Warten auf den „Tag des Herrn“

Geistliche Gedanken zum Christkönigsfest von Bischof em. Dr. Walter Mixa.
Erstellt von Bischof em. Dr. Walter Mixa am 20. November 2011 um 17:24 Uhr
Bischof em. Dr. Walter Mixa

„Ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht“ (1 Thess 5,2). Diese Aussage des Apostels Paulus als Wegweisung und Ermahnung für seine Gläubigen in Thessalonich ist für uns heute alles andere als selbstverständlich. Wie viele unserer Mitbürger, haben auch wir selbst uns sehr häuslich in dieser Welt eingerichtet. Das ist – rein menschlich gesehen – sehr verständlich. Der Gedanke, dass Jesus am Ende der Zeit und Geschichte als Weltenrichter kommen wird, ist dabei jedoch in den Hintergrund gerückt oder wird geleugnet. Viele glauben gar nicht mehr an ein Weiterleben nach dem Tod, sondern haben sich ganz auf das Diesseitige, auf das Innerweltliche eingestellt. Schlagworte wie „Emanzipation“ und „Selbstverwirklichung“ sind Zauberworte geworden. Jeder will etwas von seinem Leben haben, jeder will sich selbst verwirklichen, jeder möchte es sich so gut gehen lassen wie nur irgend möglich. Die Errungenschaften der modernen Medizin helfen zu einem Großteil mit, diese Erwartungen in die Tat umzusetzen.

Während der vergangenen Jahrzehnte ist die durchschnittliche Lebenserwartung um Jahre angestiegen. Mit dem Gedanken an den eigenen Tod, an das Abschiednehmen von dieser Welt, beschäftigt sich der normale Bürger in der Regel nicht mehr.

Es ist deshalb schwer geworden, auf eine Zukunft aufmerksam zu machen, die nicht auf diese irdische Zeit beschränkt bleibt, sondern über den Tod hinausweist. Das rein innerweltliche Denken, das Streben nach Karriere und Ansehen, das Verlangen nach Lebensgenuss und noch mehr Reichtum ist für jeden von uns sehr verführerisch, ist aber andererseits auch von einer unverantwortlichen Kurzsichtigkeit belastet. Das rein diesseitige Planen und Handeln ist mit einer Selbstgenügsamkeit gleichzusetzen, die ohne Zukunftsperspektive ist und die deshalb auch nicht eine sinnerfüllte Lebensgestaltung zulässt.

Wenn ich nur von heute auf morgen in den Tag hinein lebe, wenn ich keinen Ausblick auf eine ausgedehnte Zukunft habe, dann wachsen bei dieser Selbstgenügsamkeit auch Egoismus, Rücksichtslosigkeit und Unzufriedenheit in einem erschreckenden Ausmaß.

Eine Perspektive über das irdische Dasein hinaus

Es wird heute immer wieder von Zukunftsperspektiven gesprochen. Vielfach wird dieses Wort rein innerweltlich angewandt, so dass es eine wirkliche Zukunft gar nicht beschreiben kann. Es gibt aber diese Zukunft, ja, es gibt eine Perspektive für das gesamte Dasein des Menschen, die nicht nur auf eine kurze Zeitspanne in dieser vergänglichen Welt ausgerichtet ist. Die Worte des Paulus gelten für diese umfassende Zukunftsperspektive deshalb, weil wir nicht der Nacht und der Finsternis gehören, weil nicht Leiden und Ängste, weil nicht Krankheit und Tod das Letzte und Endgültige sind in unserem Leben.

Paulus bezeichnet all diejenigen, die sich zum gekreuzigten und lebendigen Christus bekennen, als „Kinder des Lichtes und des Tages“ (vgl. Thess 5,5). Damit geht Paulus nicht an den harten Wirklichkeiten des alltäglichen Lebens vorüber. Er weiß aus eigener Erfahrung genau, dass es seelische und körperliche Nöte, Schwierigkeiten und Krankheiten im Leben des einzelnen gibt. Er weiß genau, dass jeder Mensch durch das alltägliche Leben herausgefordert ist. Es gibt glückliche und schöne Stunden, es gibt aber auch Angst und Traurigkeit, es gibt die Erfahrung von echtem Leid.

Paulus kennt aber auch die andere Erfahrung, er kennt die Erfahrung mit dem, der „Licht“ ist, der durch seine Auferstehung das Dunkel des Todes – auch die Finsternis des Bösen – ein für allemal durchbrochen hat. Weil einer wirklich da ist, der sich allem seelischen und körperlichen Leid aus freiwilliger Liebe ausgeliefert und sich dadurch auf die Seite des Menschen rückhaltlos gestellt hat, weil dieser eine auch das Böse und den Tod besiegt hat, gibt es eine umfassende Zukunftsperspektive. Das Leben des Menschen ist nicht beschränkt auf einige wenige Jahrzehnte, der Mensch ist von Gott her nicht nur zum Leben auf dieser Erde geschaffen, sondern zu einem umfassenden Leben auch nach dem Tod. Nur der Glaube an den Sieger über das Böse und den Tod, der Glaube an Jesus Christus, eröffnet uns Menschen eine sinnerfüllte Sicht für dieses irdische Dasein. Diese Hoffnung, die Berufung des einzelnen zur Unsterblichkeit kann uns keine andere Macht dieser Welt geben als nur der am Holz des Kreuzes durchbohrte und lebendige Christus.

Christliche Hoffnung macht das Leben lebenswert

Im Gegensatz zu allen materialistischen und atheistischen Daseinsentwürfen ist der Mensch im christlichen Verständnis nicht hineingeworfen in diese Welt, gleichsam aus einem Zufall geboren, sondern der einzelne ist vom ersten Augenblick seines Daseins im Schoß seiner Mutter von Gott gewollt und geliebt, von ihm mit einer unsterblichen Seele beschenkt. Deshalb hat der Mensch von Natur aus eine unstillbare Sehnsucht nach einer umfassenden Liebe und nach einem Leben, das nicht enden soll.

Jesus Christus hat durch seine Hingabe für uns Menschen und durch seine Auferstehung diese von Natur aus gegebene Sehnsucht erfüllt. Dadurch ist das Leben des glaubenden Menschen in einer ganz umfassenden Weise lebenswert geworden. Weil wir in der christlichen Hoffnung wissen, dass am Ende unseres irdischen Daseins der lebendige Christus uns gleichsam an die Hand nehmen wird, um uns durch das Dunkel des Todes in sein Reich des Lichtes und des Lebens zu führen, können wir viel bewusster und zugleich auch zielstrebiger leben. In diesem Glauben erkennen wir auch unsere Verantwortung für das Dasein auf dieser Welt. Es ist eine Verantwortung, die wir Gott gegenüber haben, der uns das Leben geschenkt hat, es ist eine Verantwortung uns selbst und auch unserem Nächsten gegenüber in der Art, dass wir mit der Hilfe Gottes aus unserem Leben etwas Gutes machen und dass wir uns zugleich auch einsetzen für den Nächsten an unserer Seite.

Der so überzeugte Mensch wird deshalb an sich arbeiten, er wird seinen Charakter, seine ihm von Gott gegebenen Eigenschaften entfalten wollen und wird dadurch befähigt zu einem bewussten und positiven Leben.

Der so bewusst lebende Mensch wird dann auch dankbar und verantwortungsvoll mit der Umwelt als Schöpfung Gottes umgehen. Der so glaubende Mensch wird dann immer wieder versuchen, sein ganzes Denken und Handeln unter das Gesetz der Liebe zu stellen, um dadurch auch das Leben der anderen zu bereichern.

Wir nehmen es offenbar zu wenig wahr: Kaiser und Könige kamen und gingen; Diktatoren, die sich an die Stelle Gottes gestellt hatten, kamen und gingen; Politiker und Wirtschaftsmanager kamen und gingen; Päpste, Bischöfe, Priester und Ordensleute kamen und gingen – nur Jesus Christus allein bleibt!

Der Glaubende hat in Wahrheit eine Zukunftsperspektive. Wer in der Verantwortung und Dankbarkeit gegenüber Gott sein tägliches Leben gestaltet, den wird Jesus am Ende seines Lebens nicht wie „ein Dieb in der Nacht“ überraschen, sondern wird ihm entgegengehen als sein Heiland und Erlöser. Und er wird sich zeigen als der „gerechte Richter“ am Ende der Zeit und Geschichte.

Foto: Bischof em. Dr. Walter Mixa – Bildquelle: Bistum Augsburg