Vatikanum II: „Die Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen.“

Die Bedeutung der Heiligen Schrift - im Licht der Tradition gelesen - für die Kirche. Dei Verbum Art. 24-26.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 19. Dezember 2015 um 18:01 Uhr
Vaticanum II, Konzilsväter

Einleitung von Gero P. Weishaupt

In den abschließenden drei Artikeln der Konzilskonstitution Dei Verbum wird die Bedeutung der heiligen Schrift zusammen mit der Tradition für die Kirche – für Theologie, Liturgie und  Frömmigkeit – beschrieben.

Seele der Theologie

Während Artikel 24 Schrift und Tradition als Fundament für die theologische Forschung, das inspirierte Wort Gottes in der Heiligen Schrift  mit Papst Leo XIII. als „die Seele der heiligen Theologie“ bezeichnet, wird in Artikel 25 die Bibellesung „in die Mitte christlicher Existenz gerückt und der katholischen Frömmigkeit damit eine neue Polarisierung gegeben“ (Joseph Ratzinger).

Lectio divina – Bibellesung als Vollzug des Dialoges mit dem Herrn

„Das Gebetsleben der katholischen Christen war bisher neben der Teilnahme an der Liturgie wesentlich durch die verschiedenen Andachtsformen – Rosenkranz, Kreuzweg, Herz-Jesu-Verehrung usw. – bestimmt, die seit dem Spätmittelalter und im Laufe der Neuzeit entstanden sind; die private Bibellesung spielte darin keine hervorragende Rolle und war selbst für die Meditation wie für die Predigt nicht von erstrangiger Bedeutung. Es darf daher als ein Vorgang von einiger Tragweite für die Entwicklung des spirituellen Lebens angesehen werden, wenn unser Text den persönlichen Umgang mit der Schrift als eine grundlegende Form der Gottesbeziehung in den Mitelpunkt rückt und seine Bedeutung mit dem nachdrücklichen Wort des heiligen Hieronymus unterstreicht: `Die Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen`“ (Joseph Ratzinger). Es geht dem Konzil dabei um eine Lectio divina, also um eine „Bibellesung als Gebet, als Vollzug jenes Dialogs mit dem Herrn, auf dessen lebendige Realisierung in Glaube und Gebet di Blätter der schrift gleichsam warten“ (Joseph Ratzinger).

In eigener Sache: Kathnews setzt Anfang des nächsten Jahres die Reihe „Vatikanum II“ fort. Nach der Konstitution „Dei Verbum“ sollen ausgewählte Texte aus dem Dekret über das Leben der Priester – „Presbyterorum ordinis“ – kurz eingeleitet und veröffentlicht werden. Alle seit Oktober 2012 bei Kathnews bisher aus Anlass des 50jährigen Konzilsjubiläums eingeleiteten und veröffentlichten Konzilstexte können auf der Homepage von Gero P. Weishaupt nachgelesen werden.

Text Dei Verbum, Artikel 24-26. Deutsch und Latein

24. Die heilige Theologie ruht auf dem geschriebenen Wort Gottes, zusammen mit der Heiligen Überlieferung, wie auf einem bleibenden Fundament. In ihm gewinnt sie sichere Kraft und verjüngt sich ständig, wenn sie alle im Geheimnis Christi beschlossene Wahrheit im Lichte des Glaubens durchforscht. Die Heiligen Schriften enthalten das Wort Gottes und, weil inspiriert, sind sie wahrhaft Wort Gottes: Deshalb sei das Studium des heiligen Buches gleichsam die Seele der heiligen Theologie. Auch der Dienst des Wortes, nämlich die seelsorgliche Verkündigung, die Katechese und alle christliche Unterweisung – in welcher die liturgische Homilie einen hervorragenden Platz haben muß – holt aus dem Wort der Schrift gesunde Nahrung und heilige Kraft.

25. Darum müssen alle Kleriker, besonders Christi Priester und die anderen, die sich als Diakone oder Katecheten ihrem Auftrag entsprechend dem Dienst des Wortes widmen, in beständiger heiliger Lesung und gründlichem Studium sich mit der Schrift befassen, damit keiner von ihnen werde zu „einem hohlen und äußerlichen Prediger des Wortes Gottes, ohne dessen innerer Hörer zu sein“ (4), wo er doch die unübersehbaren Schätze des göttlichen Wortes, namentlich in der heiligen Liturgie, den ihm anvertrauten Gläubigen mitteilen soll. Ebenso ermahnt die Heilige Synode alle an Christus Glaubenden, zumal die Glieder religiöser Gemeinschaften, besonders eindringlich, durch häufige Lesung der Heiligen Schrift sich die „alles übertreffende Erkenntnis Jesu Christi“ (Phil 3,8) anzueignen. „Die Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen.“ Sie sollen deshalb gern an den heiligen Text selbst herantreten, einmal in der mit göttlichen Worten gesättigten heiligen Liturgie, dann in frommer Lesung oder auch durch geeignete Institutionen und andere Hilfsmittel, die heute mit Billigung und auf Veranlassung der Hirten der Kirche lobenswerterweise allenthalben verbreitet werden. Sie sollen daran denken, daß Gebet die Lesung der Heiligen Schrift begleiten muß, damit sie zu einem Gespräch werde zwischen Gott und Mensch; denn „ihn reden wir an, wenn wir beten; ihn hören wir, wenn wir Gottes Weisungen lesen“. Die kirchlichen Vorsteher, „bei denen die Lehre der Apostel ist“, sollen die ihnen anvertrauten Gläubigen zum rechten Gebrauch der Heiligen Bücher, namentlich des Neuen Testamentes und in erster Linie der Evangelien, in geeigneter Weise anleiten durch Übersetzungen der heiligen Texte, die mit den notwendigen und wirklich ausreichenden Erklärungen versehen sind, damit die Kinder der Kirche sicher und mit Nutzen mit den Heiligen Schriften umgehen und von ihrem Geist durchdrungen werden. Darüber hinaus sollen mit entsprechenden Anmerkungen versehene Ausgaben der Heiligen Schrift geschaffen werden, die auch Nichtchristen gebrauchen können und die ihren Verhältnissen angepaßt sind. Die Seelsorger und die Christen jeden Standes sollen auf jede Weise klug für ihre Verbreitung sorgen.

26. So möge durch Lesung und Studium der Heiligen Bücher „Gottes Wort seinen Lauf nehmen und verherrlicht werden“ (2 Thess 3,1). Der Schatz der Offenbarung, der Kirche anvertraut, erfülle mehr und mehr die Herzen der Menschen. Wie das Leben der Kirche sich mehrt durch die ständige Teilnahme am eucharistischen Geheimnis, so darf man neuen Antrieb für das geistliche Leben erhoffen aus der gesteigerten Verehrung des Wortes Gottes, welches „bleibt in Ewigkeit“ (Jes 40,8; vgl. 1 Petr 1,23-25).

24. Sacra Theologia in verbo Dei scripto, una cum Sacra Traditione, tamquam in perenni fundamento innititur, in eoque ipsa firmissime roboratur semperque iuvenescit, omnem veritatem in mysterio Christi conditam sub lumine fidei perscrutando. Sacrae autem Scripturae verbum Dei continent et, quia inspiratae, vere verbum Dei sunt; ideoque Sacrae Paginae studium sit veluti anima Sacrae Theologiae. Eodem autem Scripturae verbo etiam ministerium verbi, pastoralis nempe praedicatio, catechesis omnisque instructio christiana, in qua homilia liturgica eximium locum habeat oportet, salubriter nutritur sancteque virescit.

25. Quapropter clericos omnes, imprimis Christi sacerdotes ceterosque qui ut diaconi vel catechistae ministerio verbi legitime instant, assidua lectione sacra atque exquisito studio in Scripturis haerere necesse est, ne quis eorum fiat „verbi Dei inanis forinsecus praedicator, qui non est intus auditor“, dum verbi divini amplissimas divitias, speciatim in sacra Liturgia, cum fidelibus sibi commissis communicare debet. Pariter Sancta Synodus christifideles omnes, praesertim sodales religiosos, vehementer peculiariterque exhortatur, ut frequenti divinarum Scripturarum lectione „eminentem scientiam Iesu Christi“ (Phil. 3, 8) ediscant. „Ignoratio enim Scripturarum ignoratio Christi est“. Libenter igitur ad sacrum textum ipsum accedant, sive per sacram Liturgiam divinis eloquiis confertam, sive per piam lectionem, sive per institutiones ad id aptas aliaque subsidia, quae approbantibus et curantibus Pastoribus Ecclesiae ubique nostro tempore laudabiliter diffunduntur. Meminerint autem orationem concomitari debere Sacrae Scripturae lectionem, ut fiat colloquium inter Deum et hominem; nam „illum alloquimur, cum oramus; illum audimus, cum divina legimus oracula“.

Sacris autem Antistitibus, „apud quos est apostolica doctrina“ fideles sibi commissos ad rectum divinorum librorum usum, praesertim Novi Testamenti et imprimis Evangeliorum, opportune instituere competit per sacrorum textuum versiones, quae necessariis et vere sufficientibus explicationibus instructae sint, ut tuto ac utiliter Ecclesiae filii cum Scripturis Sacris conversentur earumque spiritu imbuantur.

Insuper editiones Sacrae Scripturae, aptis instructae adnotationibus, ad usum etiam non-christianorum eorundemque conditionibus accommodatae, conficiantur, quas quoquomodo sive animarum Pastores sive Christiani cuiuscumque status spargere sapienter curent.

26. Ita ergo lectione et studio Sacrorum Librorum, „sermo Dei currat et clarificetur“ (2 Thess 3,1), thesaurusque revelationis, Ecclesiae concreditus, magis magisque corda hominum impleat. Sicut ex assidua frequentatione mysterii Eucharistici Ecclesiae vita incrementum suscipit, ita novum spiritualis vitae impulsum sperare licet ex adaucta veneratione verbi Dei, quod „manet in aeternum“ (Is 40,8; 1 Pt 1,23-25).

Foto: Konzilsväter verlassen den Petersdom – Bildquelle: Lothar Wolleh / Wikipedia