Wichtige Erläuterungen zu Ehe, Familie und Sexualmoral – Ein Interview mit Weihbischof Athanasius Schneider, Teil I

Fragen von Dr. Maike Hickson, USA für Lifesitenews.
Erstellt von Mathias von Gersdorff am 11. Juni 2015 um 15:07 Uhr
Hochzeitsbank

Weihbischof Athanasius Schneider (Astana, Kasachstan) erläuterte in einem langen Interview wichtige Aspekte der katholischen Lehre über Ehe, Familie und Sexualität. Das Gespräch führte Dr. Maike Hickson für den Nachrichtendienst „Lifesitenews“. Diese Stellungnahmen sind aufgrund der gegenwärtigen Diskussion im Vorfeld der Familiensynode im Oktober 2015 besonders wichtig. Weihbischof Schneider ist einer der drei Autoren des gerade erschienen Buches „Vorrangige Option für die Familie – 100 Fragen und 100 Antworten zur Synode“.

Soeben wird Ihr neues Buch, Option für die Familie. 100 Fragen und 100 Antworten zurSynode, auf Italienisch in Rom veröffentlicht. Es soll in naher Zukunft auch in verschiedenen anderen Sprachen erscheinen. Sie haben dieses Buch gemeinsam mit Erzbischof Aldo di Cillo Pagotto (Paraiba, Brasilien) und Bischof Robert Francis Vasa (Santa Rosa, USA) geschrieben. Was war der Grund für dieses Buch, das sich mit Fragen rund um die Synode zum Thema Ehe und Familie beschäftigt?
Seit nun mehr als einem Jahr wird in der ganzen Kirche auf allen Ebenen sehr intensiv über die Ehe und die Familie und über andere, mit diesem Thema zusammenhängenden, Fragen gesprochen. Es handelt sich um sehr aktuelle Themen, die den Glauben und das sittliche Leben der Gläubigen unmittelbar betreffen. Es ist eine vorrangige Aufgabe der Bischöfe, die Gläubigen über solch wichtige Wahrheiten wie Ehe und Familie klar und deutlich zu belehren.

Was sind die zentralen Themen, die Sie und Ihre Kollegen in Ihrem neuen Buch aufwerfen, und die Sie sich wünschen, dass sie auf der nächsten Synode diskutiert werden?
Das zentrale Thema des Buches ist zunächst vom Thema der Bischofssynode selbst vorgegeben, nämlich die Berufung und die Sendung der Familie in der heutigen Welt. Im Buch werden die göttlichen Wahrheiten über Ehe, Familie und Sexualität in Erinnerung gerufen, wie sie vom Lehramt der Kirche in beständiger und unveränderter Weise seit zwei Tausend Jahren weitergegeben wurden. Die heutige antichristliche und beinahe globale Gesellschaftsordnung greift die göttliche Ordnung der Ehe und der Sexualität frontal an und propagiert Ehescheidung, Konkubinat, und homosexuelle Lebensstile. Deswegen wird im erwähnten Buch die objektive Falschheit vor allem dieser Phänomene anhand von Aussagen des Lehramtes dargestellt und bewiesen.

Während der letzten Bischofssynode zum Thema Familie sind Fragen aufgeworfen worden und zur Diskussion gebracht worden, die bislang als absolut ausgeschlossen galten, wie etwa die Zulassung der geschiedenen Wiederverheirateten zu den Sakramenten und die Akzeptanz homosexueller Verbindungen. Wie erklären Sie sich, dass es zu einer solch starken Wandlung innerhalb der katholischen Kirche kommen konnte, und so plötzlich?
Die Akzeptanz von eindeutig unchristlichen und sogar heidnischen Lebensstilen innerhalb der katholischen Kirche ist das Ergebnis einer längeren Entwicklung, es stellt gleichsam die Frucht des doktrinellen Relativismus dar, der nun schon seit über 50 Jahren in vielen Bereichen des kirchlichen Lebens herrscht. Der doktrinelle Relativismus besagt, dass radikale Änderungen stattfinden dürfen und sollen, weil es ja nach dieser Theorie keine Beständigkeit und Unveränderlichkeit gibt: weder im Bereich des Dogmas, der Sittlichkeit noch in der Liturgie. Ferner besagt diese Theorie des Relativismus, dass man den Wortlaut einer Lehre beibehält, deren Sinn aber so interpretiert, dass man dann in der Praxis (Pastoral) durchaus Handlungen tun darf, die dem Wortlaut widersprechen. Solch eine Theorie des Relativismus ist letztlich eine Form des Gnostizismus. Eine der Ursachen für die Übernahme des doktrinellen Relativismus in unseren Tagen – und das meistens seitens des Klerus – ist ein Minderwertigkeitskomplex, der sich darin äußert, dass man dem Mainstream in der modernen Welt gefallen will. Letztlich ist aber solch eine Haltung nichts anders als Untreue gegenüber dem Wort Christi, Verrat der Taufversprechen und Feigheit vor der Welt.

Walter Kardinal Kasper ist die führende Stimme unter den Prälaten, der für die Lockerung der kirchlichen Disziplin gegenüber denjenigen Katholiken argumentiert, die nach einer Scheidung erneut eine zivile Ehe eingegangen sind. Er schlägt vor, dass solche Paare nach einer Zeit der Sühn zu den Sakramenten zugelassen werden könnten. Sehen Sie und Ihre beiden Bischofskollegen irgendeine Möglichkeit, einen solchen Weg zu beschreiten, ohne die Lehre Jesu Christi über die Unauflöslichkeit der Ehe zu unterminieren?
Dieser konkrete Vorschlag von Kardinal Kasper und seiner Gesinnungsgenossen bedeutet ohne Zweifel eine Unterminierung der Lehre Christi über die Unauflöslichkeit der Ehe. Kardinal Kaspers Theorie offenbart einen unchristlichen Begriff von Sühne und Buße. Was konkret tut man in diesem Fall sühnen oder für was konkret tut man Buße? Tun die betreffenden Gläubigen Buße, also bereuen sie lediglich, dass sie sich von ihrem legitimen Ehegatten in der Vergangenheit getrennt haben? Oder bereuen sie, dass sie nun durch das eheliche Zusammenleben mit einem neuen Partner Gottes Gebot ständig verletzen? Das biblische Verständnis von Reue besagt allerdings, dass man den festen und ehrlichen Vorsatz hat, das, was man bereut, künftig nicht mehr zu wiederholen. Es ist offenkundig, dass nach Kardinal Kaspers Theorie diese Gläubigen keine Reue darüber haben, dass sie Handlungen begehen, die das Gebot Gottes „Du sollst nicht die Ehe brechen“ und somit die Unauflöslichkeit der Ehe, direkt verletzten. Wenn sie darüber eine echte Reue haben würden, müssten sie den festen und ehrlichen Entschluss haben, diese Akte nach Kräften und mit Gottes Hilfe künftig nicht mehr zu wiederholen. Eine Zeit einer solchen angeblichen Sühne oder Buße wäre letztlich eine Pervertierung des biblischen Begriffs der Buße, eine Farce, eine Verspottung der Unauflöslichkeit der Ehe, ein Missbrauch des Sakramentes der Eucharistie, welche ja die Feier der Hochzeit des Lammes und der Braut (der Kirche) ist. Was in diesem Zusammenhang besonders schlimm ist, ist der Umstand, dass man das durch den gnostischen Missbrauch der biblischen Begriffe Buße und Barmherzigkeit rechtfertigt.

Könnte man nicht, mit Kardinal Kasper sprechend, mehr Barmherzigkeit gegenüber denjenigen Katholiken zeigen, die eine zweite Ehe eingegangen sind, und sie zu den Sakramenten zulassen? Kann man diesen Menschen zumuten, sich vom jetzigen Partner zu trennen und womöglich allein zu bleiben? Und wie muss die Kirche heute das Seelenheil dieser Menschen im Auge behalten, das ja wohl über dem leiblichen Wohl und der materiellen Sicherheit des Menschen steht?
Sicherlich muss man Barmherzigkeit zeigen gegenüber Katholiken, die durch ihre Lebensweise ständig ein wichtiges Gebot Gottes verletzten. Barmherzigkeit im Sinne Gottes bedeutet, dass man den Sünder aus seiner unglücklichen Situation herausholt, sofern dieser es auch ehrlich will. Man muss auch einem Sünder seine Freiheit lassen, und selbst Gott respektiert sie, denn Er zwingt niemandem Seine Barmherzigkeit auf. Gott bietet jedem die Gnade der echten Reue und der Vergebung der Sünden an. Es wäre eine Gotteslästerung zu denken und zu sagen: „O Herr, ich nehme Deine Barmherzigkeit und Vergebung an, aber ich habe nicht die Absicht, diese meine konkrete Sünde, diese meine konkrete Ablehnung Deines Willens, künftig zu unterlassen“. Katholiken, die objektiv das Gebot Gottes schwer verletzten, zu den Sakramenten zuzulassen, ohne von ihnen den festen und ehrlichen Vorsatz zu verlangen, künftig diese Sünde zu meiden, wäre keine Barmherzigkeit, sondern Grausamkeit, denn man würde sie in ihrer objektiven Ablehnung des Willens Gottes noch bestärken und sie sogar zur Gefahr der Gotteslästerung und zum Missbrauch des Heiligen treiben. Das Wort Christi ist hier wasserklar: „Wenn dich deine Hand oder dein Fuß zur Sünde verleiten, dann hau sie ab, Denn es ist besser für dich mit einer Hand oder mit einem Fuß das Reich Gottes einzugehen, als mit zwei Händen oder zwei Füßen in das ewige Feuer der Hölle geworfen zu werden“ (vgl. Mt 5, 30). Wenn ein Priester, ein Bischof oder ein Kardinal diese Worte Christi bagatellisiert und entsprechend die Menschen lehrt, dann ist er sicherlich nicht barmherzig, sondern wird mitschuldig daran, dass Menschen ewig verloren gehen. Oder ist für solche Kleriker ein eheliches Zusammenleben außerhalb einer gültigen Ehe keine Sünde mehr? Oder gibt es für solche Kleriker keine objektive Todsünde und keine ewige Verdammnis mehr?

Sie haben vor kurzem von dem “gnostischen Charakter des Kasper Vorschlages” gesprochen. Können Sie uns diesen Ausdruck erklären?
Die Gnosis war ein weitverbreitetes Phänomen in der intellektuellen Elite der ersten Jahrhunderte, also zur Zeit Jesu, der Apostel und der ersten Kirchenväter. Die Gnosis drang vor allem im zweiten Jahrhundert sogar in kirchliche Kreise ein. Es war das Verdienst des hl. Irenäus von Lyon, der diese schleichende Gefahr entlarvte und mit seinem berühmten Werk „Adversus haereses“ sozusagen die Alarmglocke läutete. Hier nur einige der wichtigsten Grundsätze des altchristlichen Gnostizismus: 1) Es darf einen Gegensatz und sogar einen Widerspruch geben zwischen dem, was wir denken, und dem was wir tun. 2) Nur das erhabene Denken und intellektuelle Erkennen bringt den Menschen das wahre Heil. 3) Alle äußeren Werke im Leib sind zu verachten und sie haben keinen Einfluss auf das wahre Heil des Menschen. 4) Die Gebote im Alten Testament, wie z.B. „Du sollst nicht die Ehe brechen“, sind der Ausdruck des bösen und nicht des guten Gottes, deshalb ist das Alte Testament abzulehnen und es gilt nur der gute und barmherzige Gott des Neuen Testaments. 5) Die Apostel und das Lehramt der Kirche haben die wahre Absicht Christi nicht richtig verstanden und weitergegeben, deshalb ist eine neue geistige Interpretation der Worte Christi notwendig.

Was denken Sie, von Ihrer eigenen Erfahrung, wie viele praktizierende Katholiken gibt es überhaupt, die regelmäßig zur Heiligen Messe gehen und den Glauben leben, und dennoch nicht Gottes Gesetzen folgen und ihre Ehe brechen oder nach einer Scheidung wieder heiraten? Ist dieses Problem sehr prominent in den Gemeinden, oder sind die meisten geschiedenen Wiederverheirateten meistens mehr oder weniger nicht-praktizierende Katholiken, die den Glauben gar nicht mehr leben und daher sich auch gar nicht so sehr nach der Heiligen Kommunion sehnen?
Nach meiner pastoralen Erfahrung gibt es nicht viele wiederverheiratet Geschiedenen, die regelmäßig an der Hl. Messe teilnehmen und den Wunsch haben, ernstlich nach den Geboten Gottes zu leben. Im Kasachstan haben wir solche Fälle, die meisten davon lebten vor ihrer Bekehrung in einer Naturehe (welche allerdings nur relativ unauflöslich ist, der Papst kann sie zu Gunsten des Glaubens, in favorem fidei, lösen, weil es keine sakramentale Ehe ist). Diese Menschen haben sich dann ihre Naturehe zivil scheiden lassen und leben nun in einer neuen Verbindung. Ich kenne keinen einzigen Fall im Kasachstan, wo Gläubige in solchen Situationen die Sakramente verlangen würden, denn sie erkennen in aller Wahrheit und Demut ihre unrechtmäßige Situation an.

Was wäre in Ihren Augen und mit Ihrer Erfahrung und Ihrem Wissensschatz die richtige Weise, wie sich die katholische Kirche denjenigen Katholiken nähern sollte, die, objektiv gesehen, im Stand der Sünde leben?
Die einzige richtige Weise, solchen Katholiken zu helfen, wäre die Werke der geistigen Barmherzigkeit zu üben, z.B.: Unwissende belehren, Zweifelnden den richtigen Rat geben und für die Lebenden beten. Wir müssen mit viel Liebe, Taktgefühl und Geduld diesen Menschen helfen, dass sie mit der Gnade Gottes Ihn nicht mehr durch die schwere Sünde des Ehebruchs beleidigen und das heilige Band ihrer ersten sakramentalen Ehe nicht weiter entweihen. Wir können vieles tun, um diesen Menschen zu zeigen, dass dir kirchliche Gemeinschaft sie ernst nimmt, sie nicht vergisst und ihnen stets helfen will, damit sie den Willen Gottes durch ihre Lebensweise nicht missachten. Man kann diese Menschen zu Wallfahrten, zu eucharistischen Anbetungen, zu Exerzitien, zu religiöser Fortbildung, zur Teilnahme an Werken der Barmherzigkeit einladen. Das wichtigste wäre für diese Menschen, dass sie die Gnade der wahren Demut erbitten und erhalten. Demut bedeutet, in Wahrheit die eigene Sündhaftigkeit zu bekennen. Nur den Demütigen gibt Gott Seine Gnade (vgl. Jak 4, 6).

Wie würden Sie die moralische und spirituelle Schönheit des Sakraments der Ehe und den damit verbundenen Segen beschreiben, auch in Bezug auf die schöne Ehre und Aufgabe, Kindern Leben zu schenken, und sie zum Himmel zu führen? Wie kann die Kirche zukünftige Ehepaare besser auf das Ehe- und Familienleben vorbereiten?
Das Ehe-Sakrament ist deshalb moralisch und spirituell so schön, weil sie in ihrer absoluten Unauflöslichkeit die unwiderrufliche Treue Gottes zu uns Menschen und die unauflösbare (inseparabiliter) Einheit Christi mit der menschlichen Natur im Geheimnis der Kirche, Seiner Braut, darstellt. In den Zeiten der ersten Christen, konnte man aus dem Mund der heiligen Kirchenväter oft dieses Wort hören: „O Christ, erkenne deine große Würde!“. Wir müssten auch heute sagen können: „O christlichen Eheleute, erkennt die große Würde eurer Ehe!“ Die christliche Ehe besitzt ihren erhabensten Zweck darin, durch die Geburt der Kinder der Kirche, dem Mystischen Leib Christi, neue Glieder zu schenken und damit Menschen leben zu schenken, die einst Bürger des Himmels sein werden (vgl. Gaudium et spes, n. 51). Der Priester ist derjenige, der durch das Tauf- und Bußsakrament den Menschen neues göttliches Leben schenkt. Beide Aufgaben: den Menschen durch die Zeugung das natürliche Leben zu schenken, d.h. die Aufgabe der Eheleute, und den Menschen das übernatürliche göttliche Leben zu schenken, d.h. die Aufgabe der Priester, sind die schönsten, heiligsten und glücklichsten Aufgaben, die Gott Menschen auf dieser Erde anvertraut. Beide Aufgaben müssen zusammen gesehen werden: die Gnade setzt ja die Natur voraus. Die Familie hat die edle Aufgabe, die Kinder religiös zu erziehen und eine Hauskirche zu sein und oft das erste Priesterseminar zu sein.

Wie würden sie die Bedeutung der Kindererzeugung und -erziehung in Bezug auf eine gedeihende Ehe einschätzen? Helfen Kinder Ehen, besser zusammenzuwachsen und eine gemeinsame Zielorientierung zu haben? Ist heute vielleicht ein Grund für die hohen Scheidungsraten, dass die Paare keine oder kaum mehr Kinder haben?
Die Eheleuten müssen wissen, dass jedes Kind ihnen von Gott persönlich geschenkt wurde, dass nicht sie letztlich das Entstehen eines neues Lebens bestimmen, sondern Gott selbst. Ferner vertraut Gott jedes Kind den Eltern an, damit sie es nicht zu einem guten Bürger der Erde, sondern vor allem auch zu einem Bürger des Himmels erziehen. Über jedes ihrer Kinder wird Gott einst die Eltern beim Gericht Rechenschaft verlangen. Es besteht kein Zweifel, dass Kinder und vor allem zahlreiche Kinder normalerweise die Eltern zusammenhalten, weil die Eltern durch die Sorge um die Kinder notwendigerweise in Anspruch genommen werden und dadurch weniger egoistisch werden. Mit jedem Kind weitet sich bei einem richtigen Vater und bei einer richtigen Mutter das Herz, weil sie mehr Platz machen müssen, um jemanden zu lieben. Es gibt natürlich auch Ausnahmen, wo manchmal auch eine kinderreiche Familie zu Konflikten oder zur Scheidung führen kann und zwar aufgrund von psychischen und charakterlichen Krankheiten der Eheleute. Die Wirklichkeit hat es bewiesen, dass keine Kinder oder zu wenige Kinder in nicht seltenen Fällen ein Grund der Scheidung ist, denn die Eltern sind dann zu sehr mit sich selbst beschäftigt und werden mehr egoistisch.

Interview mit Weihbischof Schneider, Teil II und Teil III

Erstveröffentlichung in englischer Sprache

Foto: Hochzeitsbank – Bildquelle: Alexander Hauk / www.bayern-nachrichten.de