50 Jahre „Veterum Sapientia“

Ein Dokument, das ohne Wirkung geblieben ist.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 22. Februar 2012 um 08:36 Uhr

Am 22. Februar 1962, wenige Montate vor Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils, unterzeichnete Papst Johannes XXIII. in ungewöhnlich feierlicher Form die Apostolische Konstitution „Veterum Sapientia“, ĂŒber die „Weisheit der Alten“. Gemeint sind die Griechen und die Römer. „Veterum Sapientia“ war ein Lobpreis ihrer Sprachen: Griechisch und Latein. Vor allem wollte der Papst mit dieser Apostolischen Konstitution die lateinische Sprache fördern. Latein sei universal und eigne sich fĂŒr die Förderung jeder Form von Kultur unter den Völkern. Latein mĂŒsse gleichsam als „Heilige Sprache“ und als unverĂ€nderliche Sprache bewahrt und geplegt werden, so Johannes XXIII.

Latein in der Priesterausbildung

Ein besonderes Anliegen war es dem Papst, den Lateinunterricht fĂŒr die Theologiestudenten zu intensivieren. Die wichtigsten theologischen FĂ€cher an Seminaren und UniversitĂ€ten sollten sogar in Latein unterrichtet werden. Das verlangte auch von den Professoren eine grĂŒndliche Kenntnis der Sprache der alten Römer. Johannes XXIII. beauftragte die Priesterseminare und UniversitĂ€ten, einen Lehrplan fĂŒr den Lehrberuf Latein zu erstellen, die nur in AusnahmefĂ€llen verĂ€ndert werden dĂŒrften. Niemand können zu den philosophischen und theologischen Studien zugelassen werden, der nicht ĂŒber grĂŒndliche Lateinkenntnisse verfĂŒgt. Die Diözesanbischöfe wurden aufgefordert, die Förderung der lateinische Sprache in den Seminaren sicherzustellen.

Wirkungslos geblieben

Wenn man 50 Jahre nach „Veterum Sapientia“ Bilanz zieht, muss man nĂŒchtern feststellen, dass das pĂ€pstliche Schreiben vollkommen wirkungslos geblieben ist. Grundlegende Kenntnis der lateinischen Sprache (geschweige denn des Altgriechisch) ist bei Priestern und Seminaristen kaum noch vorhanden. Mitverantwortlich dafĂŒr ist auch die VerkĂŒrzung der Gymnasialzeit, die Ausdehnung des Unterrichts auf moderne Fremdsprachen und die zunehmend naturwissenschaftliche Ausrichtung der Schulen. Das hat zu einer drastischen ZurĂŒckdrĂ€ngung des altsprachlichen Unterrichts (Altgriechisch und Latein) an den Gymnasien gefĂŒhrt. Die Folge ist, dass die fĂŒr das Studium der Theologie und die Zelebration der Liturgie in lateinischer Sprache sowohl nach dem Missale Romanum Papst Pauls VI., der sogenannten ordentlichen Form des Römischen Ritus, als auch gemĂ€ĂŸ der klassischen Form des Römischen Ritus nach dem Missale Romanum Pius V. bzw. Johannes XXIII erforderlichen altsprachlichen Kenntnisse nicht mehr ohne weiteres vorausgesetzt werden können. In den meisten PriesterausbildungsstĂ€tten wird der lateinischen Sprache zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Den Priesterseminaren und -konvikten sowie den UniversitĂ€ten gelingt es nicht, die fehlenden oder unzureichenden Lateinkenntnisse, die an den Gymnasien hĂ€tten erworben werden mĂŒssen, in der Priesterausbildung nachzuholen. Die bei Eintritt ins Seminar und ins Theologiestudium angebotenen in zwei oder im gĂŒnstigsten Fall in drei oder vier Semestern veranstalteten Lateinkurse an theologischen FakultĂ€ten und Priesterseminaren erweisen sich als unzureichend, wenn nicht auf diese einfĂŒhrenden Grundkurse vertiefende Aufbaukurse folgen, in denen sich der Student bzw. der Alumne durch regelmĂ€ĂŸige Übungen mit lateinischen Texten in die lateinische Sprache, insbesonere in die LatinitĂ€t des Kirchenlateins, einarbeitet. Trotz „Veterum Sapientia“ bleibt nach wie  vor auch 50 Jahre danach ein zweifaches Desiderat bestehen: Der Lateinunterrricht an UniversitĂ€ten und Priesterseminaren muss erweitert und vertiefende Schulungskurse fĂŒr Priester in den Diözesen eingerichtet werden.

Was „1962 sozusagen ĂŒber Nacht in kirchlichem Gehorsam tatsĂ€chlich probiert und auch nach kurzer Zeit mit augenszwinkernder Toleranz der zustĂ€ndigen kirchlichen Oberen wieder abgebrochen wurde, war, auf gut bayerisch gesagt, eine einzige Gaudi“, kommentiert im RĂŒckblick Otto Herman Pesch das pĂ€pstliche Schreiben „Veterum Sapientia“ (O.H. Pesch, „Das Zweite Vatikanische Konzil. Vorgeschichte, Verlauf, Ergebnisse, Nachgeschichte, 2. Auflage, WĂŒrzburg 1994, 83). Pesch versteht die Enzyklika als ein „beruhigendes ZugestĂ€ndnis“ an die konservativen KrĂ€fte in der Liturgievorbereitungskommission, die um den Erhalt der lateinischen Sprache in der Liturgie fĂŒrchteten. Um ihnen ihre Sorge zu nehmen, sei die „Veterum Sapientia“ verfaßt worden.

Das Zweite Vatikanische Konzil nicht umgesetzt

Auch bei manchen Ă€lteren Priestern sind – trotz „Veterum Sapientia“ – die einst noch an einem humanistisch-altsprachlichen Gymnasium erworbenen Kenntnisse der lateinischen Sprache in der Zeit nach dem Konzil in Vergessenheit geraten. Entgegen den Vorgaben des Zweiten Vatikanischen Konzils  (Sacrosanctum Concilium, Nr. 101) machten Priester es sich zur Gewohnheit, in der Nachkonzilszeit das Brevier nicht mehr auf Lateinisch zu beten und die Messe entgegen den ausdrĂŒcklichen Bestimmungen von Sacrosanctum Concilium Nr, 36 ausschlieÎČlich in der Landessprache zu feiern. Die dadurch preisgegebene Praxis der lateinischen Sprache ist mitverantwortlich fĂŒr deren mangelnde Kenntnis unter Klerikern, die es in unseren Tagen zu beklagen gilt.

Das Konzil wĂŒnschte den Erhalt und die Förderung der lateinischen Sprache

Dabei sind die Vorgaben des Konzils und in dessen Nachfolge die des kirchlichen Gesetzgebers deutlich. Über die lateinische Sprache in der Priesterausbildung normiert der kirchliche Gesetzgeber u. a.: “In der Ordnung fĂŒr die Priesterausbildung ist vorzusehen, dass die Alumnen nicht nur in ihrer Muttersprache sorgfĂ€ltig unterwiesen werden, sondern dass sie sich auch auf die lateinische Sprache gut verstehen 
” (can. 249). Im Konzilsdekret „Optatam totius“ (Nr. 13) ĂŒber die Priesterausbildung bestimmen die VĂ€ter des Zweiten Vatikanischen Konzils: “Vor Beginn der eigentlichen kirchlichen Studien sollen die Alumnen den Grad humanistischer und naturwissenschaftlicher Bildung erreichen, der in ihrem Land zum Eintritt in die Hochschulen berechtigt. Sie sollen zudem so viel Latein lernen, daß sie die zahlreichen wissenschaftlichen Quellen und die kirchlichen Dokumente verstehen und benĂŒtzen können. Das Studium der dem eigenen Ritus entsprechenden liturgischen Sprache muß als notwendig verlangt werden; die angemessene Kenntnis der Sprachen der Heiligen Schrift und der Tradition soll sehr gefördert werden” SchlieÎČlich ruft das Zweite Vatikanische Konzil auch in seiner Liturgiekonstitution „Sacrosanctum Concilium“ unmissverstĂ€ndlich zum Erhalt der lateinischen Liturgiesprache auf, wenngleich zugestanden wird, dass „nicht selten der Gebrauch der Muttersprache fĂŒr das Volk sehr nĂŒtzlich sein kann“ (Sacrosanctum Concilium, Nr. 36). FĂŒr die „mit dem Volk gefeierten Messen“ wurde der Gebrauch der Muttersprachen zugestanden, „besonders in den Lesungen und im allgemeinen Gebet“ sowie „in den Teilen, die dem Volk zukommen“ und auch „darĂŒber hinaus“ (SC, 54). Weiterhin aber ist dafĂŒr zu sorgen, dass „die ChristglĂ€ubigen die ihnen zukommenden Teile des Mess-Ordinariums auch lateinisch miteinander sprechen und singen können“ (SC, 54).

Zu hohe Anforderungen

Kardinal Stickler berichtete einmal von einem GesprĂ€ch, das er 25 Jahre nach „Veterum Sapientia“ 1987 in der deutschen Botschaft in Rom mit dem damaligen Kölner Kardinal Höffner gefĂŒhrt hat. Kardinal Höffner soll gesagt haben, dass einer der GrĂŒnde fĂŒr den RĂŒckgang der lateinischen Sprache in der Kirche gerade die zu hohen Anforderungen der Apostolischen Konstitution „Veterum Sapientia“ gewesen seien. Johannes XXIII. habe darin ein Programm vorgelegt, dass zwar der langen Tradition der europĂ€ischen LĂ€nder entsprach, aber zu wenig jene LĂ€nder im Blick hatte, in denen kein Latein studiert oder, trotz guten Willens, sehr oberflĂ€chlich betrieben wurde. Damit habe „Veterum Sapientia“ genau das Gegenteil erreicht von dem, was es beabsichtigte. Denn die Hierarchie in diesen verschiedenen LĂ€ndern konnte nicht anders tun als zu antworten: „Ad impossibila nemo tenetur“ (niemand ist zu etwas verpflichtet, was unmöglich ist). HĂ€tte man das Konzilsdokument ĂŒber die Priesterausbildung, das anders als „Veterum Sapientia“ die Voraussetzungen in anderen LĂ€ndern berĂŒcksichtigte, rezepiert, dann hĂ€tte, so der Kölner Kardinal, ein Minimum der Forderungen von „Veterum Sapientia“ im Hinblick auf die Förderung und Pflege der lateinischen Sprache verwirklicht weden könnnen.

50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil

Am 21. Oktober 2012 jĂ€hrt sich zum 50. Mal der Jahrestag der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils durch Johannes XXIII, der am 22. Februar 1962 „Veterum Sapientia“ veröffentlich hat. Der Papst begann seine – wohl nachtrĂ€glich ins Lateinische ĂŒbersetzte – Eröffnungsreden feierlich mit den drei bekannten Worten „Gaudet Mater Ecclesia“ (Es freut sich die Mutter Kirche). 50 Jahre danach steht die Kirche mit dem Pontifikat Papst Benedikts XVI. vor einer neuen Herausforderung: die kritische Reflexion ĂŒber dieses wohl grĂ¶ĂŸte Ereignis in der Kirchengeschichte des vergangenen Jahrhunderts. Das Konzil wurde auf weite Strecken nicht, kaum oder verkehrt umgesetzt. Die Ursache dafĂŒr ist vor allem die Hermeneutik seiner Texte und mancher seiner Formulierungen. 50 Jahre nach diesem kirchlichen Großereignis geht es um dessen richtige Interpretation und die daraus folgenden Applikation und Rezeption. Fest steht: Die Vorgaben des Konzils im Hinblick auf die lateinische Sprache sind nicht umgesetzt worden. Man kann sich fragen, inwieweit „Veterum Sapientia“ selber mit schuldig ist an dieser Entwicklung. Hat die Apostolische Konstitution zur Förderung der lateinischen Sprache nicht eher als Bremse denn als Förderer des konziliaren Auftrages gewirkt? 50 Jahre danach stellt sich die Frage, ob es gelingt, in einer vertieften Hermeneutik der Reform in KontinuitĂ€t auch der lateinische Sprache ihren zentralen Platz im Leben der Kirche, insbesondere in der Priesterausbildung und der Liturgie, zurĂŒckzugeben.

Foto: Petersdom – Bildquelle: B. Greschner, kathnews

 

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