Gaudium et spes. Artikel 78

Vom Wesen des Friedens.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 3. Januar 2014 um 17:46 Uhr
Vaticanum II, Konzilseröffnung

Einleitung von Gero P. Weishaupt: Vor dem Hintergrund der Schrecken des Ersten und Zweiten Weltkrieges, des Einsatzes von Atombomben über Hieroshima und Nagasaki im August 1945, der Kuba-Krise kurz nach Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils im Oktober 1962, die die Menschheit an den Rand eines Atomkrieges geführt hat, und der 1963 erschienenen Enzyklika Pacem in terris von Johannes XXIII. erklären die Konzilsväter im 5. Kapitel des zweiten Teils der Pastoralkonstitution Gaudium et spes den Begriff des Friedens, verurteilen die Unmenschlichkeit des Krieges und richten einen Appell an alle Christen, „mit Hilfe Christi, in dem der Friede gründet, mit allen Menschen“ zusammenzuarbeiten, „um untereinander in Gerechtigkeit und Liebe den Frieden zu festigen und all das bereitzustellen, was dem Frieden dient“ (Art. 77).

In Artikel 78 erläutern die Konzilsväter den Begriff bzw. das Wesen des Friedens (De natura pacis). Wenngleich sie ihn nicht zitieren, so ist doch erkennbar, dass sie sich dabei – in Kontinuität mit der Tradition – auf den klassischen Begriff des Friedens berufen, der in der katholischen Theologie und in lehramtlichen Aussagen immer zugrundegelegt worden ist: „Pax omnium rerum tranquillitas ordinis“, zu Deutsch: Der allgemeine Frieden ist die Ruhe der Ordnung. Der Begriff stammt vom Kirchenvater Augustinus (in: De civitate Dei XIX 13, 1). Frieden ist demnach nicht einfach die Abwesenheit von Krieg (absentia belli) oder ein Zustand des „Gleichgewichtes entgegengesetzter Kräfte (adversarum virium aequilibrium). Der „allgemeine Friede in der Ruhe der Ordnung“ ist von Gott der menschlichen Gesellschaft eingestiftet. Damit wird ausgesagt, dass der Frieden schon in der Schöpfungsordnung verankert ist, näherhin im Naturrecht, das wiederum die Grundlage der Menschenwürde und des Völkerrechtes ist.

Irdischer Friede sei aber immer brüchig wegen des durch die Sünde verwundeten menschlichen Willens. Wahrer Friede kann darum nur von Christus kommen, der „durch sein Kreuz alle Menschen mit Gott versöhnt und die Einheit aller in einem Volk und in seinem Leib wiederhergestellt“ hat. Darum könne es keinen Frieden geben ohne Liebe, ohne Achtung vor dem Wohl der Person. „Der feste Wille, andere Menschen und Völker und ihre Würde zu achten, gepaart mit einsatzbereiter und tätiger Brüderlichkeit – das sind unterläßliche Voraussetzung für den Aufbau des Friedens“, so die Konzilsväter. Ein Friede, „der seinen Ursprung in der Liebe zum Nächsten hat, ist zugleich auch Abbild und Wirkung des Friedens, den Christus gebracht hat. … Soweit aber die Menschen sich in Liebe vereinen und so die Sünde überwinden, überwinden sie auch die Gewaltsamkeit …“

Gaudium et spes. Artikel 78

„Der Friede besteht nicht darin, daß kein Krieg ist; er läßt sich auch nicht bloß durch das Gleichgewicht entgegengesetzter Kräfte sichern; er entspringt ferner nicht dem Machtgebot eines Starken; er heißt vielmehr mit Recht und eigentlich ein „Werk der Gerechtigkeit“ (Jes 32,17). Er ist die Frucht der Ordnung, die ihr göttlicher Gründer selbst in die menschliche Gesellschaft eingestiftet hat und die von den Menschen durch stetes Streben nach immer vollkommenerer Gerechtigkeit verwirklicht werden muß. Zwar wird das Gemeinwohl des Menschengeschlechts grundlegend vom ewigen Gesetz Gottes bestimmt, aber in seinen konkreten Anforderungen unterliegt es dem ständigen Wandel der Zeiten; darum ist der Friede niemals endgültiger Besitz, sondern immer wieder neu zu erfüllende Aufgabe. Da zudem der menschliche Wille schwankend und von der Sünde verwundet ist, verlangt die Sorge um den Frieden, daß jeder dauernd seine Leidenschaft beherrscht und daß die rechtmäßige Obrigkeit wachsam ist.

Dies alles genügt noch nicht. Dieser Friede kann auf Erden nicht erreicht werden ohne Sicherheit für das Wohl der Person und ohne daß die Menschen frei und vertrauensvoll die Reichtümer ihres Geistes und Herzens miteinander teilen. Der feste Wille, andere Menschen und Völker und ihre Würde zu achten, gepaart mit einsatzbereiter und tätiger Brüderlichkeit – das sind unerläßliche Voraussetzungen für den Aufbau des Friedens. So ist der Friede auch die Frucht der Liebe, die über das hinausgeht, was die Gerechtigkeit zu leisten vermag. Der irdische Friede, der seinen Ursprung in der Liebe zum Nächsten hat, ist aber auch Abbild und Wirkung des Friedens, den Christus gebracht hat und der von Gott dem Vater ausgeht. Dieser menschgewordene Sohn, der Friedensfürst, hat nämlich durch sein Kreuz alle Menschen mit Gott versöhnt und die Einheit aller in einem Volk und in einem Leib wiederhergestellt. Er hat den Haß an seinem eigenen Leib getötet (1), und durch seine Auferstehung erhöht, hat er den Geist der Liebe in die Herzen der Menschen ausgegossen.

Das ist ein eindringlicher Aufruf an alle Christen: „die Wahrheit in Liebe zu tun“ (Eph4,15) und sich mit allen wahrhaft friedliebenden Menschen zu vereinen, um den Frieden zu erbeten und aufzubauen. Vom gleichen Geist bewegt, können wir denen unsere Anerkennung nicht versagen, die bei der Wahrung ihrer Rechte darauf verzichten, Gewalt anzuwenden, sich vielmehr auf Verteidigungsmittel beschränken, so wie sie auch den Schwächeren zur Verfügung stehen, vorausgesetzt, daß dies ohne Verletzung der Rechte und Pflichten anderer oder der Gemeinschaft möglich ist. Insofern die Menschen Sünder sind, droht ihnen die Gefahr des Krieges, und sie wird ihnen drohen bis zur Ankunft Christi. Soweit aber die Menschen sich in Liebe vereinen und so die Sünde überwinden, überwinden sie auch die Gewaltsamkeit, bis sich einmal die Worte erfüllen: „Zu Pflügen schmieden sie ihre Schwerter um, zu Winzermessern ihre Lanzen. Kein Volk zückt mehr gegen das andere das Schwert. Das Kriegshandwerk gibt es nicht mehr“ (Jes 2,4).“

Foto: Konzilsväter – Bildquelle: Peter Geymayer / Wikipedia