Vatikanum II: Die Bedeutung der Heiligen Schrift im Leben der Kirche

Joseph Ratzinger: Die Begriffe „Tisch des Wortes“ und „Tisch des Leibes Christi“ sind schon bei den Kirchenvätern bezeugt. Artikel 21 von Dei Verbum.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 21. November 2015 um 13:15 Uhr
Papst Benedikt XVI.

Einleitung von Gero P. Weishaupt:

Mit Artikel 21 beginnt das 6. Kapitel von Dei Verbum, der Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Offenbarung. In dem Kapitel geht es um die Bedeutung des Schriftwortes und der Schriftauslegung in der Kirche.

Der gegenständliche Artikel parallelisiert gleichsam das Wort Gottes und den Leib Christi. Mit der Liturgiekonstitution spricht Dei Verbum vom „Tisch des Wortes“ und vom „Tisch des Leibes Christi“ (mensa tam verbi Dei quam Corporis Christi). Diese Gleichsetzung hat eine lange Tradition. Joseph Ratzinger weist in seinem Kommentar zu Artikel 21 u.a. auf die beiden Kirchenväter Hieronymus und Augustinus hin (Joseph Ratzinger, in: LThK II, Freiburg 1967, 572).

Freilich ist die Gegenwartsweise Christi unter den eucharistischen Gestalten von seiner Gegenwart im Wort dadurch unterschieden, dass Christus unter den sakramentalen Gestalten der Eucharistie wesentlich, mit Leib und Seele, Gottheit und Mensheit real gegenwärtig ist (Realpräsenz). Das Wesen (Substanz) des Brotes wird bei der Wandlung in den Leib Christi, das Wesen (Substanz) des Weines in das Blut Christi verwandelt (Transsubstantiation). Gleichwohl will der Text, so Joseph Ratzinger, deutlich machen, „dass die Liturgie des Wortes nicht eine mehr oder minder verzichtbare Vormesse“ ist, sondern grundsätzlich gleichen Ranges mit der im engeren Sinn sakramentalen Liturgie“ ist. Das Wort und das Sakrament bzw. das Wort und das Fleisch sind die beiden – wenngleich unterschiedlichen – Weisen, „wie der `Leib Christi`, das fleischgewordene Wort, auf uns zukommt und unser „Brot“ wird (Joseph Ratzinger, 572).

Zusammen mit der heiligen Überlieferung, die von der Schrift lebt und sie im Heiligen Geist lebendig hält und entfaltet, sind die Heiligen Schriften Richtschnur des Glaubens (fidei regula), weil gerade sie das Wort Gottes vermitteln und „in den Propheten und Aposteln die Stimme des Heiligen Geistes vernehmen lassen“ (DV 21).

Text Dei Verbum, Artikel 21. Deutsch und Latein

Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib selbst, weil sie, vor allem in der heiligen Liturgie, vom Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes Christi ohne Unterlaß das Brot des Lebens nimmt und den Gläubigen reicht. In ihnen zusammen mit der Heiligen Überlieferung sah sie immer und sieht sie die höchste Richtschnur ihres Glaubens, weil sie, von Gott eingegeben und ein für alle Male niedergeschrieben, das Wort Gottes selbst unwandelbar vermitteln und in den Worten der Propheten und der Apostel die Stimme des Heiligen Geistes vernehmen lassen. Wie die christliche Religion selbst, so muß auch jede kirchliche Verkündigung sich von der Heiligen Schrift nähren und sich an ihr orientieren. In den Heiligen Büchern kommt ja der Vater, der im Himmel ist, seinen Kindern in Liebe entgegen und nimmt mit ihnen das Gespräch auf. Und solche Gewalt und Kraft west im Worte Gottes, daß es für die Kirche Halt und Leben, für die Kinder der Kirche Glaubensstärke, Seelenspeise und reiner, unversieglicher Quell des geistlichen Lebens ist. Darum gelten von der Heiligen Schrift in besonderer Weise die Worte: „Lebendig ist Gottes Rede und wirksam“ (Hebr 4,12), „mächtig aufzubauen und das Erbe auszuteilen unter allen Geheiligten“ (Apg 20,32; vgl. 1Thess 2,13).

Divinas Scripturas sicut et ipsum Corpus dominicum semper venerata est Ecclesia, cum, maxime in sacra Liturgia, non desinat ex mensa tam verbi Dei quam Corporis Christi panem vitae sumere atque fidelibus porrigere. Eas una cum Sacra Traditione semper ut supremam fidei suae regulam habuit et habet, cum a Deo inspiratae et semel pro semper litteris consignatae, verbum ipsius Dei immutabiliter impertiant, atque in verbis Prophetarum Apostolorumque vocem Spiritus Sancti personare faciant. Omnis ergo praedicatio ecclesiastica sicut ipsa religio christiana Sacra Scriptura nutriatur et regatur oportet. In sacris enim libris Pater qui in caelis est filiis suis peramanter occurrit et cum eis sermonem confert; tanta autem verbo Dei vis ac virtus inest, ut Ecclesiae sustentaculum ac vigor, et Ecclesiae filiis fidei robur, animae cibus, vitae spiritualis fons purus et perennis exstet. Unde de Sacra Scriptura excellenter valent dicta: „Vivus est enim sermo Dei et efficax“ (Hebr 4,12), „qui potens est aedificare et dare hereditatem in sanctificatis omnibus“ (Act 20,32; cf. 1 Thess 2,13).

Foto: Papst Benedikt XVI./Joseph Ratzinger – Bildquelle: Martin Lohmann