„Den Du, o Jungfrau, voll Freude…“. Der franziskanische Rosenkranz von den Sieben Freuden Mariens

Eine Andachtsübung besonders für Advent und Weihnachtszeit. Von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 11. Dezember 2014 um 17:02 Uhr

Während der Kreuzweg so sehr in die allgemeine Frömmigkeit eingegangen ist, dass den meisten vielleicht gar nicht mehr bekannt oder bewusst ist, dass es sich dabei ursprünglich um eine franziskanische Andachtsübung handelt, deren Verbreitung besonders durch die Minderen Brüder gefördert worden ist und seit Jahrhunderten wie selbstverständlich die Fasten- und Passionszeit prägt, ist ein anderer Gebetsbrauch, der in der Ordensfamilie um den heiligen Franz von Assisi aufgeblüht ist, außerhalb dieser Ordenszweige kaum bekannt geworden und heutzutage auch dort vielfach in Vergessenheit geraten. Gemeint ist der Rosenkranz zu Ehren der Sieben Freuden Mariens.

Er geht auf das Jahr 1422 zurück, und eine fromme Legende erzählt über seine Entstehung, ein neu in den Orden eingetretener Bruder sei unglücklich gewesen, seine Gewohnheit nicht weiter pflegen zu können, jeden Samstag eine Statue der Gottesmutter mit einem Kranz von Blumen zu zieren, den er selbst flocht. Schon wollte er wieder in die Welt zurückkehren, da erschien ihm die Allerseligste Jungfrau Maria und lehrte in den Rosenkranz der Sieben Freuden, mit dem er ihr eine größere Freude machen könne, als mit einem Kranz von Blumen, die bald welken.

Aufbau und Gebetsweise

Inzwischen findet man Exemplare, bei denen das Kreuz und die ersten Perlen dem dominikanischen Rosenkranz assimiliert sind, jedoch ist das eigentlich nicht korrekt. Beim Kreuz betet man nur: „O Gott, komm mir zu Hilfe, Herr, eile mir zu helfen“. Dann folgt eine Ave-Perle, sodann eine Pater-Perle, anschließend wieder zwei Ave-Perlen. Man beginnt den Rosenkranz bei der ersten Pater-Perle und betet daran, wie bei allen Pater-Perlen, ausschließlich jeweils ein Vaterunser. So beginnt man das erste Gesätz und betet sieben Gesätze durch, indem man in das Ave Maria je zehnmal einfügt:

1.) „Jesus, den Du, o Jungfrau, voll Freude vom Heiligen Geiste empfangen hast“,

2.) „Jesus, den Du, o Jungfrau, voll Freude zu Elisabeth getragen hast“,

3.) „Jesus, den Du, o Jungfrau, voll Freude zu Bethlehem geboren hast“,

4.) „Jesus, den Du, o Jungfrau, voll Freude den Heiligen Drei Weisen zur Anbetung dargereicht hast“,

5.) „Jesus, den Du, o Jungfrau, voll Freude im Tempel wiedergefunden hast“,

6.) „Jesus, den Du, o Jungfrau, voll Freude nach seiner Auferstehung zuerst begrüßt hast“,

7.) „Jesus, der Dich, o Jungfrau, voll Freude in den Himmel aufgenommen und zur Königin Himmels und der Erde gekrönt hat“.

Zu Ehren der 72 Lebensjahre Mariens

Da man den Sieben-Freuden-Rosenkranz in der Absicht betet, die 72 Jahre zu ehren, die die Muttergottes der Überlieferung nach auf Erden gelebt hat, kehrt man nun zur Zweiergruppe von Ave-Perlen zurück, die man zu Beginn übergangen hat und betet sie mit den Einfügungen:

1.) „Jesus, der wahrer Gott ist“,

2.) „Jesus, der wahrer Mensch ist“.

Mit Ablässen bereichert

Zur Erlangung der Ablässe schließt man den Rosenkranz ab, indem man an der Pater-Perle, an der man begonnen hat, nach Meinung des Heiligen Vaters ein weiteres Vaterunser betet, sowie ein Gegrüßet seist Du Maria an der einzelnen Ave-Perle verrichtet, die dem Kreuz am nächsten liegt und dadurch als die erste Perle des Rosenkranzes erscheint, in Wirklichkeit aber seine letzte ist. Wenn wir die Geheimnisse betrachten, erkennen wir den Sieben-Freuden-Rosenkranz als eine Mischform aus freudenreichem und glorreichem Rosenkranz. Das vierte Geheimnis, das die Epiphanie betrachtet, besitzt die größte Eigenständigkeit und gleichsam Brückenfunktion zwischen den Gesätzen, die uns aus dem freudenreichen und glorreichen Rosenkranz der Dominikaner vertraut sind. Ganz zum Schluss ist es passend, das Unter Deinen Schutz und Schirm zu beten.

Die Gewinnung der Ablässe ist beim Sieben-Freuden-Rosenkranz unmittelbar an die Verrichtung der Gebete geknüpft, nicht daran, dabei einen Rosenkranz zu verwenden, dessen Perlen eigens gesegnet wurden, jedoch gibt es im Rituale Romano-Seraphicum ein besonderes Formular zur Segnung des Sieben-Freuden-Rosenkranzes, nach dem man ihn löblicherweise segnen lässt. Früher war diese Segnung den Patres der franziskanischen Ordenszweige vorbehalten, jedoch besteht diese Einschränkung nicht mehr fort. Gerade durch das vierte Gesätzchen ist der Sieben-Freuden-Rosenkranz mehr noch als der gewöhnliche freudenreiche Rosenkranz mit dem Geheimnis der Menschwerdung Gottes verbunden.

Passende Andacht im Advent und in der Weihnachtszeit

Sein Gebet erscheint daher besonders empfehlenswert für die Samstage der Advents- und Weihnachtszeit bis einschließlich Mariä Lichtmess am 2. Februar. Der heilige Bernhardin von Siena hat diesen Rosenkranz im Orden ähnlich stark wie die Verehrung des Namens Jesu gefördert und schrieb ihm die Erlangung aller Gnaden zu, die ihm jemals von Gott gewährt wurden. Auf ihn geht auch der Brauch zurück, diesen Rosenkranz am Strick zu tragen, mit dem das Ordenskleid gegürtet wird. Am 5. Juli verzeichnet der traditionelle Eigenkalender der franziskanischen Ordensfamilie das Fest der Sieben Freuden Mariens, das der heilige Papst Pius X., selbst Franziskanertertiar, 1906 bestätigt hat. In diesem Jahr fügte der heilige Papst auch zu den ohnehin schon reichen Ablässen weitere hinzu, die alle Gläubigen, nicht nur die Mitglieder der franziskanischen Ordensfamilie, gewinnen konnten. Dazu war allerdings die Benützung eines gesegneten Rosenkranzes erforderlich.

Foto: Sieben Freuden Rosenkranz – Bildquelle: Clemens Victor Oldendorf