Kirchenrechtlicher Kommentar zur Instruktion Universae Ecclesiae erschienen

Interview mit unserem Mitarbeiter Dr. Gero P. Weishaupt √ľber seinen vor kurzem vorgelegten Kommentar zur Instruktion.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 7. Januar 2013 um 18:08 Uhr
Dr. Gero P. Weishaupt

Ende November 2012 erschien im Benedetto-Verlag ein kirchenrechtlicher Kommentar von Dr. Gero P. Weishaupt zur Instruktion Universae Ecclesiae. Eine Instruktion ist ein Dokument des kirchlichen Gesetzgebers, mit dem die Vorschriften von Gesetzen ‚Äď im Fall der Instruktion Universae Ecclesiae ist das diesem zugeordnete Gesetz das Motu Proprio Summorum Pontificum vom 7.7.2007 – erkl√§rt und die Vorgehensweise des Gesetzes, sprich des MP Summorum Pontificum, bindend entfaltet und bestimmt werden (vgl. can. 34 CIC/1983). Andreas Gehrmann, Chefredakteur Kathnews, sprach dar√ľber mit dem aus Aachen stammenden und in den Niederlanden wirkenden Priester und Kirchenrechtler Dr. Gero P. Weishaupt.

Hw. Dr. Weishaupt, was hat Sie dazu bewogen einen kirchenrechtlichen Kommentar zur Instruktion Universae Ecclesia zu verfassen?

Als im April 2011 die Instruktion vom damaligen Sekret√§r der P√§pstlichen Kommission Ecclesia Dei, Msgr. Guido Pozzo, anl√§sslich eines Kongresses im Angelicum in Rom der √Ėffentlichkeit vorgestellt und erl√§utert wurde, konnte ich dabei sein. Die Instruktion richtet sich nicht nur an die Bisch√∂fe. Im Gegenteil: Die Erstadressaten sind die Pfarrer in den Gemeinden. Eine Instruktion ist im Grunde schon eine Erkl√§rung eines Gesetzes, in diesem Fall des Motu Proprio Summorum Pontificum. Aber auch eine Instruktion bedarf der Kommentierung. Nicht alle Pfarrer sind ausreichend kirchenrechtlich geschult. Darum k√∂nnen Bestimmungen einer Instruktion verkehrt verstanden werden. Auf dem besagten Kongress in Rom kam mir der Gedanke, f√ľr Kathnews die Instruktion zu kommentieren. √úber das Internet erreicht man ja bekanntlich einen viel gr√∂√üeren Leserkreis als mit einem Buch. Aus diesem Internetkommentar ist dann sp√§ter der Kommentar entstanden, der nun im Benedetto-Verlag herausgegeben worden ist.

Wie konnte es geschehen, dass das Motu Proprio Summorum Pontificum in seiner Umsetzung zu unterschiedlichen Interpretationen und zu einer abweichenden Praxis gef√ľhrt hat?

Das Motu Proprio Summorum Pontificum ist ein Gesetz, und Gesetze sind immer allgemein formuliert. Es gibt kaum Defintionen von Begriffen. Rechtlich relevante Begriffe zu definieren ist eher Aufgabe der Lehre, der Kanonistik. Ein bekanntes Beispiel ist der Begriff „Gruppe“ (Lat.: coetus) in Art. 5 von Summorum Pontificum. Der Begriff wird nicht definiert. Was ist eine Gruppe und wie gro√ü ist eine Gruppe? Da gab es unterschiedliche Interpretationen und Auffassungen, die eine unterschiedliche Rechtspraxis zur Folge hatten. Oder wie sind die bis dahin unbekannten Begriffe „ordentliche Form/ordentlicher Usus“ und „au√üerordentliche Form/au√üerordentlicher Usus“ des einen R√∂mischen Ritus zu verstehen? Kann daraus abgeleitet werden, dass die au√üerordentliche Form, also die klassische Liturgie, der ordentlichen untergeordnet ist? Oder sind beide Usus gleichrangig, auch wenn f√ľr die Feier der au√üerordentlichen Form in einer Gemeinde einige Bedingungen erf√ľllt sein m√ľssen? Das alles bedarf der richtigen Interpretation. Zu den Interpretationsregeln des Kirchenrechtes geh√∂rt u.a., dass der Gesetzesinterpret und -anwender immer auch die Absicht (mens) des Gesetzgebers – also in diesem Falle Papst Benedikts XVI. – ber√ľcksichtigen muss. Daraus folgt z.B., dass alle Normen des Motu Proprio weit und gro√üherzig auszulegen sind. Die Absicht des Gesetzgebers findet sich u.a. im Begleitbrief von Summorum Pontificum an die Bisch√∂fe ausgedr√ľckt. Alle Anwendungen, die das Motu Proprio beschr√§nken, stehen nicht in √úbereinstimmung mit dem Willen des Gesetzgebers.

Ist die abweichende Praxis ein gesamtkirchliches Problem oder ist dieser Tatbestand eher in deutschsprachigen Bist√ľmern zu beobachten?

Meines Erachtens ist das ein gesamtkirchliches Problem. In den Niederlanden z.B. ist das Motu Proprio in den Priesterseminarien bislang noch kein Thema, zumindest offziell nicht. Ich selber zelebriere einmal in der Woche im Priesterseminar des Bistums ¬īs-Hertogenbosch die klassische Form des Messritus. Daran nehmen einige Seminaristen teil. Aber es ist keine Seminarmesse.¬†Erfreulicherweise kommt auch eine Gruppe von Gl√§ubigen von ausw√§rts, um an dieser Messe im Seminar teilzunehmen. Auch zelebriere ich dreimal in der Woche in der Kathedrale von ¬īs-Hertogenbosch unter Beteiligung von Gl√§ubigen die Messe in der au√üerordentlichen Form. Dass die klassische Liturgie offiziell noch kein Thema in den Priesterseminaren ist, zumindst nicht in den Niederlanden, hat einmal damit zu tun, dass Summorum Pontificum leider √ľber die Priesterausbildung nichts verf√ľgt, andererseits die Instruktion Universae Ecclesiae zwar nun endlich auch auf die Umsetzung des Motu Proprio auch in der Priesterausbildung (und Priesterfortbildung) aufmerksam macht (Nr. 21), aber dies von Umst√§nden (adiuncta) erforderlich macht, die der Ordinarius (z.B. der Bischof) abw√§gen kann. Den Bisch√∂fen wird also ein gewisser Ermessensspielraum einger√§umt. W√§hrend aber die Instruktion nur allgemein von „Umst√§nden“ spricht, f√ľgt die offizielle √úbersetzung der Deutschen Bischofskonferenz ein einschr√§nkendes und spezifizierendes Adjektiv hinzu, n√§mlich „pastoral“ (pastorale Umst√§nde).

Es m√ľ√üten also nach der deutschen √úbersetzung pastorale Umst√§nde vorliegen, damit in der Priesterausbildung das Motu Proprio thematisiert wird. Im lateinischen und f√ľr die Interpretation und Anwendung einzig ma√ügebenden Text findet sich diese Einschr√§nkung nicht. Daraus habe ich in meinem Kommentar folgende Schlussfolgerung gezogen: „Es k√∂nnen auch andere als pastorale Umst√§nde dazu f√ľhren, dass die Seminaristen die au√üerordentliche Form der r√∂mischen Liturgie in den Seminaren bzw. Priesterausbildungsst√§tten lernen … . So kann z.B. ein wachsendes Interesse bei Seminaristen an der √ľberlieferten klassischen Liturgie bereits ein solcher Umstand im Sinne der Instruktion sein, ohne dass notwendige rein pastorale Erw√§gungen – etwa die Frage, ob in der betreffenden Di√∂zese ein Bedarf seitens der Gl√§ubigen nach Feiern in der au√üerordentlichen Form des R√∂mischen Ritus besteht – Ber√ľcksichtung finden m√ľ√üten“ (Kommentar, 45). Dennoch es richtig, dass die wissenschaftliche wie praktische Behandlung¬†der klassischen Liturgie in der¬†Ausbildung der k√ľnftigen Priester ¬†keine absolute Verpflichtiung der Ordinarien ist. Sie haben da einen Ermessensspielraum. Aber nur „pastorale“ Gr√ľnde im Blick auf das Bed√ľrfnis in der Di√∂zese zu ber√ľcksichtigen w√§re dabei zu wenig und wird der Instruktion nicht gerecht.

Wie kann es sein, dass einzelne Bisch√∂fe f√ľr ihre Di√∂zesen Ausf√ľhrungsbestimmungen erlassen haben und einige Bischofskonferenzen Leitlinien zur praktischen Anwendung in ihren Teilkirchen?

Grunds√§tzlich hat jeder Bischof das Recht f√ľr universal- oder partikularkirchliche Gesetze eigene allgemeine Ausf√ľhrungsbestimmungen oder Instruktionen f√ľr sein Bistum zu erlassen. Dasselbe Recht haben auch die Bischofskonferenzen. Leitlinien von Bischofskonferenzen geben den Bisch√∂fe grunds√§tzliche Richtlinien f√ľr ihre eigenen allgemeinen Ausf√ľhrungsbestimmungen oder Instruktionen in ihren Di√∂zesen. Einige Bischofskonferenzen und Di√∂zesanbisch√∂fe haben von dieser M√∂glichkeit Gebrauch gemacht. Andere nicht. So hat sich die Niederl√§ndische Bischofskonferenz bisher damit zur√ľckgehalten. Auch sind mir keine di√∂zesanen Ausf√ľhrungsbestimmungen der niederl√§ndischen Bisch√∂fe bekannt. Im nachhinein war das richtig. Denn es war von vornherein absehbar, dass dem Motu Proprio Summorum Pontificum eine Instruktion des Apostolischen Stuhles folgen w√ľrde. Der Papst hat ja selber in seinem Begleitbrief zum Motu Proprio die Bisch√∂fe darum gebeten, nach einer dreij√§hrigen Erprobungszeit die Erfahrungen mit der Umsetzung des Motu Proprio dem Gesetzgeber (dem Papst) bzw. der P√§pstlichen Kommission Ecclesia Dei mitzuteilen. Es war klar, dass die zust√§ndigen r√∂mischen Instanzen unter Ber√ľcksichtigung der Berichte aus den Teilkirchen eine Instruktion erlassen w√ľrden. Nun m√ľssen die Bischofskonferenzen bzw. Di√∂zesanbisch√∂fe ihre bisher vorab erlassenen allgemeinen Ausf√ľhrungsbestimmungen, Leitlinien oder Instruktionen unter Ber√ľcksichtigung der Vorgaben der universalkirchlichen Instruktion Universae Ecclesiae, soweit sie von diesen abweichen, korrigieren.

Können Sie zur Verdeutlichung Fallbeispiele nennen, wie die Feier der heiligen Messe in der außerordentlichen Form des Römischen Ritus durch erlassene Normen erschwert worden ist?

Mir sind vor allem aus dem deutschsprachigen Raum zwei F√§lle bekannt. Der Bischof von Augsburg hat die Mindestgr√∂√üe einer Gruppe auf 25 Personen festgelegt. Der Bischof von Freiburg bestimmte in seinen Ausf√ľhrungsbestimmungen, dass Gl√§ubige aus einer anderen Pfarrei nicht zu einer Gruppe geh√∂ren k√∂nnen. Er beschr√§nkte also die Gruppe auf Gl√§ubige der jeweiligen Pfarrei, in der die au√üerordentliche Form der Messe gefeiert werden soll. Beide bisch√∂fliche Bestimmungen sind weder mit demMotu Proprio Summorum Pontificum noch mit der Instruktion Universae Ecclesiae vereinbar. Das Motu Proprio legt keine Mindestgr√∂√üe fest. Und die Herkunft der Gl√§ubigen, die zur dieser Gruppe geh√∂ren, ist irrelevant. Summorum Pontificum/Universae Ecclesiae machen in beiden Punkten keinerlei Einschr√§nkungen.

Ein Blick in die Zukunft gewagt. Wie schätzen Sie langfristig die Umsetzung des Motu Proprio Summorum Pontificum ein?

Ich bin optimistisch. Wir d√ľrfen nicht vergessen, dass das Motu Proprio noch in den Kinderschuhen steckt. Es war zu erwarten, dass es nicht von jedem direkt am Anfang bereitwillig aufgenommen w√ľrde. Es bedarf eben einer Gew√∂hnungsphase in der kirchlichen Gemeinschaft. Seit dem Erscheinen von Summorum Pontificum sind nun nahezu f√ľnfeinhalb Jahre vor√ľber.¬†Seitdem hat sich schon vieles getan. Das d√ľrfen wir nicht √ľbersehen. Man kann nicht behaupten, Summorum Pontificum¬†sei in der kirchlichen Gemeinschaft nicht rezepiert worden.

Langfristig, auch im Hinblick auf den Generationenwandel, im Hinblick auf die richtige Interpretation und Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils in der kichlichen Praxis, vor allem aber auch im Hinblick auf eine richtige Vermittlung der Einheit beider Formen des einen R√∂mischen Ritus in der √Ėffentlichkeit, die zwar zum Teil unterschiedliche theologische Akzente haben, die sich aber nicht widersprechen, sondern erg√§nzen, wird die Umsetzung von Summorum Pontificum eine Selbstverst√§ndlichkeit sein. Es muss das Bewu√ütsein wachsen, dass beide Formen in ihrer theologischen Aussage kompliment√§r sind. Ich denke hier¬†z.B. an die Herausstellung des gemeinsamen Priestertums der Gl√§ubigen in der liturgischen Feier der ordentlichen Form des R√∂mischen Ritus und an die Hervorhebung des hierarchischen Priestertums und die zentrale Stellung des Priesters in der sog. au√üerordentlichen Form, ohne dass eine Form des R√∂mischen Ritus den jeweils anderen Aspekt des einen Priestertums Christi ausschlie√üt: Die au√üerordentliche Form respektiert das gemeinsame Priestertum ebenso wie die ordentliche Form das Amtspriestertum. Das ist Lehre des Zweiten Vatiknischen Konzils (siehe Lumen gentium Nr. 10). Es gibt keinen Gegensatz zwischen beiden Formen (nat√ľrlich immer unter der Bedingung, dass die ordentliche Form, also die Messe nach dem Missale Pauls VI., ordnungsgem√§√ü gefeiert wird. Wir wissen allzu sehr, dass dies durch eine falsch verstandene Kreativit√§t und liturgische Missbr√§uche nicht √ľberall der Fall ist und dass gerade dadurch tats√§chlich die Einheit beider Formen verdunkelt wird). Beide Formen sind, wenn sie ordnungsgem√§√ü gefeiert werden,¬†auf ihre Weise Ausdruck und Feier des einen Glaubens der Kirche.

Vielen Dank Hw. Dr. Weishaupt f√ľr das informative Interview.

 

Angaben zum Buch:

Gero P. Weishaupt

Die Instruktion „Universae Ecclesiae“

Ein kirchenrechtlicher Kommentar

BENEDETTO VERLAG

ISBN 978-3-905953-41-1

Preis: ‚ā¨ 16,80

 

Foto: Dr. Gero P. Weishaupt – Bildquelle: Privat

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