„Unter dem Geheimnis des Kreuzes“

Das neue Buch von Georg Dietlein. Eine Leseprobe.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 13. Februar 2014 um 10:35 Uhr
Unter dem Geheimnis des Kreuzes

Im Januar 2014 ist im Pneuma Verlag das neue Buch „Unter dem Geheimnis des Kreuzes“ von Georg Dietlein erschienen. Mit seinen zahlreichen Betrachtungen geht der Autor auf das tiefe Mysterium des Kreuzes ein. „Nur wer den Karfreitag nachvollzieht, kann den Ostermorgen mitfeiern.“ Gerade in der heutigen Zeit, in der das Kreuz so oft geleugnet wird, aus Klassenzimmern und Gerichtssälen entfernt und selbst aus Kirchen und von deren Altären verbannt wird, ist es von besonderer Wichtigkeit, das bekannteste Symbol des Christentums in den Mittelpunkt des Lebens zu stellen.

Zum Autor

Georg Dietlein wurde am 15. September 1992 in Köln geboren. Parallel zu seiner Gymnasialzeit studierte er seit 2006 Katholische Theologie und Philosophie in Köln und Bonn. Aus dieser Zeit stammt sein Erstlingswerk zum mittelalterlichen Philosophen Wilhelm von Ockham, das er 2008 veröffentlichte. 2009 folgte ein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität zu Köln. Mit Erlangung seines Abiturs setzte er 2010 das Studium der Rechtswissenschaften fort und begann zusätzlich ein Studium der Betriebswirtschaftslehre, das er 2013 mit einer Arbeit zum kirchlichen Management abschloss. Er ist kirchlich, politisch, gesellschaftlich und publizistisch engagiert. 2011 gründete Georg Dietlein gemeinsam mit Kölner Studierenden die erste selbständige studentische Rechtsberatung in Deutschland. Nach seinem rechtswissenschaftlichen Studium möchte Georg Dietlein ins Priesterseminar eintreten.

Eine Leseprobe

»Das Kreuz ist eines der größten, radikalsten und äußersten Geschenke, das uns unser Herr und Erlöser Jesus Christus hinterlassen hat. Am Kreuz prallen Gott und Mensch, Schöpfer und Geschöpf, göttliche Liebe und menschliche Sünde diametral aufeinander: Hier erfährt Jesus Christus, der Sohn Gottes, die Wucht menschlicher Grausamkeit am eigenen Leib. Von seinen engsten Freunden verlassen geht er aus Liebe den steinigen Weg hinauf nach Golgota, hinab in den Tod. Für uns Christen ist das Kreuz nicht deshalb so bedeutsam, weil sich hier die Rohheit menschlicher Gewalt oder das schmerzhafte Leiden des Gottessohnes manifestiert, sondern weil im Kreuz die Größe und Demut Gottes offenbar wird. Jesus beantwortet die Gewalttätigkeit der Menschen nicht mit Gewalt, sondern mit Gewaltlosigkeit. Auf den Hass seiner Mörder reagiert er mit Milde, Geduld, Demut und Gehorsam. Vielleicht würden wir uns manchmal einen Gott wünschen, der seinen mächtigen Arm ausstreckt und allem Übel und Unrecht dieser Welt unmittelbar ein Ende bereitet. Doch die Allmacht Gottes „tickt“ anders. Gott regiert nicht gegen die menschliche Freiheit, sondern immer nur mit der Macht der Liebe. Im Kreuz leuchtet uns auf, wie ohnmächtig diese Liebe sein kann. Mit seiner Lebenshingabe am Kreuz hat Jesus Christus das Äußerste dafür getan, um uns auf „seine Seite“ zu ziehen, auf die Seite der Liebe, auf die Seite Gottes, des Vaters. Jesus ist sich um der Liebe willen für nichts zu schade, nicht einmal für das unbequeme Kreuz, das ihm auf die Schultern geladen wird. Er liebt uns so sehr, dass er für uns den Kreuzweg geht.

Der Kreuzestod Jesu Christi steht nicht als abstraktes Ereignis im Raum, das sich vor 2000 Jahren in Jerusalem ereignet hat und uns heute nichts mehr angeht. Der Tod Jesu am Kreuz betrifft vielmehr jeden einzelnen von uns. Er ist Höhe- und Tiefpunkt der lebenslangen Hingabe des Gottessohnes an die Menschen. Am Kreuz ist Christus für uns und unsere Sünden gestorben – nicht unverbindlich, unpersönlich und gleichsam kollektiv, sondern endgültig und für alle. Jeder Mensch ist das ganze Blut Christi wert. Am Kreuz hat Jesus Christus für jeden einzelnen von uns sein ganzes Leben hingegeben, um den Bund zwischen Gott und den Menschen neu und ein für allemal zu besiegeln. „Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und uns das Wort von der Versöhnung anvertraute“ (2 Kor 5, 19). Gott ist es, der den ersten Schritt wagt. Er kommt auf uns zu. Er streckt uns seine gütige Hand aus, auch wenn wir uns gegen ihn und unsere Mitmenschen verfehlt haben. Das Kreuz Jesu Christi ist der glaubwürdigste Beweis, die glaubwürdigste Manifestation, der glaubwürdigste Vollzug des ewigen Heilswillens Gottes. Gott will nur unser Bestes. Er will unser Wohlergehen und unser Heil, weil er uns liebt. Liebe aber nimmt immer die ganze Freiheit des anderen ernst. Und genau deshalb kann Gott nicht einfach darüber hinwegsehen, dass wir uns in unserer Freiheit jeden Tag neu von ihm abwenden, wenn wir uns letztlich selbst richten. Gott kann das, wodurch wir uns von ihm trennen, nicht einfach ignorieren oder ausblenden. Er nimmt uns in unserer ganzen Personalität ernst, also auch dann, wenn wir unsere Freiheit gegen ihn wenden, wenn wir unsere Freiheit pervertieren.

Und gerade deshalb ist das Kreuz Christi so wesentlich für unsere Erlösung. Gott bleibt angesichts unserer Sünden nicht schlichtweg unberührt. Er hat Mitleid. Er will unsere Liebe. In seinem Sohn Jesus Christus tritt er daher in die Geschichte ein, um uns seine Barmherzigkeit zu schenken. Zwar kann auch Gott unsere Verfehlungen nicht einfach ungeschehen machen. Aber er kann uns – trotz unserer Sünden – immer wieder annehmen und seinen Bund mit den Menschen erneuern. Dies ist im Kreuzestod Jesu Christi ein für allemal geschehen. Jesus Christus ist die ausgestreckte Hand des gütigen Vaters: Ich lasse Dich nicht im Stich, ich halte zu Dir! Noch am Kreuz ruft Jesus: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34). Und zum reuigen Schächer am Kreuz neben ihm spricht er: „Amen, ich sage Dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43).

Das Kreuz Jesu Christi ist eines der größten Geheimnisse unseres Glaubens. Es zerbricht alle Bilder und Vorstellungen, die wir uns von Gott machen: Gott offenbart sich eben nicht machtvoll als Herrscher, sondern ohnmächtig am Kreuz. Dass das Kreuz den Menschen Probleme bereiten würde, wusste bereits der heilige Paulus: „Wir verkündigen Christus als den Gekreuzigten – für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ (1 Kor 1, 23f.). Auch wir werden die Bedeutung des Kreuzes für die Welt und unser Heil wohl nie ganz begreifen können. Wohl aber können wir uns dem Geheimnis des Kreuzes nähern. „Das Geheimnis des Kreuzes – davon können wir nur ein wenig verstehen – auf Knien, im Gebet, aber auch durch die Tränen“, schreibt Papst Franziskus. Möglicherweise fällt uns das Verständnis des Kreuzes auch deshalb so schwer, weil wir das Kreuz gar nicht wahr haben wollen. Es könnte doch alles so schön sein – denken wir vielleicht – ohne das Kreuz, ohne den Karfreitag, ohne die gestörte Romantik. Doch ein Christentum ohne das Kreuz gibt es nicht. Dies war bereits die Versuchung der Jünger Jesu, die ihm davon abrieten, nach Jerusalem zu gehen und dort am Kreuz zu sterben. Die klare Antwort Jesu an Petrus kennen wir: „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen“ (Mt 16, 23).

Wenn wir den Kreuzweg unseres Herrn Jesus Christus betrachten, so geht uns auf, dass wir uns gerade in unserem eigenen Leben auf vielen kleinen Kreuzwegen befinden. Nachfolge Christi bedeutet immer Kreuzesnachfolge: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt 16, 24). Sein Kreuz auf sich zu nehmen bedeutet dabei gar nicht einmal, besonders Großes oder Aufsehenerregendes zu vollbringen. Unser tägliches Kreuz tragen wir dort, wo wir gegen unsere Selbstsucht und gegen unseren Egoismus ankämpfen, wo wir unsere Lauheit überwinden und unsere Bequemlichkeiten ablegen. Kreuzesnachfolge fängt dabei an, die kleinen Dinge, die gewöhnlichen Pflichten des Alltages, etwa in Familie und Beruf, mit besonders großer Liebe und außergewöhnlichem Eifer zu erfüllen. Das Kreuz Jesu führt uns dabei vor Augen: Liebe hat ihren Preis. Liebe gibt es nicht umsonst. Sehr schön drückt dies der Satz eines Liebenden aus: „Ich mag Dich leiden“. Wer liebt, muss einen Existenzwechsel vollziehen vom Ich zum Du. Wer liebt, gibt sich selbst hin und verschenkt sich ganz. Liebe hat aber nicht nur ihren Preis, sondern ist ihren Preis auch wert. Wer sich an einen anderen Menschen, etwa den Ehepartner, verschenkt und sich ihm bedingungslos hingibt, der verschwendet sich nicht einfach, sondern findet in dieser Beziehung Erfüllung und Sinn.

In den zurückliegenden Betrachtungen haben wir uns ein wenig dem Geheimnis des Kreuzes genähert: Der Kreuzweg ist der Weg der Liebe, der Barmherzigkeit, der Leidenschaft, des Mitleids, der Gnade und des Friedens. Er ist auch der Weg der Kirche und letztlich unser eigener Weg – als Weg der Freude. So bekennt die Liturgie der Kirche: Durch Dein heiliges Kreuz kam Freude in die Welt. Nur wer den Kreuzweg mitgeht, kann auch den Ostermorgen mitfeiern. Nur wer den Karfreitag nachvollzieht, kann auch das Osterfest begehen. Unter dem Kreuz sind wir als Christen von Minus- zu Plus-Menschen geworden: Wer Christus nachfolgt und sein Kreuz auf sich nimmt, hat mit Christus auch Zukunft und ewiges Leben. Kreuzesnachfolge wirkt sich bereits im hier und heute aus: Das Kreuz reißt uns heraus aus unserer Selbstsucht und gliedert uns ein in die Lebenshingabe Christi an den Vater, die ewiges Leben ist.«

Unter dem Geheimnis des Kreuzes – Betrachtungen zum Kreuzweg
Georg Dietlein
ISBN 978-3-942013-23-9
212 S. € 19,95
versandkostenfrei
Pneuma Verlag

Quellenangabe: Abschnitt „Zum Autor“

Foto: Unter dem Geheimnis des Kreuzes – Bildquelle: Pneuma Verlag