne diesen namentlich zu nennen – auch an Valentin Thalhofer und dessen wahrhaft biblische Grundlegung seiner  Messopfertheorie von 1870. Zum Hebräerbrief gesellt sich der 1. Korintherbrief mit dem Motiv Tisch des Herrn.

Sakraltische als spezifisch-exklusive Altäre unblutiger Oblationen

In dieser Prägung sieht Heid eine klare Weitung des Altarbegriffs, der im Gefolge Wielands gezielt so verengt wird, dass nur der Schlachtopferaltar übrigbleibt, der für jüdische und heidnische Tieropfer verwendet  wird, die es selbstverständlich im Christentum nicht gegeben hat oder gibt. Es gab aber auch unblutige Opfer, und, im Opfer von Brot und Wein des Melchisedech vorgebildet, ist die Eucharistie gerade ein solches. Dafür existiert in der antiken Welt ein Altartypus, den Heid als Sakraltisch bezeichnet. Damit ist ebenfalls ausgesprochen, dass die romantische Vorstellung eines kultfreien Urchristentums eine Projektion eigener Vorentscheidungen ist, die nichts mit der frühen Wirklichkeit der Christengemeinde und Kirche gemein hat. Der Sakraltisch als Befund besagt, dass die Eucharistie nicht etwa an irgendwelchen Tischen vollzogen wurde, die vorher und anschließend wieder für beliebige andere Mahlzeiten benutzt worden wären. Übrigens ergibt sich für den Leser doch die Frage, ob bei aller Wahrung und Betonung  ihres unblutigen Charakters das Schlachtopfermotiv in der Eucharistie völlig ausgeschlossen ist, wo doch Christus biblisch und liturgisch als das Agnus Dei sowie als das apokalyptische Lamm auftritt. Zur Exklusivität des kultischen Gebrauchs des Sakraltischs gehört die Exklusivität der Altargemeinschaft  hinzu, die die Entscheidung unausweichlich macht, von welchem Altar man isst: Verbot des Genusses von Götzenopferfleisch und auch die Frage, welche Eucharistie man empfängt. Dass diese Dimensionen völlig schwinden und auf welche Weise sie trotzdem relevant wären, zeigen aktuelle Diskussionen um sogenannte eucharistische Gastfreundschaft oder die Zulassung von Nicht-Katholiken zur Eucharistie der Katholischen Kirche.

Wenn auch heutzutage kaum noch ein Liturgiewissenschaftler Odo Casels OSB Verortung des christlichen Kultmysteriums von heidnischen Mysterienkulten her unterstützt, zeigt der Gesamtzusammenhang doch, dass er darin richtig gelegen hat, das frühe Christentum nicht als vollkommen kultfremd und kultfrei zu erachten und auch nicht zu meinen, es sei völlig frei von Kultvorstellungen seiner Umwelt gewesen oder habe sich ausschließlich nur in scharfer Opposition dazu definiert.

Was müsste tatsächlich gelten, wenn frühkirchliche Praxis und bauliche Zeugnisse die Norm heutiger Liturgie beeinflussen und prägen sollen?

Konzentrieren wir uns nochmals auf die Gestalt und Gestaltung des Altars, so leugnet Heid nicht vereinzelte oder sogar tatsächlich singuläre Abweichungen vom allgemein Üblichen. Fragwürdig ist jedoch, wenn solche archäologische Einzelfälle als Beleg angeblicher frühchristlicher Praxis herangezogen werden derart,  dass sie für heutige Praxis geradezu normativ und ideal sein sollen.

Das von Heid vorgelegte Werk ist mit seinen  beinahe 500 Seiten ohne Übertreibung monumental und mit einer Fülle erstklassiger Illustrationen opulent bebildert. Dem Regensburger Verlag Schnell & Steiner, wo es erschienen ist, ist es wirklich gelungen, die Studie in einer Form zu präsentieren, deren Ausstattung jedem Bücherfreund bereits ästhetisch Freude macht und echten Lesegenuss bereitet. Die Darstellung gelingt Stefan Heid inhaltlich spannend und fesselnd, so dass Form und Inhalt der Monographie einander überzeugend entsprechen.

Mit Altar und Kirche liegt im wahrsten Sinne des Wortes eine Orientierungshilfe vor. Heid verschweigt nicht, dass das geradezu kosmische Verständnis und Bewusstsein der Bedeutung der Altar-, Opfer- und Gebetsostung in ihrer räumlichen Konkretheit und Echtheit im Westen spätestens mit der Renaissance begann, sich zu verlieren.

In gewisser Weise spricht er die nachtridentinische Altarraumgestaltung nicht davon frei, ein weiterer Schritt im Prozess dieser schwindenden Verbindlichkeit zu sein.

Zeitgenössischer Volksaltar kein Rückgriff, sondern „neuer Altar“ (Josef A. Jungmann SJ)

Der moderne Volksaltar jedoch hat überhaupt keine Stütze, keinen Anhaltspunkt in früher liturgischer Praxis oder in den materiellen Relikten, die die Archäologie davon greifen kann. Die Ostung war „universal gültig, das heißt in allen Ritusfamilien des Ostens und des Westens (…). Es ist jedenfalls keine frühkirchliche Ritusfamilie bekannt, in der es einen Volksaltar gegeben hätte. Hier herrschte lange Zeit faktisch ein ökumenischer Konsens. In den Kirchen des byzantinischen Ritus und bei den Altorientalen sind die Kulträume nach Möglichkeit nach wie vor apsisgeostet. Der Hauptaltar steht zwar frei im Raum, aber doch so, dass der Priester von vorne an ihn herantritt. Allein die lateinische Kirche hat sich vom ökumenischen Konsens verabschiedet und einen Sonderweg beschritten in der Meinung, den Ursprung wiederherzustellen. Zuerst gab sie die Gebetsostung auf, dann – nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil – auch den Standort des Liturgen vor dem Altar“ (S.  464).

Dass man diese Verbindlichkeit einer Norm wirklich apostolischen Ursprungs und ohne lokale Beschränkung nicht mehr empfindet, zeigt sich bis hinein in den Bereich der Kirche, der sich selbst als dezidiert traditionsverpflichtet versteht: Beim Neubau ihrer ansonsten sehr würdigen und stilistisch sicheren Kirche im schweizerischen Oberriet vor einigen Jahren entschied sich die Priesterbruderschaft St. Pius‘ X. für die Umsetzung eines architektonischen Bauplans, in dem Altar und Apsis gen Westen blicken. Genauso ist auch die Ratzinger’sche Kompromissformel einer inneren Ostung mittels Altarkreuz und der Symmetrie von Altarleuchtern am Volksaltar vielleicht gut gemeint, letztlich aber irritierend, nicht orientierend.

Altar und Kirche ist schließlich fast genau fünfzig Jahre nach der Promulgation des Messbuchs Pauls VI. erschienen und den Cultoribus Sacrae Liturgiae gewidmet. Ob damit die Cultoribus des römischen Canon Missae (zu dessen Verständnis Heid etwa in Ausführungen zum diakonalen Engelsdienst zwischen irdischem und himmlischem Altar, vgl. S. 239-244, einiges beiträgt) gemeint sind oder doch auch mit leicht ironischem Unterton die Grabinschrift Hannibale Bugninis anklingen soll, müsste man den Autor fragen.

Jedenfalls aber ist Heid überzeugt: „Heute gilt der Volksaltar neben der Volkssprache als das Markenzeichen der vatikanischen Liturgiereform. Mochte man in Rom zunächst gedacht haben, die Zelebration versus populum sei kein gravierender Eingriff, da der Papst schon die tridentinische Liturgie sowohl am vermeintlichen Volksaltar von St. Peter als auch am Wandaltar der Sixtinischen Kapelle gefeiert hat. Es schien also, als brauche man nur den Altar von der Wand zu lösen und die Liturgie um 90° [Hier soll es wohl 180° heißen, Anm. C.V.O.] umzudrehen, und der Rest könne beim Alten bleiben. In Wahrheit entwickelte sich aber der neue Altar zum Motor und Monument einer neu konzipierten Liturgie, in der alles darauf abgestellt ist, die Messe als ein religiöses Mahl darzustellen“ (S. 408f., kursiv im Text).

Bibliographische Angaben: Heid, St., Altar und Kirche. Prinzipien christlicher Liturgie, 82 s/w Illustrationen, 73 farbige Illustrationen, 496 Seiten, Hardcover, fadengeheftet, (Schnell & Steiner) Regensburg 2019, ISBN: 978-3-7954-3425-0, Preis: Euro 50,00.

Foto: Kelch – Bildquelle: C. Steindorf, kathnews