Was ist das Entscheidende in der Liturgie?

Diakon Alexander Fischser (St. Pölten) widmet sich in seiner Homilie zum 31. Sonntag im Jahreskreis (ordentliche Form des Römischen Ritus) dem Thema der Bedeutung der aktiven Teilnahme der Gläubigen an der Liturgie.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 3. November 2018 um 21:58 Uhr
Evangeliar

Viele meinen, dass eine Homilie sich ausschließlich auf die biblischen Texte, vor allem auf das Evangelium, beziehen soll. Doch die Homilie soll auch die anderen Texte der Liturgie nach Möglichkeit berücksichtigen. Das Zweite Vatikanische Konzil lehrt:  „Die Homilie, in der im Laufe des liturgischen Jahres aus dem heiligen Text die Geheimnisse des Glaubens und die Richtlinien für das christliche Leben dargelegt werden, wird als Teil der Liturgie selbst sehr empfohlen. Ganz besonders in den Messen, die an Sonntagen und gebotenen Feiertagen mit dem Volk gefeiert werden, darf man sie nicht ausfallen lassen, es sei denn, es liege ein schwerwiegender Grund vor“ (Sacrosanctum Concilium 52).  Zu den „heiligen Texten“ der Liturgie gehören neben den Texten aus dem alten und neuen Testament in den Lesungen und Evangelium auch die Gebete (Orationen) der Liturgie. Hier ragt vor allem das Tagesgebet (Collecte) hervor. Die im Nachfolgenden veröffentlichte Predigt widmet sich dem Thema der „aktiven Teilnahme“ (participatio actuosa), einem Grundanliegen der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die Homilie stammt von dem St. Pöltener Diakon Alexander Fischer, mit dessen Erlaubnis Kathnews die Homilie veröffentlicht. Ausgehend von der Tagesoration des 31. Sonntages im Jahreskreis nach der ordentlichen Form des Römischen Ritus und einer Passage aus dem Hebräerbrief in der zweiten Lesung dieses Sonntages erläutert Diakon Fischer den Sinn einer Bedeutung der aktiven Teilnahme der Gläubigen an der Liturgie.

Homilie zum 31. Sonntag im Jahreskreis (B)

Liebe Brüder und Schwestern!

Was macht einen gelungenen Gottesdienst aus? Dass er besonders ansprechend gestaltet ist? Dass passende Gesänge ausgewählt wurden? Dass die Predigt auf die Bedürfnisse der Gemeinde eingeht? Dass möglichst viele verschiedene Personen aktiv beteiligt werden?
All das mag notwendig und eine Hilfe sein, die Liturgie gut mitfeiern zu können. Aber ist es wirklich das entscheidende?

Allmächtiger, barmherziger Gott, es ist deine Gabe und dein Werk, wenn das gläubige Volk dir würdig und aufrichtig dient„, hat es im Tagesgebet der heutigen Sonntagsmesse geheißen. Was uns hier von der Kirche als Gebet in den Mund gelegt wird, kann eine Mahnung sein, einen übertriebenen Aktivismus zu vermeiden, in unseren Gottesdiensten nicht nur um uns selbst zu kreisen und daraus eigentlich einen Selbstdienst zu machen.

Aber worauf kommt es dann an? Was heißt es, dass ein würdiger und aufrichtiger Gottesdienst Gabe und Werk Gottes ist?

Die Lesung aus dem Hebräerbrief spricht vom Priestertum und damit vom Kult, vom Gottesdienst. Der Hebräerbrief versucht, die Person Jesu anhand der Kategorie des Priesters verstehbar zu machen. Hintergrundfolie für die Ausführungen über Jesus Christus als Hoherpriester des Neuen Bundes ist dabei das alttestamentliche Priestertum, der Opferdienst im Tempel in Jerusalem, wie er gemäß dem Gesetz des Mose ausgeübt wurde.

Die Grundargumentation ist nun die folgende: Dieses alttestamentliche Priestertum konnte nur vorläufig und unvollkommen sein. Einerseits, so haben wir es heute gehört, hindert bereits das Faktum des Todes die Priester daran „zu bleiben“. Andererseits sind diese Priester selbst nicht die perfekten Menschen und müssen daher zuerst für sich selbst beten und opfern, müssen sich selbst Gott näherbringen, bevor sie überhaupt das Volk mit Gott verbinden können.
„Jesus aber“, so heißt es in der heutigen Lesung, „hat, weil er auf ewig bleibt, ein unvergängliches Priestertum“. Und dieses Priestertum hat eine ganz neue Qualität, denn er ist ein Hoherpriester, der selbst „heilig ist, unschuldig, makellos, abgesondert von den Sündern und erhöht über die Himmel; einer, der es nicht Tag für Tag nötig hat, … zuerst für die eigenen Sünden Opfer darzubringen“.

In der Sicht des Hebräerbriefes ist Jesus Christus der einzige Priester des Neuen Bundes. Und sein Opfer am Kreuz ist der einzige Gottesdienst, der – weil er in vollkommener Hingabe erfolgt – ausreicht für die Versöhnung des Volkes bis zum Ende der Zeiten: „denn das hat er ein für allemal getan, als er sich selbst dargebracht hat“.Christlicher Gottesdienst kann also nur darin bestehen, sich in diese Ganzhingabe Jesu hineinzustellen. „Es ist deine Gabe und dein Werk„, wie es im Tagesgebet geheißen hat.

Auf besondere Weise geschieht dies in der Feier der heiligen Messe, des Messopfers, in dem das Kreuzesopfer Jesu, seine Hingabe bis zum Tod, Gegenwart wird unter den sakramentalen Zeichen von Brot und Wein.
Wie gesagt: Eine gute Liedauswahl, eine Aufteilung der Dienste, eine ansprechende Predigt, … – All das mag hilfreich sein, sich auf das Geschehen des Gottesdienstes einzulassen. Wir dürfen es aber nicht verwechseln mit dem eigentlichen Geschehen, das immer Tat Jesu und nicht der Menschen bleibt.

Sind wir deshalb nur „passive“ Teilnehmer, Zuschauer bei der heiligen Messe?
Keineswegs! Es ist zwar Gottes Gabe und Werk; doch das Subjekt ist trotzdem das gläubige Volk: „Es ist deine Gabe und dein Werk, wenn das gläubige Volk dir würdig und aufrichtig dient.“Wir sind tatsächlich aufgerufen, uns aktiv an der Hingabe Jesu zu beteiligen, die in der heiligen Messe auf besonders dichte Weise – ganz ohne unser Zutun – Gegenwart wird. Und wir sind dazu aufgerufen, nicht nur dann, wenn wir an der Liturgie teilnehmen, sondern unser ganzes Leben lang. Unser ganzes Leben soll würdiger und aufrichtiger Gottesdienst sein.
Dazu mahnt uns Jesus ja auch im Evangelium, wenn er das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe als das erste von allen Geboten, als eine eingeforderte Grundmentalität des Christen erklärt.

Aktive Teilnahme am Gottesdienst, besonders an der heiligen Messe, lehrt uns einerseits die eigentliche und entscheidende Initiative Gott zu überlassen; und andererseits gemäß dem Vorbild und Beispiel Gottes in Jesus Christus selbst aktiv zu werden in einem Leben der Gottes- und Nächstenliebe.

 

TAGESGEBET

Allmächtiger, barmherziger Gott,

es ist deine Gabe und dein Werk,

wenn das gläubige Volk

dir würdig und aufrichtig dient.

Nimm alles von uns,

was uns auf dem Weg zu dir aufhält,

damit wir ungehindert der Freude entgegeneilen,

die du uns verheißen hast.

Darum bitten wir durch Jesus Christus.

 

Lesung aus dem Hebräerbrief  (7, 23-28)

Weil Jesus auf ewig bleibt, hat er ein unvergängliches Priestertum

Brüder!

23Im Alten Bund folgten viele Priester aufeinander, weil der Tod sie hinderte zu bleiben;

24er aber hat, weil er auf ewig bleibt, ein unvergängliches Priestertum.

25Darum kann er auch die, die durch ihn vor Gott hintreten, für immer retten; denn er lebt allezeit, um für sie einzutreten.

26Ein solcher Hoherpriester war für uns in der Tat notwendig: einer, der heilig ist, unschuldig, makellos, abgesondert von den Sündern und erhöht über die Himmel;

27einer, der es nicht Tag für Tag nötig hat, wie die Hohenpriester zuerst für die eigenen Sünden Opfer darzubringen und dann für die des Volkes; denn das hat er ein für alle Mal getan, als er sich selbst dargebracht hat.

28Das Gesetz nämlich macht Menschen zu Hohenpriestern, die der Schwachheit unterworfen sind; das Wort des Eides aber, der später als das Gesetz kam, setzt den Sohn ein, der auf ewig vollendet ist.

Foto: Evangeliar – Bildquelle: Kathnews