„Über die Tugenden“

Eine Rezension von Moritz Scholtysik.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 2. Januar 2016 um 13:01 Uhr

Tugend und Terror gehören zusammen. Sie stehen in einer notwendigen wechselseitigen Beziehung. So zumindest die Ansicht des berüchtigten französischen Revolutionärs und Jakobiners Maximilien de Robespierre. Die meisten Menschen, nicht nur unter den Katholiken, werden dieser Meinung wohl kaum zustimmen. Aber wenn es darum geht, den Begriff der Tugend zu definieren und einen geeigneten Kanon des Tugendhaften aufzustellen, scheitern sehr viele. Als Ausflucht dient dann das meist inhaltslose Geschwätz von nicht näher definierten „Werten“. Um also weder den Tugendbegriff zu missbrauchen, wie Robespierre es tat, noch ihn durch hohle Phrasen zu ersetzen, ist es notwendig, sich eine konkrete Vorstellung davon zu machen, was Tugenden und ein nach ihnen ausgerichtetes, sprich tugendhaftes Leben auszeichnet.

Wenn wir als Katholiken unseren Glauben ernst nehmen, dürfen wir „nicht ein Strichlein oder ein Häkchen“ (Mt 5,18) der katholischen Lehre streichen, sondern müssen uns vielmehr um deren Umsetzung in der jeweiligen Zeit bemühen. Unter den heutigen gesellschaftlichen Umständen führt dies definitiv zu großen Konflikten. Als Katholik ist es daher absolut notwendig, nicht nur die gegenwärtigen Umstände zu kritisieren, sondern darüber hinaus ein Vorbild zu sein. Dies geschieht in erster Linie durch einen gottgefälligen und damit tugendhaften Lebenswandel.

Der Philosoph und Katholik Josef Pieper (1904–1997) befasste sich mit eben diesem tugendhaften Leben ausführlich in mehreren kleineren Schriften, die nach seinem Tod zu jenem Band zusammengefasst wurden, anhand dessen im Folgenden eine kurze und einfache Einführung in die Tugendlehre gegeben werden soll. Pieper studiere Philosophie, Rechtswissenschaften und Soziologie in Berlin und Münster und lehrte ab 1946 unter anderem in Münster philosophische Anthropologie. Er hinterließ eine Vielzahl an Publikationen, in denen er sich mit verschiedenen grundlegenden Fragen der Philosophie auseinandersetzte und die in 15 Sprachen übersetzt wurden.

Dreh- und Angelpunkte des Lebens

Piepers Publikation „Über die Tugenden“ beschäftigt sich mit den vier Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß. Über die drei göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe schrieb er ebenfalls. Letztere haben Gott zum unmittelbaren Zentrum und können vom Menschen nicht selbstständig erworben werden. Stattdessen empfängt man sie durch einen Gnadenakt Gottes. Die Kardinaltugenden, oft auch sittliche Tugenden genannt, hingegen beziehen sich auf Mittel, die zu Gott führen, beziehungsweise auf den rechten Gebrauch der irdischen Dinge. Alle weiteren Tugenden, die uns im Alltag oft begegnen, wie beispielsweise bürgerliche, preußische, soldatische oder ritterliche, können jeweils einer dieser vier Kardinaltugenden untergeordnet werden. Der Begriff „kardinal“ leitet sich aus dem lateinischen Wort „cardo“ ab, das „Türangel“ oder „Wendepunkt“ bezeichnet. Die Kardinaltugenden können somit als „Dreh- und Angelpunkte“ der Identität bezeichnet werden.

Diese vier Tugenden sind nicht spezifisch christlich, sondern waren bereits vielen antiken Philosophen und Dichtern bekannt, beispielsweise Platon oder Cicero. Sie sind naturimmanent beziehungsweise naturrechtlichen Ursprungs. Josef Pieper greift an mehreren Stellen in seinen Schriften auf antike Denker zurück, orientiert sich meist jedoch an Thomas von Aquin. Die ein oder andere neuzeitliche Stimme, die er einfließen lässt, komplettiert einen umfassenden Blick auf das klassische abendländische Denken im Bereich der Tugendethik.

Die Reihenfolge, in der die vier Tugenden im Titel genannt und im Buch behandelt werden, gibt deren Hierarchie wider: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß. Die ersten beiden Tugenden beziehen sich auf Verstand und Willen, die geistigen Grundkräfte des Menschen. Die anderen beiden auf Zornes- und Begehrungsvermögen, die sinnlichen Grundkräfte.

Die Übung dieser Tugenden trägt zur Harmonie im Menschen bei. Pieper betont mehrnals, dass es hierbei nicht um eine Entwertung des Natürlichen oder Sinnlichen geht. Im Gegenteil, ein tugendhaftes Leben führt zur Vervollkommnung der menschlichen Natur, somit auch des Trieb- und Instinkthaften. Pieper bezeichnet die Tugend als „[…] das Äußerste dessen, was ein Mensch sein kann; sie ist die Erfüllung menschlichen Seinkönnens – im natürlichen und im übernatürlichen Bereich.“ (1)

Die Klugheit

Die Klugheit (2) ist die erste unter den Tugenden, da sie den anderen drei Kardinaltugenden zugrunde liegt. Ohne im Besitz der Klugheit lassen sich die anderen nicht verwirklichen. Im Gegensatz zur Auffassung vieler hat Klugheit nichts mit Bauernschläue oder Cleverness zu tun. Vielmehr zeigt sie sich in einer sachlichen, vernunftgemäßen Betrachtung und Erkenntnis der Wirklichkeit. Das wiederum dient als Maßstab für unser Handeln, denn alle Pflicht sollte im unmittelbaren Kontext verstanden werden. Dreht man dieses Verhältnis um, wird Denken und Handeln ideologisch. Somit ist auch die Natur die Grundlage der Moral, ebenso wie man in der katholischen Lehre davon ausgeht, dass die göttliche Gnade auf der Natur aufbaut.

Die Gerechtigkeit

Möchte man also gut sein, setzt dies die Klugheit voraus. In der Tugend der Gerechtigkeit jedoch wird dieses „Gutsein“ am stärksten verwirklicht. Thomas von Aquin definiert die zweite Kardinaltugend so: „Gerechtigkeit ist die Haltung, kraft deren einer standhaften und beständigen Willens einem Jeden sein Recht zuerkennt.“ (3)

Diese Auffassung von Gerechtigkeit folgt dem Grundsatz „suum cuique“ – „Jedem das Seine“ und nicht dem weit verbreiteten, egalitären Gedanken des „Jedem das Gleiche“. Es wird unterschieden zwischen der allgemeinen Gerechtigkeit, aus der das Gemeinwohl folgt und der wechselseitigen Gerechtigkeit, was einem richtigen Verhältnis von Leistung und Gegenleistung entspricht. Durch die Übung der Tugend der Gerechtigkeit darf allerdings keine kalte Berechnung entstehen. Thomas von Aquin meint dazu: „Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit, Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist die Mutter der Auflösung.“ (4) Auch an dieser Aussage zeigt sich abermals der ganzheitliche Blick der katholischen Lehre im Allgemeinen und der Tugendlehre im Besonderen.

Die Tapferkeit

Wie die Tugend des Maßes bezieht sich die Tugend der Tapferkeit nicht direkt auf das Gute, sondern schützt vielmehr dieses und dessen Verwirklichung. Der Tapfere, der im Martyrium seine Vollendung findet, ist also bereit, sich schützend vor das Gute zu stellen und dafür zu leiden. Jedoch beschreibt Tapferkeit nicht die Lust am Leid, sie ist gewiss kein Masochismus. Auch verachtet der Tapfere das Leben nicht. Ohne die Liebe zum guten Leben gäbe es keinen Grund für Tapferkeit. Auch Angst und Verwundbarkeit sind Voraussetzungen für die Tapferkeit, denn tapfer wird man durch die Überwindung der Angst und die Bereitschaft, Verwundungen hinzunehmen. Das Standhalten ist einer der häufigsten Fälle der Tapferkeit. Damit ist nicht gemeint, untätig abzuwarten, sondern auch in Zeiten der Not beharrlich am Guten festzuhalten. Daraus erwächst die Kraft für das Leiden. Der gerechte Zorn (5) ist ebenfalls ein Bestandteil der Tapferkeit. Diesem entspricht es, wie Thomas von Aquin sagt, „[…] das Übel anzuspringen […]“ (6). Hierbei ist es natürlich notwendig, die Umstände richtig einzuschätzen, wofür abermals die Tugend der Klugheit benötigt wird.

Das Maß

Die Tugend des Maßes, von Pieper oft auch „Mäßigung“ genannt, ist womöglich diejenige unter den Kardinaltugenden, die in der Moderne am meisten Kontroversen hervorruft. Besonders hier gelingt es Pieper, mit vielen Vorurteilen aufzuräumen. Er geht dabei nach dem thomistischen Prinzip vor, wonach alle sinnlichen Neigungen an sich gut sind und eine sinnliche Empfindungslosigkeit abzulehnen sei. Sind diese Neigungen jedoch ungeordnet, werden sie zum Laster (beispielsweise Unzucht) und führen zur Selbstzerstörung, was wiederum den Verlust des Realitätssinnes bedeutet. Die Mäßigung entspricht also einer „selbstlosen Selbstbewahrung“ und führt zu einer größeren Freude an sinnlicher Schönheit.

Neue Sichtweisen

Josef Pieper vermag es an etlichen Stellen in seinen Schriften zur Tugendlehre, die Leserschaft zu überraschen. Selbst der katholische Leser, der sich womöglich einbildete, über die Tugenden alles zu wissen, wird hier mit Sichtweisen konfrontiert, die zwar voll und ganz dem christlichen und abendländischen Denken entsprechen, in der Gegenwart allerdings keinen Platz mehr finden. Schließlich ist selbst der Blickwinkel vieler traditionell gesinnter Menschen, die sich um ein Leben im Einklang mit der Natur bemühen, ist angesichts der zahlreichen Bedrängnisse durch eine Moderne, die ihre Bestätigung darin findet, sich ständig neu erfinden zu wollen, weit verschoben. Mittels einer anspruchsvollen, aber sehr klaren Sprache verschafft Josef Pieper dem Leser die wertvolle Möglichkeit, konkret über das eigene Handeln nachzudenken und zu entdecken, wie es gelingen kann, sich um ein tugendhaftes Leben zu bemühen. Ausführlich wird eine Vielzahl von Aspekten der Tugendübung behandelt, was dazu einlädt, dieses Buch im Leben mehrmals zu lesen. Um diese inhaltliche Dichte zu verarbeiten und sich an den Stil Piepers zu gewöhnen, braucht es etwas Zeit und Geduld. Dies sollte diejenigen, die in ihrem Leben einen „Wendepunkt“ erreichen möchten, nicht von der Lektüre abschrecken. Im Gegenteil, jeder sollte beherzt zugreifen, um einen entscheidenden Schritt in die richtige Richtung zu tun.

(1) Berthold Wald (Hrsg.): Josef Pieper. Religionsphilosophische Schriften, in: Berthold Wald (Hrsg.): Josef Pieper. Werke in acht Bänden (Bd. 7), Hamburg (Felix Meiner) 2000, S.98.

(2) Siehe auch: David Maria Ernst: Kannst du mir sagen, was die Klugheit ist?, in: Der Gerade Weg, 1 (2013), S. 26-33.

(3) Thomas von Aquin, Summa Theologica II-II Quaestio 58, Artikel 1.

(4) Thomas von Aquin, Summa Theologica I, Quaestio 21, Artikel 4c.

(5) Ein Beispiel für den gerechten Zorn wäre die Tempelreinigung Jesu in den vier Evangelien (Mt 21,12ff, Mk 11,15ff, Lk 19,45ff, Joh 2,13-16).

(6) Zit. nach Berthold Wald (Hrsg.): Josef Pieper. Schriften zur Philosophischen Anthropologie und Ethik: Das Menschenbild der Tugendlehre, in: Berthold Wald (Hrsg.): Josef Pieper. Werke in acht Bänden (Bd. 4), Hamburg (Felix Meiner) 2006, S.126.

Josef Pieper
Über die Tugenden. Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß.
Kösel 2004
ISB: 3466401720
255 Seiten, gebunden

Foto: Josef Pieper – Über die Tugenden – Bildquelle: Kösel-Verlag