Mysterium Paschae: Kreuzesgeheimnis als innere Voraussetzung der Auferstehung

Buchbesprechung und selbstkritischer Blick auf Verständnis und Erwartung einer „Reform der Reform", Teil II. Von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 21. Juni 2014 um 14:19 Uhr
Joseph Ratzinger - Gesammelte Schriften - Theologie der Liturgie

Im ersten Teil dieser Vorstellung des Liturgiebandes der Gesammelten Schriften Joseph Ratzingers habe ich vor allem versucht, Ratzingers Zugang zur Liturgie für den eigenen Mit- und Nachvollzug der Leser zu erschließen. Ratzingers Interesse ist dabei weder unmittelbar praktisch, noch rein geschichtlich. Im geschichtlichen Werden spürt er Grundelemente und Grundstrukturen auf, von denen er überzeugt ist, dass sie für das Wesen des christlichen Gottesdienstes gültig und deshalb für seine Gestalt auch heute und in Zukunft maßgeblich bleiben. Eine Maßgeblichkeit, die theologisch und anthropologisch zugleich ist, sie meint die rechte Weise der Begegnung des Menschen mit Gott und die Antwort, mit der der Mensch der Zuwendung und dem Anruf Gottes entspricht, um so seiner eigenen und eigentlichen Bestimmung zu entsprechen. Diese Ausrichtung ist es, die die Liturgie für Ratzingers Theologie zentral werden lässt, und aus ihr erklärt sich, warum das gottesdienstliche Leben der Kirche und unsere Teilhabe daran nach Joseph Ratzinger für eine christliche Existenz zentral ist. Diese existentielle Bedeutung bleibt nicht rein spekulativ, sondern ist ganz konkret, doch wird sich im folgenden zeigen, dass sie gerade deshalb letztlich konkreten Einzelfragen um Stil und Ästhetik der liturgischen Feier überlegen und entzogen ist.

Mehr Habitus als Ritus

Dieser Hinweis berührt ein erstes Mal das Thema „Reform der Reform“. Während des Pontifikats Benedikts XVI. blieb sie juristisch gesehen völlig vage, ja fand sie quasi überhaupt nicht statt, wenn man vom Motu Proprio Summorum Pontificum (und seiner zugehörigen Instruktion) absieht, zumal dieses Motu Proprio die nachkonziliare Form der Römischen Liturgie nur indirekt betrifft. Selbst die Umsetzung der Anweisung, in den landessprachlichen Ausgaben des neuen Missale zur wortgetreuen Wiedergabe des „pro multis“ zurückzufinden, wurde von Benedikt XVI. nicht nachdrücklich verfolgt. Viele, die sich mit Ratzingers Theologie der Liturgie identifizierten (oder meinten, sie verstanden zu haben), argumentierten so, dass der Papst die „Reform der Reform“ nicht durch Befehl, sondern durch sein Beispiel erreichen wolle und durch Überzeugungsarbeit.

Berücksichtigt man aber, was ich soeben sagte, mag es schon sein, dass Benedikt XVI. persönlich eine mehr klassische Ausprägung auch der neuen Liturgie bevorzugt hat und damit auch deren Kontinuitätsanspruch zur Geltung bringen wollte. Dass er aber deswegen die Nachahmung dieses Stils erwartet hätte, oder dass man sich für eine solche Nachahmung wirklich auf sein Vorbild oder gar seinen Willen stützen konnte, muss bezweifelt werden. Benedikts liturgische Haltung ist nicht unbedingt mit einer bestimmten liturgischen Ausdrucksform verbunden. Wer Ratzinger liest und sich dabei nicht nur die eigenen Lieblingsstellen herauspickt, findet für diese Behauptung immer wieder Belege. Besonders deutliche davon werde ich etwas später noch anführen.

Der Geist der Liturgie

In den Gesammelten Schriften Joseph Ratzingers werden seine Arbeiten jeweils zu einem bestimmten theologischen Themenkreis in einem Band zusammengefasst. Dabei werden sie allerdings nicht chronologisch aneinandergereiht, sondern in eine neu systematisierte Anordnung gebracht, die den Durchblick auf die im ganzen angezielte Aussage erleichtern soll. Der insgesamt gewonnene Gedanke soll aufscheinen, nicht sosehr der Weg und die Chronologie seiner Entwicklung im Denken Ratzingers nachgezeichnet werden. Aber auch, wer diese beiden nachvollziehen will, kann dies relativ bequem anhand der editorischen Hinweise und bibliographischen Nachweise (vgl. im hier besprochenen Band SS. 727-744) tun.

Den Arbeiten, in denen sich Joseph Ratzinger mit dem Gottesdienst und insbesondere mit der Feier der Eucharistie befasst, ist deshalb sein Buch „Der Geist der Liturgie“, das zuerst im Jahr 2000 erschienen ist, sozusagen als Grundlagentext vorangestellt. Gleichzeitig kann man in dieser Anlage soetwas wie die Quintessenz und Frucht aller gläubigen und denkerischen Bemühungen Ratzingers um die Liturgie erblicken. Dies erkennt man daran, dass dieses Buch weniger eine fachtheologische Arbeit als vielmehr ein Impuls an ein breiteres Publikum von am Thema geistlich Interessierten ist.

Fehldeutungen ausräumen

Das neuerliche Erscheinen dieses Werkes im Rahmen der Gesammelten Schriften veranlasste Benedikt XVI., in seinem Vorwort zum Liturgieband „Zum Eröffnungsband meiner Schriften“ an den Lesern und Rezensenten des ursprünglich selbständig erschienenen Buches eine Kritik und Korrektur zu üben, an der sich meines Erachtens sehr schön zeigen lässt, dass es Benedikt XVI. bei dem, was er selbst unter „Reform der Reform“ verstand, im wesentlichen nicht um eine verpflichtende Übernahme oder Nachahmung seines eigenen liturgischen Stils als Papst ging.

Er schreibt: „Leider haben fast alle Rezensenten sich auf ein einziges Kapitel gestürzt: Der Altar und die Gebetsrichtung in der Liturgie. Die Leser der Rezensionen mussten schließlich meinen, das ganze Werk handle nur von der Zelebrationsrichtung; sein Inhalt sei es, wieder die Messfeier ‚mit dem Rücken zum Volk‘ einführen zu wollen. Angesichts dieser Entstellung habe ich einige Zeit daran gedacht, dieses Kapitel – neun von insgesamt 200 Seiten – zu streichen, damit endlich das Eigentliche zur Sprache kommen könne. (…) Die wesentliche Absicht des Werkes war es, die Liturgie über die oft kleinlichen Fragen nach dieser oder jener Form hinaus in ihren großen Zusammenhang zu stellen. (…) Da ist zunächst das innere Zueinander von Altem und Neuem Testament; ohne den Zusammenhang mit dem alttestamentlichen Erbe ist die christliche Liturgie schlechterdings nicht zu verstehen. Der zweite Kreis ist die Beziehung auf die Religionen der Welt. Und schließlich kommt der dritte Kreis hinzu: der kosmische Charakter der Liturgie. (…) Dies war in der Ostrichtung des Gebetes gemeint: dass der Erlöser, zu dem wir beten, auch der Schöpfer ist und so in der Liturgie immer auch die Liebe zur Schöpfung und die Verantwortung für sie enthalten bleibt. Ich würde mich freuen, wenn die neue Ausgabe meiner liturgischen Schriften dazu beitragen könnte, dass die großen Perspektiven unserer Liturgie gesehen und kleinliche Streitigkeiten um äußere Formen an ihren rechten Platz verwiesen werden“ (ebd., SS. 6-8).

Diesen drei zentralen und gewissermaßen auch konzentrischen Kreisen im Themenbereich Liturgie bei Ratzinger werde ich in den Teilen dieser Besprechung, die sich anschließen, genauer nachgehen. Erhellend für Ratzingers Vorstellung vom Zustand der alten Liturgie vor dem Zweiten Vaticanum ist das Bild eines überlagerten Freskos, das dadurch zwar intakt bewahrt wurde, zugleich aber – wie unter einer Schutzschicht zwar – verborgen unzugänglich blieb (vgl. ebd., S. 30). Wörtlich fährt er fort: „Durch die Liturgische Bewegung und definitiv durch das II. Vatikanische Konzil wurde das Fresko freigelegt, und einen Augenblick waren wir fasziniert von der Schönheit seiner Farben und Figuren. Aber inzwischen ist es durch klimatische Bedingungen wie auch durch mancherlei Restaurationen und Rekonstruktionen gefährdet und droht zerstört zu werden, wenn nicht schnell das Nötige getan wird, um diesen schädlichen Einflüssen Einhalt zu gebieten. Natürlich darf es nicht wieder übertüncht werden, aber eine neue Ehrfurcht im Umgang damit, ein neues Verstehen seiner Wirklichkeit und seiner Aussage ist geboten, damit nicht die Wiederentdeckung zur ersten Stufe des definitiven Verlustes wird“ (ebd., SS. 30f).

Freigelegtes Fresko

Dieses Bild ist gut gewählt, zeigt aber meines Erachtens zugleich auch die Grenze und Beschränkung des ratzingerischen Problembewusstseins und folglich seines Konzeptes wie seiner Absicht zu einer „Reform der Reform“ an: Sicherlich hatte die vorkonziliare Liturgische Bewegung in ihren besten Vertretern das Fresko der Liturgie freigelegt, und man wird auch zugestehen können, dass die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils in weiten Passagen dieses Konzilsdokuments diese Freilegung als Leistung definitiv anerkannt und positiv gewürdigt hat. Was jedoch die nachkonziliare Liturgiereform brachte, war doch eher bereits die Zerstörung des Freskos, aus dessen Fragmenten bestenfalls ein neues Mosaik zusammengefügt wurde oder von dem überhaupt nur Restelemente für die Schaffung einer neuen Collage verwendet wurden.

Ratzinger wollte das zumindest nie deutlich sehen. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass sein Konzept einer „Reform der Reform“ sozusagen im Ansatz steckenbleiben musste, und wenn man nicht über „diese oder jene Form“ diskutieren soll, weil dies den Weg versperrt, zur eigentlichen Gestalt der Liturgie zu gelangen, dann ist es auch blockierend, eine ordentliche und eine außerordentliche oder eine ältere und eine neuere Form des Ritus Romanus zu unterscheiden und keineswegs ein erster Schritt zu echter Reform oder zur Versöhnung dessen, was unversöhnlich ist. Das soll nicht besagen, eine „Reform der Reform“ müsse oder könne in einem ersten Schritt nur in einer pauschalen Annullierung der sogenannten ordentlichen Form des Römischen Ritus bestehen. Jeder weiß, dass dies nicht möglich ist. Eine „Reform der Reform“, die im Äußerlichen oder im Stil verbleibt, bringt nichts oder würde auf ihre Weise die Defizite der neuen Liturgie ebenfalls nur übertünchen und verdecken. Solange diese Einsicht fehlt, ist jede weitere Diskussion müßig, aber auch jede „wechselseitige Befruchtung“, die sich Benedikt XVI. mit Summorum Pontificum vielleicht ehrlich erhofft haben mag, entweder unmöglich, oder aber kontraproduktiv.

Theologie der Liturgie
Gesammelte Schriften – Band 11
Joseph Ratzinger
Verlag Herder
758 Seiten
Leinen mit Leseband
Bestell-Nr.:4299475
ISBN: 978-3-451-29947-6
Preis: 55,00 Euro

Foto: J. Ratzinger – Gesammelte Schriften – Theologie der Liturgie – Bildquelle: Verlag Herder