Das Wallfahren als Ausdruck innerer Ausrichtung

Eine Betrachtung von Mag. theol. Michael Gurtner.
Erstellt von Mag. Michael Gurtner am 11. Juli 2011 um 13:09 Uhr

Wenn wir uns physisch auf Pilgerreise begeben und einem Ort beginnend zu einem anderen fahren, etwa einer marianischen Kultstätte oder dem Heiligtum eines Heiligen oder einer besonderen Kirche, so ist dies ein äußerer, einprägsamer Vollzug dessen, was wir unser Leben lang erstreben und immer neu erstreben müssen. Die äußere Wallfahrt, so können wir sagen, bildet unsere innere, geistige Pilgerschaft, auf welcher wir uns befinden solange wir auf Erden wandeln, ab und verleiblicht diese. Wenn wir zu Christus wollen, aber zur Muttergottes nach Einsiedeln, Altötting, Mariazell oder Pompei gehen: ist das nicht ein Schritt zurück?, so könnten wir mit einer gewissen Berechtigung fragen. Ist es nicht so daß wir uns vom Ziel entfernen?

Nun, dazu sind zwei Sachen zu sagen: Zum einen kann uns eine rechte marianische Frömmigkeit niemals von Christus wegführen. Ganz im Gegenteil: sind wir recht bei der Madonna, dann sind wir auch bei Christus, denn die Muttergottes selbst ist ja diejenige, welche Christus am allernächsten steht. Selbst als Christus am Kreuze hing, mit dem Tode rang und von beinahe allen verlassen war: die Muttergottes war immer noch bei Jesus geblieben. Niemals hat sie ihn verraten oder verlassen, niemals gab es auch nur einen Anflug eines „Neins“ in ihrem hochheiligen Leben. Ihr „Fiat“, ihr „es geschehe“ war ein abstrichloses, unbedingtes und absolutes. Sie ist wo Christus ist, deshalb sind wir immer bei Christus wenn wir bei Maria sind.

Es gibt also keine Konkurrenz zwischen Mutter und Sohn, sondern ausschließlich ein Miteinander. Zum anderen ist es nur recht und billig, daß wir der Mutter danken, wenn sie uns zum Sohn, unserem Ziel geführt hat. Maria, die Muttergottes, führt uns also immer zu ihrem Sohn. Doch das ist gleichbedeutend mit zwei weiteren Ausdrücken: Maria führt uns zur Heiligkeit, denn Heiligkeit bedeutet im Grunde genommen nichts anderes, als bei Gott, der Allerheiligsten Dreifaltigkeit zu sein, ewige Gemeinschaft mit dem zu haben, dem allein wir all unser Sein verdanken.

Oder nochmals anders ausgedrückt: Maria führt uns immer in die Kirche. Denn die Kirche ist nichts anderes als die Gemeinschaft der Heiligen, die Gemeinschaft derer, die bei Gott sind. Man kann von daher also nicht bei Gott sein ohne Glied der Kirche zu sein, weil es keine außerhalb von Gott gelegene Heiligkeit gibt. Die Muttergottes führt uns also in die Kirche, zur Heiligkeit, und damit zu ihrem Sohn. Und was könnte uns die Gottesmutter auch weniger geben wollen als „alles“? Und „Alles“ ist nichts weniger als ihr Sohn.

Gehen wir also zu Maria, so sind wir immer auch auf dem sicheren Weg zu Christus. Einmal an ihre Hand genommen, so gibt es keinen anderen Weg als den der zu Christus führt. Sie ist die Direttissima. Freilich mag es auch noch andere Wege geben, aber es sind eben doch Umwege, auf deren Endetappe wir dann aber letztlich erst recht wieder nicht an der Mutter des Herrn vorbeikommen. An Maria führt also, bei allen Umwegen die wir auch gehen mögen in unserer Frömmigkeit, letztlich kein Weg vorbei, denn am Ende werden wir immer die Mutter beim Sohn antreffen, so unterschiedlich sie auch in Wesen und Aufgabe sind. Aber Maria ist nun einmal jener Weg, welchen Gott gewählt hat als er auf die Erde herniederstieg um uns das Joch der Sündenschuld von uns zu hieven.

Deshalb bedeutet also, wenn wir zur Muttergottes gehen um ihr dafür zu danken daß sie uns ihrem Sohne zugeführt hat, im letzten gerade, bei Christus zu bleiben. Richten wir an dieser Stelle nun unser Augenmerk auf das Wallfahren selbst: der Muttergottes zu danken ist ja recht und gut, aber: müssen wir dazu unbedingt einen Weg auf uns nehmen? Müssen nicht. Aber erstens nützt es uns, und zweitens ist es mehr als recht und billig, wen WIR es einmal sind, die wir uns, wenngleich beinahe nur symbolisch, auf den Weg machen um zu Christus und zu seiner allerseligsten Mutter zu gehen. In der hohen Diplomatie gibt es, zu recht, strenge protokollarische Regeln, wer wen zu besuchen hat bzw. wer besucht wird: in der Regel besucht der Gast den Gastgeber. Ausnahmen kann es wohl geben, aber sie sind dann gut begründet wenn sie ordnungsgemäß sein wollen. Ein Treffen auf neutralem Boden gilt meist als Hinweis auf Spannungen. Der (Gast)Nehmende geht also zum (Gast)Gebenden.

Nun ist ein Besuch in einer Kirche zwecks frommen Betens gewiß kein offizieller protokollarischer Akt. Ganz im Gegenteil: Gott, der Gebende, ist derjenige, welcher stets zuerst die Initiative ergriff: in der Schöpfung, beim Bundesschluß, in der Offenbarung, in der Menschwerdung. Immer ist Gott, der Geber und Erhalter aller Dinge und allen Seins, derjenige, der zuerst tätig wird und der zuerst von sich aus kam. Doch es ist nur mehr als recht, wenn auch der Mensch als Empfänger aller Gnadengaben sich einmal, wenngleich auch nur symbolisch, aufmacht um zum Vater, zu Christus, zur Madonna oder zu einem Heiligen zu gehen, wenn er eine Gnade erbitten möchte, wenn er für eine erhaltene Gnade danken möchte, oder einfach auch so, um sich selbst zu Christus hin aufzumachen und nicht erst zu warten, bis dieser von selber kommt.

Wenn wir wallfahren, so gehen wir gleichsam Christus entgegen, wir bekunden unser Interesse und sind bereit, etwas für unsere Christusgemeinschaft zu tun. Freilich kann wird dies immer nur etwas Symbolisches bleiben, da wir Christus niemals allein von uns aus erreichen könnten, wenn nicht er derjenige wäre, der uns suchen geht, der uns entgegenkommt indem er die Kirche mit ihren heilsbringenden Sakramenten eingesetzt hat. Käme Christus nicht in der heiligsten Eucharistie zu uns herab: wir könnten niemals so weit hinaufsteigen als daß wir Christus erreichen würden! Dasselbe gilt für die Wallfahrt zur Gottesmutter und für jede Wallfahrt zu einem Heiligen. Ganz abgesehen davon, daß die Heiligen nicht lokalisierbar wären, als ob sie in einem Heiligtum anwesend wären und im Nachbargebäude schon wieder nicht. Auch ist die Muttergottes von Guadalupe keine andere als jene von Akita oder von Fatima. Maria „ist“ nicht dort, aber ein jedes dieser „dort“ ist ein Ort ihrer besonderen kultischen Verehrung die einen konkreten Grund hat, ein Ort, welcher in besonderer Beziehung zu ihr steht, ein Ort den man als Stätte eines besonderen Gnadenwirkens des Himmels in der zeitlichen Geschichte des Menschen festmachen kann.

Aus diesem Grund ist eine jede Wallfahrt etwas zutiefst zeichenhaftes. Sie kann für sich genommen und aus sich allein uns selbst heraus nichts bewirken was nicht der zuvorkommenden Gnade des Herrn bedürfte. Die längste, schwerste und mühsamste Wallfahrt könnte uns nichts verdienen, weil sie angesichts der Größe Gottes immer zu wenig bleiben würde. Doch es geht auch nicht darum, daß eine Wallfahrt mehr Wert hätte je härter und anstrengender sie ist, sie ist ja kein Sportereignis, sondern als religiöses Ereignis geht es beim Wallfahren letztlich um die innere Wegausrichtung auf unser ewiges Ziel, welches mitunter auch einen äußeren Impuls, sozusagen einen tätigwerdenden Glauben braucht, der die innere Ausrichtung wieder eicht und justiert.

Glaube ist eben niemals eine rein geistige Angelegenheit, ebenso wie er auch nie eine rein äußere Sache bleiben kann: der Inhalt ruft nach der entsprechenden Form, nach dem geformten Ausdruck der das eigene Glauben sichtbar macht und so für mich und andere greifbar werden läßt. Von daher ist Wallfahren also immer ein Ausdruck des eigenen Glaubens und der Ausgerichtetheit unserer Seele. Der Wert des Wallfahrt liegt nicht in der Anzahl der Blasen auf den Füßen und nicht in den Schweißperlen, sondern in der aktiven Ausrichtung auf die Heiligkeit, welche unvollkommen bleibt, wenn ihr der äußere Ausdruck auf Dauer unerzwungen fehlt, so wie auch jede zwischenmenschliche Beziehung leidet wenn sie nicht mitunter auch durch tätigen Ausdruck wahrnehmbar wird. Wollen wir also zu Christus kommen, so ist der schnellste Weg, wenn wir zu seiner Mutter pilgern.

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