Reli am Samstag

Diaspora: In Bad Frankenhausen gehen katholische Kinder in die Sonnabend-Schule.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 15. November 2011 um 09:32 Uhr
Religionsunterricht

„Wer hat schon mal was von Lepra gehört?“ fragt Marius Walter in die Runde. Der 13-JĂ€hrige steht im großen Saal des Pfarrheims vorne an der Tafel. Hinter dem Pult, links neben ihm, sitzt Pfarrer Johannes Preis und beĂ€ugt den SchĂŒler kritisch. Marius hĂ€lt ein Referat ĂŒber den OrdensgrĂŒnder Damian de Veuster. Seine 13 MitschĂŒler hören ihm dabei aufmerksam zu oder malen vor sich hin, schreiben fleißig mit oder schwĂ€tzen mit dem Nachbarn. Schulalltag im thĂŒringischen Bad Frankenhausen und das an einem Samstagvormittag.

In einem kleinen Raum zwei TĂŒren weiter: „Darf ich die erste Strophe lesen?“ Tamara meldet sich mit beiden Armen und lautem Rufen. Gerade hat die Lehrerin, Frau Wallrodt, ein kunstvoll zugeschnittenes Papier ausgeteilt. Darauf ein Abendgebet. Die sechs- bis neunjĂ€hrigen Kinder sollen dafĂŒr einen Rahmen basteln, um sich das Gebet ans Bett oder ins Kinderzimmer hĂ€ngen zu können. „Lieber Gott, ich danke Dir, fĂŒr Mama, Papa, Kuscheltier“, liest Tamara langsam vor.

Über 40 Kinder und Jugendliche haben sich an diesem Samstag im Pfarrheim der Maria-Himmelfahrt-Gemeinde in Bad Frankenhausen versammelt. Einmal im Monat verwandelt sich das Haus neben der kleinen Kirche in eine regulĂ€re Schule. Vier Stunden katholischer Religionsunterricht stehen an, von neun bis 13 Uhr. Drei Klassen gibt es auf der sogenannten „Sonnabend-Schule“. Kinder aus den Jahrgangsstufen eins bis drei, vier bis sieben und acht bis zehn werden jeweils gemeinsam unterrichtet.

Im Glauben alleine

„Auf meiner Schule sind vielleicht 40 katholische Kinder“, berichtet Marius und fĂŒgt hinzu: „In meiner Klasse sind wir nur zu zweit!“ Mit Marius besuchen rund 500 SchĂŒler das KyffhĂ€user-Gymnasium in Bad Frankenhausen. Der Großteil gehört keiner christlichen Konfession an. Die Schule ist ein Spiegel der Gesellschaft im nahen und weiten Umfeld der thĂŒringischen Kleinstadt. Rund 75 Prozent der Bevölkerung sind konfessionslos. Der Katholikenanteil liegt bei drei Prozent. Katholische Christen leben hier in der Diaspora. Zur Pfarrgemeinde Bad Frankenhausen zĂ€hlen 550 GlĂ€ubige, die auf 13 Ortschaften verstreut leben. Zur Sonnabend-Schule mĂŒssen die meisten eine weite Anreise auf sich nehmen. Bis zu einer Dreiviertelstunde brauchen die SchĂŒler von den umliegenden Dörfern nach Bad Frankenhausen.

„Ein bis zwei katholische SchĂŒler pro Jahrgangsstufe sind einfach zu wenig, um einen ordentlichen Unterricht zu gewĂ€hrleisten“, meint Pfarrer Preis. Deshalb wurde mit dem Schulministerium eine Sonderregelung vereinbart, in den PfarrrĂ€umen einmal im Monat den Schulunterricht im Fach katholische Religion abzuhalten. Ein Modell, das insgesamt vier Mal in ThĂŒringen zur Anwendung kommt. Auf diese Weise erleben die katholischen Kinder, dass sie nicht alleine sind mit ihrem Glauben, sondern dass es Gleichaltrige gibt, die sich ebenso zu Gott und Jesus Christus bekennen. Ganz nach dem Motto: „Keiner soll alleine glauben“.

Standfestigkeit gefragt

„Nur manchmal ist es gut“, bekennt Alexandra Reich. Die SiebenjĂ€hrige zeigt sich nicht gerade begeistert darĂŒber, dass sie auch noch am Samstag in die Schule muss. Missmutig sitzt sie ĂŒber ihrem KreuzwortrĂ€tsel zur Arche Noah. Als einziges katholisches MĂ€dchen in ihrer zweiten Klasse falle sie vollkommen aus dem Rahmen. So empfindet sie den Ausnahme-Unterricht. Die große Mehrheit ihrer MitschĂŒler besucht das Fach Ethik unter der Woche. Es wĂ€re ein leichtes, auch Alexandra von der katholischen Religion abzumelden und sie mit den konfessionslosen Freundinnen und Freunden zum Ethik-Unterricht zu schicken.

Samstags nach Bad Frankenhausen zu fahren, erfordere viel Standfestigkeit, das bestĂ€tigen auch Christin Leistner und ihre Freundinnen. Jedoch tauschen wollen die Teenagerinnen nicht: „In der Sonnabend-Schule beschĂ€ftigen wir uns intensiver mit Jesus und mit Gott.“ Ethik kommt bei den jungen MĂ€dchen schlecht weg: zu wenig religiöse Tiefe, zu viel Benimmregeln und andere Weltreligionen, meinen sie ĂŒbereinstimmend. „Im Ethik-Unterricht wird Jesus eben nur grob angerissen“, unterstreicht Vanessa TrĂ€ger. Sie hĂ€lt heute ein Referat ĂŒber Christen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus: Edith Stein, Dietrich Bonhoeffer, Maximilian Kolbe. Durch die Bank weg freuen sich alle SchĂŒler ĂŒber eine Besonderheit: „Jedes Mal wenn die anderen zu Ethik oder evangelischer Religion mĂŒssen, habe wir eine Freistunde“, sagt Vanessa. Sie grinst. Da wĂŒrden ihre MitschĂŒler schon mal neidisch.

Mit Sporttaschen bepackt wartet Katja Lendler vor dem Pfarrheim auf ihren Sohn Johann und ihre Tochter Marlen. „Wir sind eine sportliche Familie“, erklĂ€rt sie und schaut auf die Uhr. Im Anschluss an den Religionsunterricht möchte sie mit ihren Kindern noch am KyffhĂ€user-Lauf teilnehmen. Als eine Belastung fĂŒr das Familienleben empfindet sie den Samstagsunterricht nicht. Dieser finde schließlich nur einmal im Monat statt. Und doch: „Ja, manchmal muss Johann eigentlich zum Fußball, aber dann geht es halt hier hin.“ Katja Lendler bezeichnet sich als nicht religiös. Ihr Mann und ihre Schwiegereltern seien praktizierende Katholiken. „Wir haben beschlossen, dass unsere Kinder diese Religion kennenlernen“, erzĂ€hlt sie. „Wie die Kinder sich dann mal spĂ€ter entscheiden, bleibt ihnen ĂŒberlassen.“

Angewandte Religion im Schulunterricht

„TrĂ€gst du dein Kreuz Herr, trĂ€gst Du auch mich, liebst du den Vater, liebst du auch mich“, klingt es durch die Kirche gleich neben dem Pfarrheim. Pfarrer Preis reicht einen Korb mit NĂ€geln durch die Bankreihen. „FĂŒhlt an der Spitze des Nagels, wie schmerzlich das ist“, fordert er die SchĂŒler auf. An diesem Morgen finden sich alle in der Kirche ein, um gemeinsam, passend zur Fastenzeit, fĂŒnf Kreuzwegstationen zu beten. Das kleine Gotteshaus, das mit seinen 80 PlĂ€tzen eher wie eine Kapelle anmutet, bleibt den ganzen Vormittag geöffnet. Immer wieder gehen SchĂŒler hinein. Im Anschluss an die Schulstunden besteht an diesem Samstag die Möglichkeit zu beichten. Rund vier Mal im Jahr macht Pfarrer Preis dieses Angebot. „Lust zu beichten, habe ich eigentlich keine“, ist Maximilian Knorr ehrlich. Aber der 15-JĂ€hrige macht es dann trotzdem. „Wenn es schon angeboten wird, gehe ich hin.“

Angewandte Religion im Schulunterricht, fĂŒr Pfarrer Preis und Gemeindereferent Michael Turbiasz zeigt sich hier das große Plus am Bad-Frankenhausener-Modell. „Die Kinder bekommen auf diese Weise noch einen lebendigen Bezug zur Kirche“, betont Preis. Im Religionsunterricht in der Schule falle dies oftmals unten durch. „Oder wann sehen die Kinder noch wĂ€hrend des Unterrichts ein Gotteshaus von innen?“ fragt der Priester. „Die zweimal 45 Minuten unter der Woche reichen dazu doch niemals aus.“ Vier Schulstunden am StĂŒck verschafften jedoch mehr Zeit, nicht nur fĂŒr Unterrichtsstoff nach Lehrplan, sondern auch fĂŒr gelebte Religion. Gerade in der Diaspora, wo die Wege zur nĂ€chsten Kirche weit, katholische Jugendarbeit in den Dörfern selten, ein regelmĂ€ĂŸiges Engagement wegen langer Fahrzeiten fast unmöglich ist, wird die Sonnabend-Schule zur wichtigen Institution der Glaubensweitergabe.

Gemeinschaft erleben

„Ohne diese Schule wĂŒrden sich die katholischen Kinder untereinander kaum kennen“, erklĂ€rt Turbiasz. Die Sonnabend-Schule erzeuge unter den jungen Katholiken ein besonderes GemeinschaftsgefĂŒhl im Glauben, das in ihrer direkten Lebensumgebung so nie zustande kommen könnte. „Wie soll das auch passieren, wenn ein Junge vielleicht das einzige katholische Kind in einem Dorf ist und der nĂ€chste katholische Altersgenosse zehn Kilometer weit weg wohnt?“ fragt Turbiasz. Im klassenĂŒbergreifenden Morgenkreis zu Unterrichtsbeginn, an der Tischtennisplatte in der Pause, in den gemischten Klassen wĂ€hrend des Vormittags entstehe unter den SchĂŒlern Gemeinschaft. Über weite Entfernungen und unterschiedliche Schularten hinweg lerne sich so der katholische Nachwuchs in der Sonnabend-Schule kennen und vernetze sich langfristig. „Das ist ein besonderer Schatz fĂŒr die Zukunft der katholischen Gemeinde hier in der Diaspora“, so Turbiasz.

Textquelle: Alfred Herrmann

Foto: Kinder in der Klasse – Bildquelle: Alfred Herrmann

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