Warum aus dem trüben Fluss schöpfen, wenn man klares Quellwasser trinken kann?

Über den Bildungswert der alten Sprachen in der heutigen Zeit. Von Albert Volkmann.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 12. April 2019 um 14:30 Uhr
Kolosseum in Rom

(kathnews). In Gesprächen mit Eltern stellt der Lehrer der alten Sprachen immer wieder fest, dass über den Sinn dieser alten Sprachen und über ihren Bildungswert unklare Vorstellungen herrschen. Die Fragen nach der Brauchbarkeit, dem Nutzeffekt für den späteren Beruf steht meistens im Vordergrund. Während nach landläufiger Vorstellung der lateinischen Sprache am ehesten ein Nützlichkeitswert beigemessen wird, weil sich ihre Kenntnisse für gewisse akademische Berufe in klingende Münze umprägen lässt, herrscht für die griechische Sprache vielfach die Meinung vor, sie sei nur für den künftigen Theologen, allenfalls noch für den Arzt von praktischem Wert, im übrigen aber eine unnötige Belastung der Schüler. Diese und ähnliche Spekulationen über den „Gebrauchswert“ eines Faches gehen am Kern der Sache, d. h. am Wesen und an den Zielen der Höheren Schule vorbei. Das Gymnasium will ja keine Fachkenntnis für bestimmte Berufe vermitteln, sondern hat allgemeinbildenden Charakter, der allerdings je nach dem erstrebten Bildungsziel verschieden geprägt sein kann.

Stellen nun die alten Sprachen im Zeitalter der Maschine, des Rundfunks und des Fernsehens noch einen echten Bildungsfaktor dar, und haben sie im Wettstreit mit anderen Bildungsidealen noch Daseinsberechtigung?

Die alten Sprachen, noch im 19. Jahrhundert unverrückbarer Mittelpunkt des schulischen Lebens, büßten zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr und mehr ihre überragende Stellung ein. Es mehrten sich die Stimmen, die die humanistische Bildung als problematisch ansahen und sie durch eine verstärkte Ausbildung in den naturwissenschaftlich-mathematischen Fächern ersetzt wissen wollten, wobei ihnen die stürmische Entwicklung der Technik und insbesondere der Eintritt in das Atomzeitalter recht zu geben schienen. Die Folge war, dass das humanistische Gymnasium immer mehr in eine Verteidigungsstellung gedrängt wurde.

Welche Ziele verfolgt nun das altsprachliche Gymnasium?

Es war immer sein Anliegen und ist es auch heute noch, die Jugend durch den Umgang mit großen Gestalten des Altertums in ihrem Menschsein zu fördern, sie zu „bilden“. Dabei verstehen wir unter Bildung die Gestaltung des inneren Menschen und als ihr Ergebnis eine gewisse Ausgeformtheit, die die geistige und charakterliche Reife in gleicher Weise umfasst. Darum ist Bildung mehr als Ausbildung. Letztere ist eine Kategorie des Wissens und lediglich auf den praktischen Nutzen gerichtet; sie hat daher mit der Ausformung des inneren Menschen nichts zu tun. Bildung dagegen ist eine Kategorie des Seins, sie macht die Person zur Persönlichkeit. Wer daher Bildung bejaht, wird auch eine humanistische Bildung bejahen, weil sie in einer besonderen Weise als Ziel ihrer Arbeit die spezifisch menschliche Bildung fördert.

Dieser Bildungsauftrag des humanistischen Gymnasiums kann auf verschiedene Weise verwirklicht werden. Der eine bildet sich dadurch, dass er die abendländische Kultur bis in ihre Anfänge zurückverfolgt, weil er weiß, dass Griechenland die Wiege unserer Kultur ist. Der andere findet sein Bildungserlebnis in der Beschäftigung mit den antiken Historikern, deren Werke ihm wichtige Quellen für den Ablauf der Geschichte sind. Ein dritter mag den größeren Bildungswert im Kennenlernen abgeschlossener Kulturkreise oder im Aufgehen der antiken in die christliche Kultur sehen. Der vierte bildet sich an den philosophischen Anschauungen der Antike und setzt sie in lebendige Beziehung zur Gegenwart. Doch ist all diesen und ähnlichen Gesichtspunkten ein Merkmal gemeinsam: der sich Bildende wird gezwungen, die alten Sprachen zu erlernen! Weil der Zugang zu den Werken des Altertums nur über die Sprache führt, ist Bildung nicht ohne Mühe. Hier könnte man nun einwenden, dass sich diese Mühe mit Hilfe von Übersetzungen ersparen ließe. Doch wer wird schon nach einem Ausspruch Ciceros aus einem trüben Fluss schöpfen wollen, wenn er klares Quellwasser trinken kann? Es sei auch nicht verschwiegen, dass bei jeder Übersetzung der lebendige Geist der Originalsprache unwiederbringlich verloren geht. Das Erlernen der Sprachen – das gilt ebenso gut für die alten wie die neuen Sprachen – ist daher kein notwendiges Übel, vielmehr liegt in ihm ein hoher formaler Bildungswert. Das richtige Lesen und Verstehen des Textes, das Eindringen in die fremde Denk- und Aussageweise und das Einarbeiten in das unendlich feine Gefüge der Grammatik mit ihrem Formenreichtum sind im besonderen Maße bildend. Doch ist die Sprache mehr als nur Formales. Sie ist ein leibgeistiges Wesen. Der antike Geist bindet sich an das Wort. Das verpflichtet zur Ehrfurcht vor der fremden Individualität in der Sprache. Allerdings ist der Wertgehalt der Sprache verschieden groß, und so macht es einen Unterschied, ob man in jungen Jahren oder im reifen Alter etwa Werke von Platon liest.

Der sprachlich-formale Bildungswert der alten Sprachen kann naturgemäß in der Schule keinen zu großen Platz einnehmen. Sprachwissenschaftliche und textkritische Untersuchungen sind ebenso wenig Ziel des altsprachlichen Unterrichts wie etwa die Ausbildung zum Dolmetscher und Auslandskorrespondenten in den neusprachlichen Fächern. Gleichwohl ist sprachliche Schulung humanistischen Bildungszielen zugeordnet, indem der Schüler schon in jungen Jahren geistige Zucht lernt und Ehrfurcht vor dem im Wort wohnenden Geist empfindet. Doch liegt nur in der glücklichen Synthese zwischen Sprache und Geist der wahre Bildungswert.

Wenn es, wie eben ausgeführt wurde, hohes Ziel des altsprachlichen Gymnasiums ist, echte Bildung im Sinne der Gestaltung des inneren Menschen zu vermitteln, so ist die griechisch-lateinische Literatur wie keine zweite geeignet, die Jugend im „Menschsein“ zu fördern. Durch das Studium der alten Sprachen sollen die jungen Menschen Kenntnisse und Erkenntnisse gewinnen, die in fruchtbarer Beziehung zu dem eigenen Lebensvollzug stehen. Dabei sollen sie lernen, eine wertende Stellungnahme einzunehmen, die davor bewahrt, etwa im Griechentum das Ideal schlechthin im W. v. Humboldt’schen Sinne zu sehen. Die antike Geschichte – in ihren Quellen gelesen – bietet Anlass genug, mit kritischem Verstande zu sichten und zu werten. Doch das wesentlichste Bildungsziel, das wir als Frucht aus der Beschäftigung mit den Griechen und Römern erstreben, ist das Hineinwachsen der jungen Menschen in die geistige Tradition des Abendlandes, dessen Antlitz von der Antike geformt wurde.

Es ist nicht möglich, die vielfältige Bezogenheit griechisch-römischer Leistung, die sich auf allen Gebieten unseres geistigen und kulturellen Lebens offenbart, hier auch nur andeutungsweise wiederzugeben. Diesen Beziehungen in den Quellen der antiken Literatur nachzuspüren und dann an die Jugend als Orientierungshilfe weiterzugeben, ist die besondere Aufgabe der Lehrer alter Sprachen.

Albert Volkmann war Altphilologe und Studiendirektor am Städtischen Gymnasium Augustianiaum in Greven.

Foto: Koloseum in Rom – Bildquelle: Kathnews