Gaudium et spes. Artikel 16

Die Würde des sittlichen Gewissens.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 2. März 2013 um 14:31 Uhr
Vaticanum II, Konzilseröffnung

Einleitung von Gero P. Weishaupt:

„Die Würde des sittlichen Gewissens“. So lautet die Überschrift zum 16. Artikel der Pastoralkonstitution Gaudium et spes des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die Würde besteht darin, dass der Mensch durch sein Gewissen mit Gott verbunden ist: „Das Gewissen ist die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem Innersten zu hören ist.“ Die Stimme des Gewissens klingt in jedem Menschen. Allerdings ist es ausschließlich dann ein gutes und richtiges Gewissen, wenn es sich an der in der Schöpfung von Gott grundgelegten objektiven moralischen Ordnung orientiert. Nur ein solches Gewissen ist wahr. Das Konzil verteidigt eine objektive Moralität, die dem Menschen vorgegeben ist und darum nicht vom Gewissensurteil der Person abhängt. In Treue zur traditionellen Morallehre der Kirche verwerfen die Konzilsväter indirekt die Auffassungen der modernen sogenannen „autonomen“ Moral mit ihren verschiedenen Varianten (Situationsethik, Teleologie etc.). Es gibt in sich schlechte Handlungen, unabhängig von der jeweiligen Situation und den Folgen der Handlungen. Papst Paul VI. hat die Aussagen des Konzils im Lichte der Tradition im Zusammenhang mit der Problematik der künstlichen Empfängnisverhütung in seiner Enzyklika Humanae Vitae (1968) authentisch und lehramtlich bindend interpretiert.

Ein Gewissen kann auch irren. Ein irrendes Gewissen verliert, so die Konzilsväter in Anlehnung an die Tradition (Thomas von Aquin, Henry Newman), jedoch nicht seine Würde. Subjektiv handelt eine Person richtig, wenn sie nach ihrem Gewissen handelt, auch wenn das Gewissensurteil falsch ist. Die Würde des Gewissens hängt allerdings von dem Bemühen des Menschen ab, „nach dem Wahren und Guten zu suchen“. Gründe für den Irrtum sind „unüberwindliche Unkenntnis“ und die Erblindung des Gewissens durch „Gewöhnung an die Sünde“.

Gaudium et spes. Artikel 16

„Im Innern seines Gewissens entdeckt der Mensch ein Gesetz, das er sich nicht selbst gibt, sondern dem er gehorchen muß und dessen Stimme ihn immer zur Liebe und zum Tun des Guten und zur Unterlassung des Bösen anruft und, wo nötig, in den Ohren des Herzens tönt: Tu dies, meide jenes. Denn der Mensch hat ein Gesetz, das von Gott seinem Herzen eingeschrieben ist, dem zu gehorchen eben seine Würde ist und gemäß dem er gerichtet werden wird (9). Das Gewissen ist die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist.

Im Gewissen erkennt man in wunderbarer Weise jenes Gesetz, das in der Liebe zu Gott und dem Nächsten seine Erfüllung hat. Durch die Treue zum Gewissen sind die Christen mit den übrigen Menschen verbunden im Suchen nach der Wahrheit und zur wahrheitsgemäßen Lösung all der vielen moralischen Probleme, die im Leben der Einzelnen wie im gesellschaftlichen Zusammenleben entstehen. Je mehr also das rechte Gewissen sich durchsetzt, desto mehr lassen die Personen und Gruppen von der blinden Willkür ab und suchen sich nach den objektiven Normen der Sittlichkeit zu richten. Nicht selten jedoch geschieht es, daß das Gewissen aus unüberwindlicher Unkenntnis irrt, ohne daß es dadurch seine Würde verliert. Das kann man aber nicht sagen, wenn der Mensch sich zuwenig darum müht, nach dem Wahren und Guten zu suchen, und das Gewissen durch Gewöhnung an die Sünde allmählich fast blind wird.“

Foto: Konzilsväter – Bildquelle: Peter Geymayer / Wikipedia