Kuba nach dem Papstbesuch: Was bleibt?

Die Reise des Papstes bleibt in lebendiger Erinnernug.
Erstellt von Radio Vatikan am 30. März 2012 um 18:52 Uhr
Papst Benedikt

Havanna (kathnews/RV). Was bleibt von der Papstreise nach Kuba? Eine erste Antwort gibt der „Außenminister“ des Vatikans: „In Kuba sieht man allmählich, dass eine Öffnung auf dem Gebiet der Religionsfreiheit eine solide Basis für die Rechte künftiger Generationen sein könnte.“ Das sagte Erzbischof Dominique Mamberti, der Verantwortliche des Staatssekretariats für die Beziehungen zu den Staaten, auf einem Kongress in Rom. Während der Papstreise durch Mexiko und Kuba in den letzten Tagen habe ihn die „echte Religiosität“ der Menschen beeindruckt.

„Es war eine persönliche, direkte Begegnung des Papstes mit dem kubanischen und, zuvor schon, mit dem mexikanischen Volk“: So formuliert Vatikansprecher Federico Lombardi in einem Editorial für Radio Vatikan an diesem Freitag. „Das ist wohl das Wichtigste an der gerade beendeten Reise. Millionen von Katholiken auf dem amerikanischen Kontinent sehen jetzt die Aufmerksamkeit dieses Pontifikates für ihre Belange bestätigt und gestärkt. Der Papst hat die Kirche in beiden Ländern deutlich ermuntert, hat für sie mehr Freiraum in der Öffentlichkeit und mehr Religionsfreiheit gefordert, nicht als Privileg, sondern damit sie einen Dienst am Gemeinwohl leisten können. Den vor allem spirituellen Charakter der Reise haben wir verstanden, als wir Benedikt XVI. als Pilger bei der Jungfrau der Barmherzigkeit von Cobre gesehen haben.“

Natürlich werde es weiterhin Stimmen geben, die beklagen, dass der Papst nicht mit kubanischen Dissidenten (oder bei der ersten Etappe seiner Reise in Mexiko mit Missbrauchsopfern) zusammengetroffen ist, so der Jesuitenpater Lombardi. Er gibt aber zu bedenken: „Der Papst kann nicht immer alles machen, was er gerne täte, dazu ist so eine Reise zu kurz! Aber wer ihm zuhört, versteht seinen Geist und seine Absichten, und wer ihn verfolgt, kann seine Kohärenz und auch den Mut seiner Botschaften erkennen. Die wahre große Begegnung, die mit dem Volk, hat stattgefunden, und sie war spontan und ehrlich.“

„Ich glaube, wir sollten unterscheiden zwischen einem Besuch, wie zum Beispiel UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon oder Angela Merkel aus Deutschland ihn durchführen, mit einer klaren politischen Tagesordnung, und einem Pastoralbesuch, wie ihn der Papst antritt.“ Das sagt der emeritierte Bischof Luis del Castillo Estrada aus Uruguay. Der Jesuit arbeitet jetzt als Gemeindepfarrer auf Kuba. „Der Papst zielt auf die Erneuerung von Menschen und Gemeinschaften, aus der sich eventuell einmal eine Änderung auch der politischen Lage ergeben könnte – aber wir haben wir da nicht einfach eine politische Reise mit politischen Meetings. Das müssen wir sehr klar sehen. Ein Papstbesuch hat keine Sofort-Agenda, er ist eine geistliche Pilgerfahrt und will erreichen, dass sich die Menschen bekehren und stärker mit der Botschaft Jesu identifizieren.“

Diese Identifikation ist jetzt schon sehr hoch, glaubt der Kubaner Gustavo Andújar, der für das Erzbistum Havanna arbeitet und Vizepräsident des katholischen Weltmedienverbands Signis ist. Er weiß zwar, dass von den ca. sechzig Prozent der Bevölkerung, die auf dem Papier Katholiken sind, nur verschwindend wenige auch wirklich ihren Glauben praktizieren. Aber er sagt: „Die Kubaner schätzen die Botschaft der Kirche hoch ein: Sie wissen, dass sie mit dem Guten und mit Wahrheit zu tun hat. Die Menschen auf Kuba fühlen eine tiefe Sehnsucht nach Versöhnung, Frieden und Gerechtigkeit, und sie haben den Eindruck, dass es auch der Kirche darum geht. Deshalb haben sie den Papst so respektvoll empfangen und so genau hingehört: Die Botschaft der Kirche ist den Kubanern wirklich wichtig.“

Aber Bischof Luis del Castillo mahnt zur Vorsicht: „Ich glaube nicht, dass sie alle seine Worte in ihrer Tragweite verstanden haben. Seine Botschaften waren diesmal besonders kurz und verdichtet; die Kirche sollte den Kubanern durch Katechesen die Papstbotschaft in den nächsten Monaten noch einmal durchbuchstabieren.“

Die USA mit ihrer „Politik der Feindschaft und Subversion gegen Kuba“ seien „die großen Verlierer der Papstreise“: Das behauptet die digitale Zeitschrift „Cubahora“ in einem Editorial, das auch von der Regierungs-Webseite Cubadebate aufgenommen wird. „Die Bilder von hunderttausenden ausgelassenen, aber auch respektvollen Kubaner bei den Auftritten des Papstes haben die Versuche der US-Regierung, die Insel zu dämonisieren, hinweggefegt“, so die Lesart des Regimes. Während die USA mit ihrer Politik in Lateinamerika isoliert dastünden, suche die Kirche den Dialog. Was sind die Hausaufgaben, die der Papst dem kubanischen Regime aufgegeben hat, Bischof del Castillo?

„In Kuba ist der private Sektor praktisch inexistent. Es gibt darum auch keine wirkliche Möglichkeit für Christen, als Laien in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft aktiv zu werden, so wie es sich das Zweite Vatikanische Konzil eigentlich vorgestellt hat. Der Papst hofft offenbar darauf, dass die Regierung jetzt mehr Teilnahme der Christen in der Gesellschaft erlaubt, dass sie auch das große Potential von Freiwilligenarbeit und von engagierten jungen Leuten für Arme und Kranke sieht. Dazu braucht es aber nicht nur größere Akzeptanz seitens der kubanischen Regierung, sondern auch noch mehr Einsatz seitens der Christen selbst!“

In Washington hat ein Sprecher des Außenministeriums die Papstreise durch Kuba begrüßt. Papst Benedikt habe die Gelegenheit genutzt, „der kubanischen Regierung eine Botschaft der Religionsfreiheit zu übermitteln“. Der Sprecher verteidigte aber das US-Embargo gegen Kuba, das Benedikt XVI. kritisiert hatte. Die seit genau fünfzig Jahren bestehenden Sanktionen dienten letztlich einer Verbesserung der Beziehungen zwischen dem amerikanischen und dem kubanischen Volk.

Das Zusammentreffen von Kubas Revolutionsführer Fidel Castro und Papst Benedikt XVI. bestimmte am Donnerstag die Schlagzeilen der lateinamerikanischen Medien. Durchweg auf Titelseiten der führenden Tageszeitungen des Kontinents ist ein Foto des halbstündigen Gespräches in der Nuntiatur von Havanna vom Mittwoch (Ortszeit) zu sehen. Das kubanische Parteiorgan „Granma“ sieht in der Zusammenkunft eine nachhaltige Wirkung für eine Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat: „Stützendes Treffen zwischen Fidel und Papst Benedikt XVI.“, schreibt das Blatt. Auch den Freiluftgottesdienst auf dem Platz der Revolution wertete „Granma“ als einen Erfolg.

Die kolumbianische Tageszeitung „El Tiempo“ überschreibt das Bild des Zusammentreffens mit der Schlagzeile: „Der Papst des Kommunismus und der Papst des Katholizismus“. Die Zeitung „El Espectador“, ebenfalls aus Kolumbien, kommentierte, dem Papst sei es gelungen, aus dem „Platz der Revolution“ einen „Platz der Religion“ zu machen. „El Nacional“ aus Caracas in Venezuela stellt fest: „Für den Papst benötigt Kuba Veränderungen“. Die mexikanische Zeitung „El Universal“ fasst die päpstlichen Kernaussagen in Kuba so zusammen: „Mehr Freiheiten und ein Ende des Embargos fordert der Papst“. Das chilenische Blatt „La Trecera“ kommentiert: „Der Papst schiebt Kritiken beiseite und trifft sich mit Fidel Castro“ und zitiert Benedikt XVI.: „Kuba und die Welt brauchen Veränderungen.“

Die in der Exilkubaner-Hochburg Miami erscheinende US-Tageszeitung „El nuevo Herald“ schreibt: „Der Papst fordert, dass in Kuba fundamentale Freiheiten gewährt werden“. In einer Hintergrundreportage lässt das Blatt kubanische Einwanderer zu Wort kommen: „Exilkubaner hoffen, dass die Reise des Papstes Kuba verändert.“ Die in Kuba illegale, aber vom Regime geduldete Kubanische Menschenrechtskommission erklärte, die Sicherheitsbehörden hätten vor dem Papstbesuch etwa 150 Dissidenten präventiv festgenommen, um Demonstrationen zu verhindern; „einige“ davon seien immer noch nicht wieder auf freiem Fuß. Großer Gewinner der Papstreise sei das Regime, so der Leiter des Verbands, Elizardo Sanchez. Was die Grundrechte der Kubaner angehe, werde die Reise „praktisch keine Auswirkungen haben“. Die Botschaften Benedikts seien „sehr vorsichtig“ gewesen, „um das Regime nicht zu stören“. Sanchez wörtlich: „Es ist deutlich, dass die katholische Kirche und der Vatikan versuchen, ihre Beziehungen zum Regime beizubehalten und noch zu verbessern.“

Foto: Benedikt XVI. – Bildquelle: Eric Draper, White House