Das verwundete Fleisch berühren

Auf die Menschen am Rand zugehen.
Erstellt von Radio Vatikan am 30. Oktober 2017 um 14:58 Uhr
Heiligstes Herz Jesu

Vatikan (kathnews/RV). Ein guter Hirte geht auf die Menschen am Rand zu und zaudert nicht, das verwundete Fleisch zu berühren; wer hingegen die Straße des Klerikalismus einschlägt, landet früher oder später nicht bei seinen Mitmenschen, sondern bei der Vergötzung von Geld oder Macht. Das sagte Papst Franziskus an diesem Montag bei seiner Frühmesse in der Casa Santa Marta des Vatikans.

Franziskus bezog sich auf das Tagesevangelium nach Lukas (Lk 13, 10-17). Es berichtet von der Heilung einer verkrümmten Frau am Sabbat in einer Synagoge. Der Papst machte darauf aufmerksam, dass der Evangelist fünf Verben gebraucht, um die Haltung Jesu zu beschreiben: sehen, rufen, sprechen, Hände auflegen, heilen. Fünf Verben der Nähe nannte Franziskus das: „Ein guter Hirte ist immer nahe – immer.“

Die Schriftgelehrten und Pharisäer damals hätten getrennt vom Volk gelebt, sie seien keine guten Hirten gewesen, sondern Menschen, die in ihrer Gruppe eingeschlossen waren. Vielleicht hätten sie sich „dafür interessiert, wieviel Geld in der Kollekte war“, aber Nähe zu den Menschen hätten sie nicht gezeigt.

Anders Jesus. Von ihm berichtet das Evangelium an einer anderen Stelle, dass er „innerlich bewegt“ gewesen sei. „Darum war Jesus immer an der Seite dieser Menschen, die die klerikale Gruppe an den Rand gedrängt hatte, an der Seite der Armen, der Kranken, der Sünder, der Aussätzigen. Er war bei ihnen, weil er diese Fähigkeit hatte, sich von der Krankheit der anderen innerlich anrühren zu lassen – er war ein guter Hirte! Ein guter Hirte, der sich den anderen nähert und der zur Empathie imstande ist. Ein guter Hirte darf sich nicht des Fleisches schämen. Er darf sich nicht schämen, das verwundete Fleisch zu berühren, so wie es Jesus mit dieser Frau getan hat: Er rührte sie an, legte ihr die Hände auf, er berührte die Aussätzigen und die Sünder.“

Ein guter Hirte sage nicht: „Ja ja doch, ich bin dir nahe – im Geiste“, das sei in Wirklichkeit nicht Nähe, sondern Distanz. Ein guter Hirte tue vielmehr das, was Jesus uns vorgelebt habe.

„Aber diese anderen, die auf der Straße des Klerikalismus sind – wem nähern die sich? Sie gehen immer entweder auf die Macht oder auf das Geld zu. Das sind schlechte Hirten. Die denken an nichts anderes als daran, wie sie sich an die Macht klammern können, wie sie Freude der Mächtigen sein können oder wie sie in die eigene Tasche wirtschaften können. Das sind die Heuchler, die sind zu allem fähig. Denen ist das Volk egal. Und wenn Jesus ihnen dieses schöne Adjektiv anheftet, nämlich „Heuchler“, dann sind sie beleidigt: Wir? Nein – wir folgen doch dem Gesetz!“

Wenn es solche schlechten Hirten schlecht ergehe, dann freue sich das Volk Gottes, fuhr der Papst fort – und diese Schadenfreude sei natürlich eine Sünde, doch sie sei auch verständlich, denn die Menschen hätten so viel ertragen, dass sie die neue Lage jetzt ein bisschen „genießen“ wollten.

Der gute Hirte hingegen sei wie Jesus: Er sehe, rufe, spreche, berühre und heile wie im Evangelium von diesem Montag.

„Es ist eine Gnade für das Volk Gottes, gute Hirten zu haben, Hirten wie Jesus, die sich nicht schämen, das verwundete Fleisch zu berühren. Die wissen, dass sie – nicht nur sie, sondern auch wir alle – danach einmal gerichtet werden: Ich war hungrig, ich war im Gefängnis, ich war krank… Die Kriterien des Schlussprotokolls (nach dem wir gerichtet werden) sind die Kriterien der Nähe, die Kriterien dieser totalen Nähe: anfassen, die Lage des Volkes Gottes teilen. Vergessen wir das nicht: Der gute Hirte ist immer den Menschen nahe, immer, so wie Gott, der Vater, im menschgewordenen Jesus Christus uns nahe gekommen ist.“

Foto: Heiligstes Herz Jesu – Bildquelle: Kathnews