Der letzte Mönch von Tibhirine

Eine Buchrezension von Hans Jakob Bürger.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 6. November 2012 um 21:53 Uhr

Der letzte Mönch von Tibhirine ist Pater Jean-Pierre. Er entkam der Entführung und dem Massaker durch einen Zufall. Der Anführer der Bande wollte in der Nacht des 26. März 1996 genau sieben Trappisten-Mönche aus ihrem algerischen Kloster Tibhirine entführen, weil er meinte, es seien gerade so viele im Kloster. Doch es waren zu dem Zeitpunkt neun Mönche anwesend. So kamen er und der inzwischen verstorbene Bruder Amédée davon. Die anderen wurden nach 56 Tage der Gefangenschaft ermordet; ihnen wurden die Köpfe abgeschnitten.

Freddy Derwahl hat mit „Der letzte Mönch von Tibhirine“ eine ungewöhnliche Lebensbeschreibung von Pater Jean-Pierre vorgelegt. Derwahl selbst wollte vor Jahrzehnten einmal in dieses Kloster eintreten, doch kam es nicht dazu. Pater Christian, der Prior, hatte ihm geschrieben, es gehöre zu einer Berufung in das Atlas-Kloster mehr als beim Eintritt in eine europäische Abtei, nämlich mehr Einsamkeit, mehr Armut und vor allem die selbstlose Liebe zum islamischen Algerien. Damals lernte Derwahl auch Jean-Pierre kennen. Im Jahre 2011 trafen sich die beiden zwei Wochen lang in dem Nachfolgekloster in Midelt. Jeden Tag erzählt Jean-Pierre zwei Stunden. Derwahl macht sich Notizen. Gleichzeitig verfasste er eine Art Tagebuch, sein „Stundenbuch“, in dem er seine eigene Gedanken und Gefühle festhält.

Wenn der Leser das schön gestaltete Buch in seine Hände nimmt, wird er empfangen von einigen wunderschönen Fotos des Nachfolgeklosters von Tibhirine, das sich nun 1000 Kilometer westlich in Marokko befindet. Auch hier trägt es den Namen „Unsere liebe Frau vom Atlas“, jenem nordafrikanischen Atlas-Gebirge, in dem auch, in östlicher Richtung, Tibhirine liegt. Die starken Bild-Eindrücke von Personen, Orten und Landschaften zu Beginn wie am Ende des Buches stammen von dem italienischen Fotografen Bruno Zanzottera.

Die Berichte sind spannend geschrieben. Die Fähigkeit Derwahls zu erzählen kommt voll und ganz zum Zuge. Der Leser erfährt noch einmal die damalige Geschichte, die mittlerweile schon wieder fast vergessen ist, aber auch viel Neues. Die Zeiten der Jugend von Jean-Pierre nehmen den Leser mit hinein in das Leben vor dem Zweiten Weltkrieg. Es folgen die Erlebnisse der Kriegszeit und später sein Eintritt in das klösterliche Leben, das heutigen Menschen kaum bekannt sein dürfte. Die unspektakuläre Suche nach der eigenen Berufung wird schließlich spektakulär erledigt durch ein Telefonat zwischen zwei Ordensoberen. Jean-Pierre geht in ein Trappistenkloster und erlebt die Umbrüche der Zeit während und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Schließlich erhält er die Möglichkeit, seine nordfranzösische Abtei zu verlassen und in ein kleines und armes algerisches Kloster der Trappisten zu gehen, in dem das Konzil noch nicht ganz angekommen war.

All das beschreibt der Autor als ein Erzähler von hohem Format. Er versteht es, die Schilderungen des 87-jährigen Mönchs lebendig werden zu lassen. Es wird deutlich, wie das Leben der Trappisten mitten im Land des Islams einst war und wie es sich veränderte; besonders seit Christian de Chergé nach Tibhirine kam und bald Prior wurde. Wer die Ereignisse des Jahres 1996 noch im Gedächtnis hat, wird dankbar sein für zusätzliche Informationen. Nicht zu unterschätzende Spannungen traten im Vorfeld jener Geschehnisse im Kloster auf. Manches wird nach der Lektüre des Buches besser verständlich und anders einzuordnen sein.

Derwahl, Freddy

Der letzte Mönch von Tibhirine

gebunden mit Schutzumschlag, 176 Seiten

ISBN 9783942208697

adeo-Verlag 2012

Link: adeo-Verlag

€ 17,99

Foto: Der letzte Mönch von Tibhirine – Bildquelle: adeo-Verlag