Orthodoxer Katechismus geplant

Russisch-orthodoxe Kirche reagiert auf wachsende Säkularisierung der Gesellschaft.
Erstellt von Radio Vatikan am 22. Oktober 2011 um 20:24 Uhr

Moskau (kathnews/RV). Die russisch-orthodoxe Kirche plant einen neuen Katechismus. Das hat Metropolit Hilarion, die „Nummer Zwei“ des Moskauer Patriarchats, vor wenigen Tagen neuerlich bekräftigt. Hilarion ist Außenamtsleiter seiner Kirche und sitzt seit vergangenem Jahr auch einer Kommission vor, die ein solches Glaubenslehrbuch erarbeiten soll. Ein neuer Katechismus tut auch deshalb Not, so erklärte der Metropolit, weil zwei Jahrzehnte nach dem Fall des Kommunismus auch in Russland starke Tendenzen zur Verweltlichung des Glaubens feststellbar seien. Der Orthodoxie-Fachmann Nikolaus Wyrwoll, der in Regensburg das Institut für Ostkirchen-Studien leitet, denkt, dass ein russisch-orthodoxer Katechismus auch aus ökumenischer Sicht höchst begrüßenswert wäre.

„Gerade auch weil er ältere, überholte Darstellungen des Glaubens ablöst. Auch falsche Darstellungen der evangelischen und katholischen Theologie. Hilarion hat zu viel Übersicht, um da falsche Dinge zu sagen. Vor zwanzig Jahren sind ja (in Russland) viele uralte Katechismen nachgedruckt worden, die teilweise natürlich richtig darstellen, was die katholische Kirche vor hundert Jahren offiziell gesagt hat, was sich aber teilweise erheblich von dem unterscheidet, was heute gesagt wird. Ich denke, da könnte ein russisch-orthodoxer Katechismus, der eine gewisse Offizialität hat, auch eine ökumenische Bedeutung haben und positiv Einfluss nehmen.“ Eine der klassischen Streitfragen zwischen einerseits der katholischen Kirche und andererseits allen anderen christlichen, ganz besonders aber den orthodoxen Kirchen, ist die Vorrangstellung des römischen Bischofs. Gerade in diesem Punkt könnte ein russisch-orthodoxer Katechismus bestehende Gräben überbrücken helfen, glaubt Wyrwoll.

„Der Primat des Papstes gehörte auch im Bewusstsein vieler Gläubiger unbedingt zum Glauben. Nicht nur die wahre Lehre muss man haben – die haben die orthodoxen auch, das war nie unklar durch die Jahrhunderte -, sondern man muss auch gehorsam gegenüber dem Papst sein. Das hat ja dazu geführt, dass die mit Rom unierten Christen in der Sowjetzeit viel gelitten haben. Heute sagen aber das II. Vatikanische Konzil und auch Dominus Iesus, dass die Anerkennung des Primats in seiner modernen Form nicht ein Kriterium für den wahren Glauben und für die Zugehörigkeit zu einer wirklichen Kirche ist. Die Orthodoxen, die vor hundert Jahren noch als Häretiker oder Schismatiker galten, sind jetzt echte Teilkirchen wie jedes katholische Bistum.“

Die zunehmende Säkularisierung der russischen Gesellschaft, auf die der geplante Katechismus reagiert, macht Hilarion schon seit langem Sorge. Wyrwoll meint, dass sich der Metropolit beim Thema Neuevangelisierung in gewisser Weise am Vorpreschen der katholischen Kirche inspiriert. „Hilarion ist ja oft in Rom, war vor kurzem auch beim Papst und hat sicherlich aufgegriffen, dass jetzt sogar im Vatikan ein neues Dikasterium für die Neuevangelisierung eingerichtet ist. Und er ist Honorarprofessor an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg. Also gerade bei ihm vermute ich immer wieder, dass er sehr verfolgt, was im Westen geschieht, gerade auch in der katholischen Kirche.“

Foto: Orthodoxe Kirche – Bildquelle: Andreas Gehrmann