Mysterium Paschae: Kreuzesgeheimnis als innere Voraussetzung der Auferstehung

Buchbesprechung und selbstkritischer Blick auf Verständnis und Erwartung einer „Reform der Reform", Teil I. Von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 14. Juni 2014 um 22:02 Uhr
Joseph Ratzinger - Gesammelte Schriften - Theologie der Liturgie

Die Gesammelten Schriften Joseph Ratzingers, die im Herder-Verlag erscheinen, sind auf sechzehn Bände angelegt. Thematisch gruppiert, tragen sie zusammen, was Joseph Ratzinger während eines ganzen Gelehrtenlebens zu den großen Gebieten der Theologie zu sagen hatte. Die Schwerpunkte, die ihn dabei bestimmen, sind vielfach diejenigen, die das Zweite Vaticanum geprägt hatten oder die von diesem Konzil geprägt wurden. Solche Prägung wird deutlich als eine wechselseitige erkennbar. Ratzinger bleibt zeitlebens von seiner Zeit und Lebenserfahrung als Konzilstheologe vom Konzil als Erlebnis bestimmt und hat ebenso deutlich seine Position genutzt, um theologisch auf Gestaltung, Verlauf und Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils bestimmend einzuwirken. Von daher hat er tatsächlich als Autorität zu gelten, die durch die eigene, inhaltlich aktive Mitwirkung und zusätzlich durch seine persönliche Zeitzeugenschaft beim Konzilsereignis in vielleicht einzigartiger Weise qualifiziert ist.

Ratzingers Autorität als Theologe und Papst

Das Konzil verstehen kann nur, wer Ratzingers Interpretation davon zur Kenntnis nimmt. Gleichzeitig ist er als Theologe nur ein Interpret von vielen, wenn auch durch die eigene Mitwirkung am Konzil anderen, die sich dazu äußern, immer noch überlegen. Sosehr dies unbestreitbar ist, gilt aber auch, dass Joseph Ratzinger seine Zeit als regierender Papst Benedikt XVI. insgesamt nicht wirksam genutzt hat, um seine theologische Interpretation des Zweiten Vatikanischen Konzils effektiv mit der Verbindlichkeit der Autorität des petrinischen Lehramts auszustatten. Das gilt zumindest für die Gesichtspunkte dieser Interpretation, die als konservativ und traditionsverbunden wahrgenommen oder als restaurativ kritisiert wurden. Die progressive Dynamik seines Denkens, vor der viele, die sich einer Art Benedikteuphorie überlassen hatten, großteils noch heute geflissentlich die Augen geschlossen halten, konnte wahrscheinlich gar nicht wirksamer zur Geltung gebracht werden, als im Tabubruch des päpstlichen Amtsverzichts, der ja schon jetzt nicht mehr als kolossale Ausnahme gesehen wird, sondern mit der Neuschaffung der Position eines Papa Emeritus zur Institution aufgebaut wurde, aus der ein künftiger Regel-, zumindest aber Normalfall werden soll.

Den Band 7 der Gesammelten Schriften: „Zur Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils“ habe ich hier schon vor einiger Zeit besprochen, ab heute möchte ich ohne Anspruch auf Vollständigkeit Band 11 vorstellen, in dem alle Arbeiten Joseph Ratzingers „Zur Theologie der Liturgie“ zusammengestellt sind. Das einleitend Gesagte betrifft meines Erachtens die rechte Lektüre und Rezeption Ratzingers insgesamt und macht die Ambivalenz spürbar, der man sich aussetzt, wenn man sich auf seine Autorität beruft. Sei sie auch noch so herausragend, sie bleibt bestehen als Autorität eines einzelnen Theologen, als Autorität des Papstes ist sie abgestreift und vergangen und wurde – solange sie bestand – de facto nicht genutzt, um inhaltlich lehramtlich normiert und praktisch verbindlich umgesetzt zu werden. Deswegen halte ich es objektiv für eine schmeichlerische Übertreibung oder Schwärmerei, wenn der inzwischen zum Kardinal erhobene Gerhard Ludwig Müller in seinem Geleitwort Benedikt XVI. mit Benedikt XIV. (1740-1758) – eine Parallelisierung, für die man meinethalben noch Argumente finden kann – jedenfalls aber, wenn er ihn mit Papst Leo dem Großen (440-461) und damit indirekt Vaticanum II (1962-1965) mit dem Konzil von Chalkedon (451) vergleicht (vgl. Ratzinger, J., Zur Theologie der Liturgie, Bd. 11 der Gesammelten Schriften, (Herder) Freiburg i. Breisgau 3. Aufl. 2010, S. 9).

Diese Bemerkungen wollte ich ganz gezielt meiner Besprechung des Liturgiebandes der Ratzingerschriften vorausschicken, weil man sie, wenn man unvoreingenommen und nicht selektiv liest, an den Schriften Ratzingers zur Liturgie besonders gut belegen kann und ja auch konkret sieht, was vom Pontifikat Benedikts XVI. liturgisch bleibt, beziehungsweise, wie es bleibt. Ich lege diese Besprechung wieder zweiteilig, vielleicht sogar mehrteilig an, um die vielen Aspekte und Anregungen, die es in Band 11 zu entdecken gilt, nicht bloß summarisch streifen zu müssen. Aufgrund der eminenten Schlüsselstellung der Liturgie für die Gedanken- und Glaubenswelt Ratzingers wünschte Benedikt XVI., als die Herausgabe seiner Schriften begann, dass die liturgietheologischen Beiträge und Studien zuerst erscheinen sollten. Gleichzeitig spiegelt dieser Wunsch die Prägung Ratzingers durch die Prioritäten des Zweiten Vaticanums wider, dessen erster Text die Liturgiekonstitution war. Ich gebe dieser Rezension auch deshalb mindestens zwei Teilfolgen, um einem Zwang zu allzu starker Auswahl ausweichen zu können, der man dann vielleicht vorwerfen würde, sie sei nicht hauptsächlich aus Rücksicht auf Lesefreundlichkeit und Umfang erfolgt, sondern manipulativ einseitig oder zumindest interessegeleitet motiviert gewesen. Ganz im Gegenteil bin ich ja selbst zunehmend zu der Überzeugung gelangt, dass Joseph Ratzinger, beziehungsweise das Pontifikat Benedikts XVI. – ganz egal, ob aus befürwortender (vereinnahmender) oder ablehnender Perspektive – bis jetzt viel zu einseitig verstanden worden ist.

Grundlegende Würdigung

Ganz zweifellos können wir alle von Joseph Ratzinger lernen, den Gottesdienst der Kirche wirklich als locus theologicus ernstzunehmen. Er betreibt nicht mechanisch-akribischen Rubrizismus, der sklavisch und oft auch ängstlich nur die rechtlich und äußerlich korrekte Ausführung der Zeremonien im Auge hatte, ohne überzeugend vom Geist der Liturgie beseelt zu sein, noch sieht er im Gottesdienst das Spielfeld eigener Kreativität oder Banalität. Auch begreift er die Liturgie nicht nur historisch als Fundort dessen, was die Kirche einst geglaubt hat und wie sich dieser Glaube, ausgedrückt in ihrer Liturgie, mit der Zeit entwickelt hat oder wie er sich heute faktisch präsentiert. Das ist der fast ausschließliche Zugang heutiger Liturgiewissenschaft, die zusätzlich höchstens noch mit teilweise zweifelhaften Ergebnissen darüber nachdenkt, wie man heute Liturgie konkret gestalten sollte, um – „etsi Deus non daretur“ (J. Ratzinger) – die Menschen zu erreichen.

Mit Ratzinger als Lehrer hingegen ist Liturgie Glaubensort und Glaubensvollzug. Deswegen bekennt er in seinem eigenen Vorwort „Zum Eröffnungsband meiner Schriften“: „Die Liturgie der Kirche war für mich seit meiner Kindheit zentrale Wirklichkeit meines Lebens und ist in der theologischen Schule von Lehrern wie Schmaus, Söhngen, Pascher, Guardini auch Zentrum meines theologischen Mühens geworden. Als Fach habe ich Fundamentaltheologie gewählt, weil ich zuallererst der Frage auf den Grund gehen wollte: Warum glauben wir? Aber in dieser Frage war die andere Frage nach der rechten Antwort auf Gott und so die Frage nach dem Gottesdienst von Anfang an miteingeschlossen. Von da aus sind meine Arbeiten zur Liturgie zu verstehen. Es ging mir nicht um die spezifischen Probleme der Liturgiewissenschaft, sondern immer um die Verankerung der Liturgie im grundlegenden Akt unseres Glaubens und so auch um ihren Ort im Ganzen unserer menschlichen Existenz“ (ebd., S. 6).

In diesem echt theologischen Zugang kann Joseph Ratzinger anerkennend und ohne Übertreibung mit Valentin Thalhofer (1825-1891) verglichen werden, was ansonsten schon seit langem, einmal vielleicht von Klaus Gamber (1919-1989) abgesehen, praktisch von keinem Theologen oder Liturgiewissenschaftler mehr gesagt werden konnte oder kann.

Theologie der Liturgie
Gesammelte Schriften – Band 11
Joseph Ratzinger
Verlag Herder
758 Seiten
Leinen mit Leseband
Bestell-Nr.:4299475
ISBN: 978-3-451-29947-6
Preis: 55,00 Euro

Foto: J. Ratzinger – Gesammelte Schriften – Theologie der Liturgie – Bildquelle: Verlag Herder