Pius.info fragt, Pater Schmidberger antwortet

Eine kommentierende Analyse zu einem Interview.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 20. September 2012 um 19:13 Uhr

Am 18. September hat das Internetportal pius.info, das vom deutschen Distrikt der Priesterbruderschaft St. Pius X. betrieben wird, das YouTube-Video eines Interviews mit dem Distriktoberen, Pater Franz Schmidberger, ĂŒber den Stand der Verhandlungen mit Rom und ĂŒber die zuletzt vorgelegte Fassung der LehrmĂ€ĂŸigen PrĂ€ambel vom 13. Juni 2012 veröffentlicht. Das Interview fĂŒhrt der Pressesprecher des deutschen Distrikts, der aus Österreich gebĂŒrtige Pater Andreas Steiner. Zuallererst ist die ruhige, vollkommen sachliche und maßvolle AtmosphĂ€re des gesamten GesprĂ€chs lobend als wohltuend hervorzuheben, obwohl bei den beteiligten GesprĂ€chspartnern auch nichts anderes zu erwarten war.

Wieder LizeitÀt

Gleich eingangs benutzt Pater Schmidberger wieder den Begriff der LizeitĂ€t. Ein starkes Indiz, dass dieser Ausdruck tatsĂ€chlich im Wortlaut der PrĂ€ambel vom 13. Juni 2012 vorkommen muss. Abermals legt er die durchaus prĂ€zise Übersetzung mit „Erlaubtheit“ dahingehend aus, dass sie RechtmĂ€ĂŸigkeit bedeute. Möglicherweise legt sich das durch den Kontext tatsĂ€chlich nahe, den Pater Schmidberger im Unterschied zu uns natĂŒrlich kennt. In diesem Falle benutzt aber die Römische Seite den Ausdruck abweichend von seiner sonstigen, einhelligen kanonistischen Bedeutung oder in euphemistischer Absicht, um die Tragweite der Aussage abzumildern. Offenbar ist die Piusbruderschaft sich dieser Tragweite trotzdem voll bewusstgeworden.

Ein Papstbrief an den Generaloberen

Das Interview bringt einen Papstbrief zur Sprache, den der Heilige Vater auf Nachfrage, ob die Bedingungen, die die PrĂ€ambel vom 13. Juni enthĂ€lt, wirklich mit ihm abgestimmt seien, an Bischof Fellay gesandt hat. Darin bestĂ€tigt der Papst, dass die PrĂ€ambel, wie sie jetzt vorliegt, seinem Willen entspricht. Neben der LizeitĂ€t muss die Bruderschaft demnach das Vorhandensein einer KontinuitĂ€t des II. Vatikanischen Konzils und des nachkonziliaren Lehramtes mit dem frĂŒheren Lehramt und den vorausgegangenen Konzilien bestĂ€tigen. An dieser Stelle der Argumentationskette mĂŒsste man bei Schmidberger nachhaken, ob er und die Bruderschaft diese Bedingung nicht allzu streng auslegt und deshalb fĂŒr unannehmbar hĂ€lt. KontinuitĂ€t kann hier mehrere Bedeutungen haben. ZunĂ€chst einmal kann sie formal gemeint sein. Ist das II. Vaticanum fĂŒr die Piusbruderschaft ein legitim einberufenes und durchgefĂŒhrtes Konzil, das 21. in der Reihe der Ökumenischen Konzilien? Wurde auf ihm und seither das Lehramt grundsĂ€tzlich legitim ausgeĂŒbt? Im Lichte einer Aussage Bischof Fellays aus dem Jahr 2001, dass die Piusbruderschaft mit „95 % der Aussagen des II. Vaticanums kein Problem“ habe, wĂ€re weiter zu fragen, ob nicht zuzugeben ist, dass die Aussagen des II. Vaticanums in ihrem Großteil und Gesamtzusammenhang in lehramtlicher KontinuitĂ€t stehen und sich nur – allerdings gerade in den Bereichen, die gemeinhin als spezifische „Errungenschaften des Konzils“ betrachtet werden, die Problematik einer möglichen DiskontinuitĂ€t stellt.

Wo eine solche DiskontinuitĂ€t benannt werden kann, ist freilich im hermeneutischen VerstĂ€ndnis Benedikts XVI. immer noch zu unterscheiden, ob eine DiskontinuitĂ€t legitim und sogar erforderlich ist, um die IdentitĂ€t des prinzipiellen Standpunkts in einer Frage zu wahren, oder ob sie als echter Bruch disqualifiziert ist. Hermeneutik der KontinuitĂ€t bedeutet nicht HomogenitĂ€t der KontinuitĂ€t, also dass es nur KontinuitĂ€t geben könne und dĂŒrfe, sondern dass sich die Deutung der DiskontinuitĂ€t in der Reaktion auf verĂ€nderte ZeitverhĂ€ltnisse und UmstĂ€nde aus der grĂ¶ĂŸeren, sie umgreifenden, KontinuitĂ€t ergeben muss. Diese DiskontinuitĂ€ten, beispielsweise im SelbstverstĂ€ndnis (!) des Staates und entsprechend im Staat-Kirche-VerhĂ€ltnis, können und mĂŒssen sich fallweise in den Kontext des Lehramtes einfĂŒgen, schaffen dabei den Kontext aber nicht neu. Gerade, wenn die Kirche solche VerĂ€nderungen negieren und ignorieren wollte, wĂŒrde das zur Preisgabe der Prinzipien ihres Standpunktes, zum Bruch damit, fĂŒhren. Hermeneutik der KontinuitĂ€t heißt also nach Benedikt XVI. nicht, dass es nur KontinuitĂ€t gibt, sondern, dass die KontinuitĂ€t das Unterscheidungskriterium ist, welche DiskontinuitĂ€t zulĂ€ssig oder sogar notwendig ist und welche nicht. Die scheinbare DiskontinuitĂ€t oder diejenige, die als Reaktion auf verĂ€nderte UmstĂ€nde erfolgen muss, wird von der DeutungsgrĂ¶ĂŸe der KontinuitĂ€t her verstĂ€ndlich und organisch in das bestehende GefĂŒge des Lehramts eingeordnet. NatĂŒrlich ist es möglich, dass die Piusbruderschaft annimmt, Hermeneutik der KontinuitĂ€t meine oder behaupte eine reine, homogene KontinuitĂ€t.

Wenn man Benedikt XVI. so versteht, muss man, wie es Bischof Tissier in Fulda getan hat, von der „LĂŒge der KontinuitĂ€t“ sprechen. Doch Benedikt XVI. meint das, wie wir hier nochmals zu erlĂ€utern versucht haben, gerade nicht. Deswegen ist seine Hermeneutik der KontinuitĂ€t auch keine LĂŒge. Wenn man sie zu sehr vereinfacht, entspricht sie wirklich nicht der historischen Wahrheit. Weiter könnte es sein, dass die Bruderschaft jede VerĂ€nderung in der Geschichte, auf die deshalb verĂ€ndert reagiert werden muss, um ungebrochene IdentitĂ€t ĂŒberhaupt bewahren zu können, bestreitet. Das wĂŒrde weniger ein theologischer Konflikt sein, aber dann mĂŒsste man sie bitten, selbstkritisch zu prĂŒfen, wie realistisch oder wirklichkeitsfern das GeschichtsverstĂ€ndnis der Piusbruderschaft ist. Solche DiskontinuitĂ€ten sind dann auch keine theologischen IrrtĂŒmer des II. Vaticanums, von denen Pater Schmidberger ziemlich zu Beginn des Interviews ebenfalls einmal spricht, vielmehr wĂ€re es ein historischer Irrtum, es gĂ€be sie nicht oder es dĂŒrfe sie nicht geben, oder man könne sie ungeschehen machen, indem man sie nicht beachtet.

Keine Gefahr einer neuerlichen Exkommunikation?

Auf die Frage, ob er eine neuerliche Exkommunikation befĂŒrchte, gibt sich Pater Schmidberger optimistisch. TatsĂ€chlich wĂ€re es widersprĂŒchlich, die Exkommunikation der vier Weihbischöfe erst 2009 zurĂŒckzunehmen und dann einige Jahre darauf wieder auszusprechen. Doch ist zu bedenken, dass eine neue Exkommunikation auch anders begrĂŒndet werden  und eine wesentlich grĂ¶ĂŸere Zielgruppe haben könnte. Es ist zutreffend, dass eine solche Exkommunikation alle, wie Schmidberger formuliert, „restaurativen KrĂ€fte in der Kirche“ diskreditieren wĂŒrde. Bisher konnte man immer argumentieren, dass es, da das II. Vaticanum ja nichts dogmatisiert habe, kein Dogma gibt, das die Piusbruderschaft oder die Traditionalisten insgesamt ablehnen und sie daher nichts vom Glauben der Gesamtkirche trennt. Es ist allerdings denkbar, dass es in Rom KrĂ€fte gibt, die dieses Argument beseitigen wollen, indem sie zu den Feierlichkeiten des 50. Jahrestages der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils ein neues Dogma lancieren, das beispielsweise einen lebendigen Charakter der Tradition zum Inhalt haben könnte. Wir haben hier schon darauf hingewiesen, dass es bereits 1988 im Motu proprio Ecclesia Dei afflicta, nĂ€mlich in Nr. 4,  eine entsprechende Andeutung gab. Doch schon damals geschah die Berufung auf Dei Verbum 8 , wie wir auch schon gezeigt haben, zu Unrecht und völlig kontextwidrig, wenn man die Dogmatische Konstitution ĂŒber die göttliche Offenbarung in ihrer Gesamtheit wĂŒrdigt.

Man wird gegebenenfalls eine solche lebendige Tradition natĂŒrlich nicht negativ formulieren, sondern in der Feierstimmung des JubilĂ€ums positiv definieren und sie als den eigentlichen dogmatischen  Lehrfortschritt im II. Vaticanum bestimmen. Damit wĂŒrde letztlich Lehramt  mit Tradition gleichgesetzt. Vollkommen positivistisch wĂŒrde jedes Kriterium ausgeschaltet, etwas als illegitime DiskontinuitĂ€t zu erkennen. Genau betrachtet, wĂ€re das die Verneinung jedes Dialogs und theologischen Arguments, nur noch formale AutoritĂ€t wĂŒrde zĂ€hlen. Das trifft dann in der medialen Wirkung zunĂ€chst sicher vor allem die Piusbruderschaft und ihre GlĂ€ubigen, aber eigentlich alle restaurativen KrĂ€fte in der Kirche, von denen Schmidberger spricht. Im Ergebnis wĂ€re das  eine vollstĂ€ndige Konterkarierung der Hermeneutik der KontinuitĂ€t, geradezu eine Dogmatisierung der DiskontinuitĂ€t, die dadurch freilich gar nicht mehr als solche fassbar wĂ€re. Es ist fraglich, ob alle Gemeinschaften im Bereich von Ecclesia Dei sich mit einem derartigen Dogma identifizieren könnten, ohne ihre Motivation völlig auf eine liturgische Ästhetik oder nostalgische Vorliebe zu reduzieren. Das wĂŒrde besonders dann gelten, wenn das GerĂŒcht sich bestĂ€tigen sollte, dass diese Gemeinschaften und alle, die das Motu proprio Summorum Pontificum in Anspruch nehmen, ein neues „altes“ Messbuch 2012 annehmen sollen, das das MR1962 einseitig an den ordentlichen Usus des Römischen Ritus angleicht und, vereinfacht gesprochen, wohl vor allen Dingen bewirken soll, dass zwischen Pius- und PetrusbrĂŒdern keine liturgische Einheit mehr besteht, dass man gleich sieht, wo die rom- und papsttreuen Traditionalisten stehen und wo die schismatischen und gegebenenfalls demnĂ€chst sogar „hĂ€retischen“ LefĂšbvrianer. Divide et impera!

Eine solche Provokation einer Kirchenspaltung wĂŒrde, auch und gewissermaßen gerade, wenn vielleicht noch eine entsprechende Abgrenzung von progressiven Abweichungen in der Kirche erfolgen sollte, das ökumenische Engagement zur GĂ€nze unglaubwĂŒrdig machen. Vor allem wĂ€re die totale Aufladung des AutoritĂ€tsarguments von Anfang an genauso gegen mehr progressive KrĂ€fte in der Kirche gewandt, was man nicht ĂŒbersehen darf. Man kann natĂŒrlich lakonisch auf das historische Faktum hinweisen, dass eigentlich jedes Konzil zu einem Schisma gefĂŒhrt hat. Das JubilĂ€um des Konzils, das der Einheit der Kirche und ambitioniert sogar derjenigen der ganzen Menschheit dienen wollte, mit einer mutwilligen Spaltung zu besiegeln, wĂ€re trotzdem unaufrichtig und nachgerade beschĂ€mend.

Foto: Petersdom – Bildquelle: B. Greschner, kathnews

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