Zeitdokument und Zeitzeugnis. Eine Buchbesprechung

Von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 11. Oktober 2015 um 22:51 Uhr

Georg May ist eine der markantesten Priesterpersönlichkeiten und Gelehrten des deutschsprachigen Raumes in der Gegenwart. In diese Stellung gelangte der arrivierte Kanonist und Emeritus der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität vollends vor allem in der unmittelbaren Nachkonzilszeit und seither, da er nicht wie manch anderer aus Rücksicht auf mögliche, künftige Karriereaussichten davor zurückwich, sich durch luzide Kritik an den Entwicklungen auf und seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hervorzutun und dabei konsequent an als „vor-konziliar“ abqualifizierten Maßstäben festzuhalten. Mittlerweile hat er das 90. Lebensjahr überschritten, ist also bereits von seiner Lebensspanne her als Zeitzeuge ausgewiesen.

Ähnlich wie Kardinal Domenico Bartolucci (1917-2013), dem noch von Pius XII. auf Lebenszeit ernannten Leiter des Chors der Sixtinischen Kapelle, hielt und hält May durchgehend und ausschließlich an der überlieferten Römischen Liturgie fest, ohne sich dazu jemals auf ein Indult oder Motu proprio berufen zu haben. Als Benedikt XVI. 2010 Bartolucci zum Kardinal kreiierte, schien der Purpur auch für May realistisch. Menschlich, priesterlich und akademisch hätte ihm May mit seinem Lebenswerk zweifelsohne ebenfalls voll entsprechen können. Benedikt XVI. würdigte dieses, indem er May 2011 in die höchste Prälatenklasse aufnahm und zum Apostolischen Protonotar supra numerum erhob.

Die Schrift: „Die alte und die neue Messe. Die Rechtslage hinsichtlich des Ordo Missae“ ist die Buchform einer Aufsatzreihe, die ursprünglich von 1975 bis 1976 in der Una Voce Korrespondenz erschienen ist. Mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors hat der Sarto-Verlag 2015 einen vollständig unveränderten Nachdruck herausgebracht, in dem selbst die damalige Orthographie beibehalten ist, was heutzutage einen eigenen, zusätzlich ästhetischen Lesegenuss zur Lektüre beiträgt. Der immense Wert dieser Neuauflage, die ich heute, auf den Tag genau 53 Jahre nach der Eröffnung des Zweiten Vaticanums vorstelle, indes ist der eines unbestechlichen, historischen Dokuments. Der Verzicht auf jegliche Aktualisierung unterstreicht es. Die Studie entstand unter den tatsächlichen Umständen der Durchführung und Umsetzung „der sogenannten Liturgiereform“, wie May, soweit ich sehe, durchgängig formuliert.

Prinzipiell ist der insgesamt positive, praktisch-konkrete Effekt des Motu Proprio Summorum Pontificum nicht zu leugnen, doch die darin vorausgesetzte Vorstellung, bereits Paul VI. hätte nur einen alternativen, neuen Ritus neben den alten setzen wollen, wird von Georg Mays Untersuchung überzeugend widerlegt. Die Überzeugungskraft dieser Widerlegung ist umso schlagender, als die damals entwickelte Argumentation nicht im Horizont einer solchen These entstand, sondern sich mit harten Fakten und Erfahrungswerten der tatsächlichen Praxis auseinandersetze. Nun behaupte ich nicht, Joseph Ratzinger würde Paul VI. ernsthaft die Absicht zuschreiben, eine gleichberechtigte Koexistenz von altem und neuem Ritus zu begründen, doch sachlich ist diese Annahme (oder Behauptung) offensichtlich die Grundlage für Benedikt XVI.‘ Konzeption, von einer älteren und einer neueren Ausdrucksform ein und desselben Römischen Ritus auszugehen und beide kirchenrechtlich als forma extraordinaria und forma ordinaria aufzufassen.

Vollständige Gleichrangigkeit erreicht man so nicht. Dem sogenannten ordentlichen Usus kommt ganz klar Vorrang zu. Doch es ist auch evident, dass Benedikt XVI. nicht eine solche Gleichrangigkeit erreichen wollte, sondern durch anachronistische Rückprojektion seiner These auf Paul VI. dessen sogenannte Liturgiereform und deren Verbindlichkeit nachträglich legitimieren wollte. Dies wohl in dem vollen Bewusstsein, dass Rechtmäßigkeit und Verbindlichkeit des Novus Ordo Missae im Lichte der faktischen historischen Umstände seiner Einführung und Durchsetzung, wie sie von May in der hier vorgestellten Untersuchung damals mustergültig dokumentiert wurden, auf tönernen Füßen stehen.

Beim Erlass von Summorum Pontificum in der Position des höchsten kirchlichen Gesetzgebers, konnte Benedikt XVI. die Einheit und Zweigestaltigkeit des Römischen Ritus juristisch verbindlich festschreiben, die Faktenlage der Geschichte ungeschehen machen oder umschreiben, konnte und kann Ratzingers These jedoch nicht. May dazu unmissverständlich: „Die nicht aufhörenden Versuche, den Papst (also Paul VI., Anm. C.V.O.) als Anwalt für die Beibehaltung des sogenannten tridentinischen Ritus in Anspruch zu nehmen, sind illusorisch“ (May, G., Die alte und die neue Messe. Die Rechtslage hinsichtlich des Ordo Missae, (Sarto), Stuttgart 2015, S. 67). Ein paar Seiten weiter fährt er fort: „In der Instruktion vom 20. Oktober 1969 zeigte sich zum erstenmal eine gewisse Rücksichtnahme auf die Priester, die ja die veränderte Messe in erster Linie betraf. Die Oberhirten sollten älteren Priestern, die ernste Schwierigkeiten bei der Verwendung des geänderten Ordo Missae, der geänderten Texte des Missale Romanum und der geänderten Leseordnung hatten, gestatten dürfen, die im Gebrauch befindlichen Riten und Texte weiterhin zu benutzen. Diese Ermächtigung unterlag jedoch einer schwerwiegenden Einschränkung. Sie durften die Erlaubnis nur Priestern geben, die die Messe ohne Volk zelebrieren (Nr. 19). Damit war der begünstigte Kreis sehr eng gezogen. Er umfasste nur Priester vorgerückten Alters, die privat zelebrieren. Dem Volk sollte die Messe Pius‘ V. offensichtlich zur Gänze und unwiderruflich entzogen werden“ (ebd., S. 69f).

Wir sehen: Ein numquam abrogatam wie von Benedikt XVI. postuliert, findet sich bei Paul VI. nicht. An eine Koexistenz zweier Ausprägungen eines Ritus war mittel- und erst recht langfristig nicht gedacht, geschweige denn war sie beabsichtigt. Der tridentinische Ritus sollte nur noch für Privatmessen weiterbenützt werden können, das heißt für solche Messen, die zumindest nicht ausdrücklich für das Volk gefeiert werden, also zum Beispiel nicht bei Messen einer Pfarrei, die im Pfarrbrief stehen, auch wenn an sich Gläubige immer an einer Privatmesse teilnehmen können. Wir kennen genug Fälle, wo das zudem nicht der Fall war, sondern diese Messen nur hinter verschlossener Tür geduldet wurden. Außerdem konnten nur alte oder kranke Priester in den Genuss der Weiterbenützung des bisherigen Römischen Ritus kommen. Anders gesagt und auf den Punkt gebracht: Die alte Messliturgie war Auslaufmodell, mit den alten und kranken Priestern, die sie übergangsweise noch verwenden durften, sollte der tridentinische Ritus aussterben. Jedenfalls wären Priester, die bereits 1969 „alt und krank“ waren, heute und auch schon 2007, als Benedikt XVI. Summorum Pontificum veröffentlichte, mehrheitlich bereits längst tot oder zumindest zwischenzeitlich verstorben.

Georg May beschränkt sich in seinen Darlegungen bewusst auf den Ordo Missae, also auf die gleichbleibenden Teile der heiligen Messe. Diese Selbstbegrenzung verdichtet und konzentriert das behandelte Problem, so dass es besser greifbar wird. Der Zugang ist der eines Kirchenrechtlers, und an dieser Stelle möchte ich betonen, dass die Schilderung zum Verständnis trotzdem keinen juristischen Hintergrund beim Leser voraussetzt. Gerade für solche, die die damalige Periode und ihre Ereignisse nicht selbst bewusst miterlebt haben, ist ihre Beschreibung meisterhaft anschaulich und streckenweise fesselnd zu lesen. Hier merkt man die große didaktische Erfahrung des Professors ebenso wie die seelsorgliche Nähe des Priesters auch zum theologisch und kirchenrechtlich oder dogmatisch nicht vorgebildeten Gläubigen.

Der Autor benutzt stets eine vornehme, höfliche, doch nicht minder deutliche Diktion: „Das Unbehagen und der Widerstand wacher und gläubiger Katholiken gegen die geänderte Liturgie der Meßfeier ließen sich in den vergangenen Jahren trotz unaufhörlicher Propaganda und pausenloser Indoktrination, trotz Druck und Drohungen, nicht unterdrücken. Die kirchliche Autorität (…) trat gegen die Kritiker der neuen Messe mit einer Schärfe auf, die, würde sie auf anderen Gebieten angewandt, ihr von den Vertretern der progressistischen Partei den (schwerwiegenden) Vorwurf eines Rückfalls in vorkonziliare Verhaltensweisen eintragen würde“ (ebd., S. 77f).

May scheut sich nicht, die Verbindlichkeit und den Verpflichtungsgrad der neuen Liturgie unter dem Blickwinkel zu prüfen, mit dem Missale Romanum Pauls VI. möglicherweise einem ungerechten Gesetz gegenüber zu stehen und gelangt zu einem affirmativen Befund (vgl. insbesondere ebd., S. 113-117, jedoch auch S. 119-134): „Die Priester und Gläubigen dürfen das Gesetz, das die Benutzung des Ordo Missae Pauls VI. vorschreibt, unbeachtet lassen, sie dürfen ihn verwenden, falls die bei Nichtbenutzung eintretenden Schäden größer wären, also beispielsweise Priester bei Nichtbenutzung sicher ihre Stelle verlieren würden und dadurch ihre Gläubigen entweder verwaist oder einem progressistischen ‚Gemeindeleiter‘ ausgeliefert sähen (ebd., S. 115). Aus heutiger Perspektive kann man nach der Lektüre von Mays Buch an dieser Stelle einfügen, dass der Novus Ordo Missae in den Jahrzehnten seiner Benützung seit seiner Einführung, dort, wo man wirklich bestrebt war, ihn in Übereinstimmung mit dem Glauben der Kirche und ihrer Liturgischen Überlieferung zu verwenden, vielleicht eine gewisse Legitimität hinzugewonnen hat, die er formal und ursprünglich nicht besaß. Doch eine Verpflichtung, ihn zu benutzen oder bei Unerreichbarkeit der überlieferten Liturgie auch im Novus Ordo die Sonntagspflicht erfüllen zu müssen (!), kann daraus nicht abgeleitet werden.

Wäre es zu einer Reform der Reform à la Ratzinger gekommen, hätten aber eventuell einzelne Details, die sich in der neuen Liturgie wirklich bewährt haben, wie zB die eine oder andere zusätzliche Präfation, in die überlieferte Liturgie von 1962 oder langfristig wieder in einen einheitlichen, gemeinsamen, genuin traditionskonformen Ritus aufgenommen werden können. Von einer solchen Reform der Reform sind und waren wir immer weit entfernt. Diejenigen, die den Ordo Missae Pauls VI. ablehnen, glitten dadurch, so argumentiert May, nicht in die Bindungslosigkeit ab, sondern blieben nur der bisherigen Bindung treu: „Auch sie wissen sich gebunden, aber nicht an den Ritus Pauls VI., sondern an jenen Pius‘ V.“ (ebd., a. a. O.).

Wer heute zu Mays Buch greift, dem wird deutlich: Die Liturgiereform wurde unter Prämissen und Umständen eingeführt, unter denen nicht die erforderliche Rechtssicherheit gewonnen werden konnte, mit ihr einem zweifelsfrei gerechten Gesetz gegenüberzustehen. Diejenigen, die an den bisherigen liturgischen Büchern und Riten festhielten, gingen sozusagen auf Nummer sicher, denn an deren Rechtgläubigkeit und Verbindlichkeit konnte kein auch nur annähernd vergleichbarer Zweifel bestehen. Selbst noch nach den Vorkehrungen, die mit Summorum Pontificum getroffen wurden, hat die nachkonziliare, sogenannte Liturgiereform eine quasi allgegenwärtige Diasporasituation geschaffen, in der jedenfalls niemand verpflichtet ist, bei physischer Unerreichbarkeit der überlieferten Messe zur Erfüllung der Sonntagspflicht die neue zu besuchen. Wenn es der einzelne (gegebenenfalls in Ausnahmefällen) trotzdem tun möchte und Priester findet, die den Novus Ordo in Übereinstimmung mit dem Glauben und der liturgischen Tradition der Kirche zu feiern sich bemühen, wird man dies, wenn man sich der sehr ausgewogenen Argumentation Mays anschließt, nicht prinzipiell zurückweisen können.

Diese Rezension erscheint während der Bischofssynode in Rom. Da möchte ich es nicht versäumen, abschließend zu bemerken, dass der Novus Ordo Missae nicht eingeführt worden wäre, hätte sich Paul VI. vom ablehnenden Votum der Bischofssynode 1967 leiten lassen, die die sogenannte Missa normativa, gleichsam den Prototyp des Novus Ordo, mit überwältigender Mehrheit zurückgewiesen hatte.

May, G., Die alte und die neue Messe. Die Rechtslage hinsichtlich des Ordo Missae, (Sarto) Stuttgart 2015, Paperback, 147 Seiten, ISBN 978-3-943858-69-3, Preis in Deutschland: € 9,10.

Foto: Ausschnitt des Covers von „Die alte und die neue Messe“ – Bildquelle: Sarto-Verlag