Lumen gentium. Artikel 9

Die Kirche als Volk Gottes.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 28. März 2014 um 22:32 Uhr
Foto: Joseph Ratzinger - Gesammelte Schriften, Vat. II

Einführung von Gero P. Weishaupt: Mit Artikel 9 beginnt das zweite Kapitel von Lumen gentium, das den Titel „Volk Gottes“ trägt. Noch bevor im dritten Kapitel die Hierarchie behandelt wird, thematisieren die Konzilsväter zuerst die Kirche „in ihrer Gesamtheit mit all ihren Gliedgruppen“ (Aloys Grillmeier). Volk Gottes meint also nicht die Gläubigen („Basis“) gegenüber der Hierachie („Amtskirche“). Gläubige und Hierarchie bilden die eine Kirche, das eine „Volk Gottes“.

Durch Glaube und Sakrament wird das Volk Gottes konstituiert

Der Begriff „Volk Gottes“ (Populus Dei) hat seinen Ursprung vor allem im Alten Testament und wird in metaphorischer Bedeutung im Neuen Testament auch auf die Kirche angewandt. Sowohl dort als auch bei den Kirchenvätern spielt der Begriff eher eine untergeordnete Rolle. Darauf hat Joseph Ratzinger, selber Konzilsperitus und später Papst Benedikt XVI., in seinen theologischen Schriften hingewiesen. Immer stehe, so Ratzinger, im Vordergrund: Man kann nur Glied des Volkes Gottes werden durch die Einheit mit Christus, und das bedeutet durch Glaube und Sakrament. Christen sind das Volk Gottes nur, weil sie am Leib Christi teilhaben. Darum müsse der Begriff immer von der Kirche als Sakrament und Leib Christi her verstanden werden (vgl. Joseph Ratzinger, „Kirche, Ökumene und Politik“, 1988). Das ist auch der Grund, warum die Konzilsväter im ersten Kapitel der Kirchenkonstitution die Kirche zuerst als Sakrament und Leib Christi darstellen.

Die Kirche ist das priesterliche, prophetische und königliche Volk Gottes

„Nach dem Konzil“, so stellt Walter Kardinal Kasper zutreffend fest, „drängte die Volk-Gottes-Ekklesiologie das Leib-Christi-Motiv vorübergehend in den Hintergrund. … Zu einer demokratischen Deutung der Volk-Gottes-Idee kam es erst im Zusammenhang mit der 68er Bewegung. Sie übersah, dass die Schrift für Volk Gottes nicht das Wort demos, das in dem Wort Demokratie steckt, benützt, sondern den heilsgeschichtlichen Terminus laos. Das bedeutet: Die Kirche ist nicht irgendein Volk; sie ist Gottes Volk. Sie kommt nicht zusammen, um über ihre eigenen Angelegenheiten zu beraten und zu entscheiden, sondern um zu hören, was Gott entschieden hat und … um Gottes große Taten zu verkünden und ‚durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen (1 Petr 2, 5.9)‘“ (Kardinal Walter Kasper, „Volk Gottes – Leib Christi – Communio im Hl. Geist. Zur Ekklesiologie im Ausgang vom Zweiten Vatikanischen Konzil“, in: Erinnerung an die Zukunft. Das Zweite Vatikanische Konzil, Hg. Jan-Heiner Tück, Freiburg im Breisgau 2012, 226 und 228). Die Kirche ist keine quasi-demokratische Versammlung, sondern Gottes priesterliches, prophetisches und königliches Volk. Diese drei Eigenschaften des neuen Gottesvolkes werden in den nachfolgenden Artikeln von Lumen gentium vertieft.

In der Tradition verwurzelt

Jedenfalls ist der Begriff „Volk Gottes“ in der heiligen Schrift, bei den Kirchenvätern, bei Thomas von Aquin, im Katechismus von Trient sowie in der Liturgie (man denke an den Römischen Kanon) überliefert. Aloys Grillmeier benennt die Hauptgründe, die die Konzilsväter dazu bewogen haben, außer den beiden anderen Hauptbegriffen der Kirche als Sakrament und Leib Christi auch den Begriff „Volk Gottes“ für die Beschreibung der Kirche in die Konstitution aufzunehmen: „Die Wiederentdeckung von ‚Volk Gottes‘ war besonders von dem Gedanken gefördert, über den mehr juridischen Aspekt einer geschichtlich-punktuell bestimmten Kirchengründung durch Christus hinauszugehen und die Entwicklung des göttlichen Heilsplanes in der ganzen Schrift zu suchen. Daraus ergaben sich: die Entdeckung der Kontinuität zwischen Israel und Kirche; das Verständnis der Kirche aus den größeren Zusammenhängen der Heilsgeschichte und der messianischen Verheißungen; die Neuentdeckung der historischen Dimension der Offenbarung und der Heilssituation mit ihrem Endpunkt in der Eschatologie“ (Aloys Grillmeier, Kommentar zu Lumen gentium, in: LThK, Erg.-Bd. I, Freiburg im Breisgau 1966, 177).

Nicht Trennung, sondern Komplimentarität

Dennoch ist klar, dass mit dem Begriff „Volk Gottes“ nicht die ganze Wirklichkeit der Kirche ausgesagt ist. Darum – und darauf hat der Konzilstheologe und –peritus Joseph Ratzinger hingewiesen – , können die Aussagen des Konzils über die Kirche nur richtig verstanden werden, wenn auch die anderen Bilder des Konzils für die Kirche, vor allem die von der  Kirche als Sakrament und Leib Christi, der in der katholischen Kirche substiert (LG, Aritkel 8), immer zusammen gesehen werden. Nur in Komplimentarität der von den Konzilsvätern gezeichneten Bildern und Metaphorn wird das, was die Kirche ist, erkennbar.

Text Lumen gentium, Artikel 9

Zu aller Zeit und in jedem Volk ruht Gottes Wohlgefallen auf jedem, der ihn fürchtet und gerecht handelt (vgl. Apg 10,35). Gott hat es aber gefallen, die Menschen nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung, zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volke zu machen, das ihn in Wahrheit anerkennen und ihm in Heiligkeit dienen soll.

So hat er sich das Volk Israel zum Eigenvolk erwählt und hat mit ihm einen Bund geschlossen und es Stufe für Stufe unterwiesen. Dies tat er, indem er sich und seinen Heilsratschluß in dessen Geschichte offenbarte und sich dieses Volk heiligte. Dies alles aber wurde zur Vorbereitung und zum Vorausbild jenes neuen und vollkommenen Bundes, der in Christus geschlossen, und der volleren Offenbarung, die durch das Wort Gottes selbst in seiner Fleischwerdung übermittelt werden sollte. „Siehe, es kommen Tage, spricht der Herr, da schließe ich mit dem Hause Israel und dem Hause Juda einen neuen Bund … Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres geben, und ihrem Herzen will ich es einschreiben, und ich werde ihnen Gott sein, und sie werden mir zum Volke sein … Alle nämlich werden mich kennen, vom Kleinsten bis zum Größten, spricht der Herr“ (Jer 31,31-34). Diesen neuen Bund hat Christus gestiftet, das Neue Testament nämlich in seinem Blute (vgl. 1 Kor 11,25). So hat er sich aus Juden und Heiden ein Volk berufen, das nicht dem Fleische nach, sondern im Geiste zur Einheit zusammenwachsen und das neue Gottesvolk bilden sollte. Die an Christus glauben, werden nämlich, durch das Wort des lebendigen Gottes (vgl. 1 Petr 1,23) wiedergeboren nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nicht aus dem Fleische, sondern aus dem Wasser und dem Heiligen Geist (vgl. Joh 3,5-6), schließlich gemacht zu „einem auserwählten Geschlecht, einem königlichen Priestertum …, einem heiligen Stamm, einem Volk der Erwerbung … Die einst ein Nicht-Volk waren, sind jetzt Gottes Volk“ (1 Petr 2,9-10).

Dieses messianische Volk hat zum Haupte Christus, „der hingegeben worden ist wegen unserer Sünden und auferstanden ist um unserer Rechtfertigung willen“ (Röm 4,25) und jetzt voll Herrlichkeit im Himmel herrscht, da er den Namen über allen Namen erlangt hat. Seinem Stande eignet die Würde und die Freiheit der Kinder Gottes, in deren Herzen der Heilige Geist wie in einem Tempel wohnt. Sein Gesetz ist das neue Gebot (vgl. Joh 13,34), zu lieben, wie Christus uns geliebt hat. Seine Bestimmung endlich ist das Reich Gottes, das von Gott selbst auf Erden grundgelegt wurde, das sich weiter entfalten muß, bis es am Ende der Zeiten von ihm auch vollendet werde, wenn Christus, unser Leben (vgl. Kol 3,4), erscheinen wird und „die Schöpfung selbst von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes befreit wird“ (Röm 8,21). So ist denn dieses messianische Volk, obwohl es tatsächlich nicht alle Menschen umfaßt und gar oft als kleine Herde erscheint, für das ganze Menschengeschlecht die unzerstörbare Keimzelle der Einheit, der Hoffnung und des Heils. Von Christus als Gemeinschaft des Lebens, der Liebe und der Wahrheit gestiftet, wird es von ihm auch als Werkzeug der Erlösung angenommen und als Licht der Welt und Salz der Erde (vgl. Mt 5,13-16) in alle Welt gesandt.

Wie aber schon das Israel dem Fleische nach auf seiner Wüstenwanderung Kirche Gottes genannt wird (2 Esr 13,1; vgl. Num 20,4; Dtn 23,1ff), so wird auch das neue Israel, das auf der Suche nach der kommenden und bleibenden Stadt (vgl. Hebr 13,14) in der gegenwärtigen Weltzeit einherzieht, Kirche Christi genannt (vgl. Mt 16,18). Er selbst hat sie ja mit seinem Blut erworben (vgl. Apg20,28), mit seinem Geiste erfüllt und mit geeigneten Mitteln sichtbarer und gesellschaftlicher Einheit ausgerüstet. Gott hat die Versammlung derer, die zu Christus als dem Urheber des Heils und dem Ursprung der Einheit und des Friedens glaubend aufschauen, als seine Kirche zusammengerufen und gestiftet, damit sie allen und jedem das sichtbare Sakrament dieser heilbringenden Einheit sei (15). Bestimmt zur Verbreitung über alle Länder, tritt sie in die menschliche Geschichte ein und übersteigt doch zugleich Zeiten und Grenzen der Völker. Auf ihrem Weg durch Prüfungen und Trübsal wird die Kirche durch die Kraft der ihr vom Herrn verheißenen Gnade Gottes gestärkt, damit sie in der Schwachheit des Fleisches nicht abfalle von der vollkommenen Treue, sondern die würdige Braut ihres Herrn verbleibe und unter der Wirksamkeit des Heiligen Geistes nicht aufhöre, sich selbst zu erneuern, bis sie durch das Kreuz zum Lichte gelangt, das keinen Untergang kennt.

Foto: Joseph Ratzinger – Gesammelte Schriften – Bildquelle: Herder