Summorum Pontificum: Wiedererwachen der liturgischen Bewegung

Kardinal Sarah: Die "liturgische Bewegung", der die beiden Formen des Römischen Ritus verbunden sind, zielt darauf ab, den Gläubigen, die durch einen oberflächlichen und verheerenden Subjektivismus in der nachkonziliaren Liturgie heimatlos geworden sind, ihre „Heimat“ zurückzugeben und sie somit in ihr gemeinsames Zuhause zurückzuführen.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 10. April 2017 um 10:06 Uhr

Herzogenrath/Rom (kathnews). Das katholische Internetportal Kathnews dokumentiert heute den vierten Auszug aus dem Vortrag des Präfekten der römischen Gottesdienstkongregation, Robert Kardinal Sarah. Der Vortrag wurde auf der 18. Internationalen Liturgischen Tagung, die vom 29. März bis 1. April in Herzogenrath bei Aachen stattgefunden hat, verlesen. Der Auszug folgt einer für „Die Tagespost“ von Frau Katrin Krips-Schmidt aus dem Französischen angefertigten Übersetzung. Die Überschriften sind von Gero P. Weishaupt eingefügt worden.

Auszug aus dem Vortrag von Robert Kardinal Sarah. 5. Teil

Vorbilder: Hl. Pfarrer von Ars, Sel. Pater Pio und Hl. Josemaria

Es handelt sich dabei um eine unausweichliche Realität, um ein wahres Zeichen unserer Zeit. Wenn die Jugendlichen der Heiligen Liturgie fernbleiben, müssen wir uns fragen: Warum ist das so? Wir müssen darauf achten, dass die Zelebrationen nach dem usus recentior diese Begegnung auch erleichtern, dass sie die Menschen auf den Weg der via pulchritudinus geleiten, der zum lebendigen Christus und zum Werk in seiner Kirche heute über seine heiligen Riten führt. Tatsächlich ist die Eucharistie kein „Essen im Freundeskreis“, kein gemütliches Mahl in geselliger Runde, sondern ein heiliges Mysterium, das große Mysterium unseres Glaubens, die Feier der durch Unseren Herrn Jesus Christus vollzogenen Erlösung, das Gedenken des Kreuzestodes Jesu, um uns von unseren Sünden zu befreien. Daher sollten wir die heilige Messe mit der Anmut und der Inbrunst eines heiligen Pfarrer von Ars, eines Paters Pio oder eines Josemaria zelebrieren, und das ist die conditio sine qua non dafür, dass man „von oben“, – wenn ich das so sagen darf – zu einer liturgischen Versöhnung gelangen kann. Daher lehne ich es energisch ab, unsere Zeit damit zu verbringen, die eine Liturgie einer anderen entgegenzusetzen, oder das Missale des heiligen Pius V. demjenigen des seligen Paul VI. Es geht vielmehr darum, in die große Stille der Liturgie einzutreten und sich durch alle liturgischen Formen befruchten zu lassen, ganz gleich, ob sie nun lateinisch oder orientalisch seien. Denn ohne diese mystische Dimension der Stille und ohne einen kontemplativen Geist wird die Liturgie tatsächlich auch in Zukunft zu hasserfüllten internen Kämpfen, zu ideologischen Konfrontationen und öffentlichen Demütigungen der Schwachen durch diejenigen Anlass geben, die behaupten, über eine Autorität zu verfügen, anstatt dass sie der Ort unserer Einheit und unserer Gemeinschaft im Herrn ist. So sollte die Liturgie – anstatt uns gegeneinander aufzubringen und uns zum Hass aufzustacheln – uns alle gemeinsam zur Einheit im Glauben und zur wahren Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollkommenen Menschen, zum Vollmaß der Gestalt in der Fülle Christi gelangen lassen… Und in der Wahrheit wollen wir stehen und in der Liebe alles hinwachsen lassen auf Ihn, der das Haupt ist, Christus (vgl. Eph 4,13-15).

Der Sinn für das Heilige ist mit der Liturgie verbunden

Wie Sie wissen, bezeichnete der bedeutende deutsche Liturgiewissenschaftler Monsignore Klaus Gamber (1919-1989) dieses gemeinsame Zuhause oder „kleine Vaterland“ der Katholiken, die sich um den Altar des Heiligen Opfers versammelt hatten, mit dem Wort „Heimat“. Der Sinn für das Heilige, der die Riten der Kirche durchdringt und erfüllt, ist untrennbar mit der Liturgie verbunden – beides bedingt sich gegenseitig. Doch in den letzten Jahrzehnten sind zahlreiche Gläubige schlecht behandelt, ja sogar zutiefst verwirrt worden – durch Zelebrationen, die von einem oberflächlichen und verheerenden Subjektivismus geprägt waren, so dass sie ihre „Heimat“, ihr gemeinsames Zuhause nicht mehr wiedererkannten, oder die Jüngsten es niemals kennenlernen konnten! Wie viele Menschen haben sich still und leise verabschiedet, besonders die Kleinsten und die Ärmsten unter ihnen! In gewisser Weise sind sie zu „liturgischen Heimatlosen“ geworden. Die „liturgische Bewegung“, der die beiden Formen verbunden sind, zielt daher darauf ab, ihnen ihre „Heimat“ zurückzugeben und sie somit in ihr gemeinsames Zuhause zurückzuführen, denn wir wissen sehr wohl, dass Kardinal Joseph Ratzinger in seinem Werk zur Sakramententheologie, lange vor der Veröffentlichung von Summorum Pontificum, betont hatte, dass die Krise der Kirche und damit die Krise und der Schwund des Glaubens größtenteils von der Art und Weise herrührt, mit der wir mit der Liturgie umgehen – gemäß der alten Redensart: lex orandi, lex credendi. In dem Vorwort, das der künftige Papst Benedikt XVI. dem Meisterwerk von Msgr. Gamber gewährt hatte, bestätigte er dies. Ich zitiere daraus:

„Es ist nicht lange her, dass mir ein junger Priester sagte: Wir brauchen heute eine neue liturgische Bewegung. Das war Ausdruck einer Sorge, der sich heute wohl nur noch gewollte Oberflächlichkeit entziehen kann. Diesem Priester ging es nicht darum, noch kühnere Freiheiten zu erobern – welche Freiheit hat man sich eigentlich noch nicht genommen? Er spürte, dass wir wieder ein Anfangen von innen her brauchen, wie es die liturgische Bewegung im Besten ihres Wesens gewollt hatte, als es ihr nicht um das Machen von Texten, um das Erfinden von Aktionen und von Formen ging, sondern um die Wiederentdeckung der lebendigen Mitte, um das Eindringen in das innere Gewebe der Liturgie zu neuem, von innen her geformtem Vollzug. Die liturgische Reform hat sich in ihrer konkreten Ausführung von diesem Ursprung immer mehr entfernt. Das Ergebnis ist nicht Wiederbelebung, sondern Verwüstung. Auf der einen Seite steht eine zur Show degenerierte Liturgie, in der man die Religion mit modischen Mätzchen und mit kessen Moralismen interessant zu machen versucht, mit Augenblickserfolgen in der Gruppe der Macher und mit einer nur um so breiteren Abwendung von Seiten all derer, die in der Liturgie nicht den geistlichen Showmaster suchen, sondern die Begegnung mit dem lebendigen Gott, vor dem unser Machen belanglos wird und dem zu begegnen allein den wahren Reichtum des Seins erschließen kann. Auf der anderen Seite bietet sich die extreme Konservierung ritueller Form an, deren Größe immer wieder bewegt, aber wo sie Ausdruck eigensinniger Absonderung ist, hinterlässt sie am Ende nur Traurigkeit. Gewiss, es gibt die Mitte der vielen guten Priester und ihrer Gemeinden, die die neugeformte Liturgie ehrfürchtig und festlich feiern, aber der Widerspruch von beiden Seiten stellt sie in Frage, und der Mangel an innerer Einheit in der Kirche lässt am Ende auch ihre Treue vielen zu Unrecht nur als eine private Abart von Neokonservativismus erscheinen. Weil es so steht, ist ein neuer geistlicher Impuls vonnöten, der uns Liturgie als gemeinschaftliches Tun der Kirche zurückgibt und sie dem Belieben der Pfarrer oder ihrer Liturgiekreise entreißt. Eine solche neue liturgische Bewegung kann man nicht „machen“, wie man überhaupt nichts Lebendiges „machen“ kann, aber man kann ihrem Heraufkommen dienen, indem man selbst den Geist der Liturgie neu anzueignen sich müht und für das so Empfangene auch öffentlich eintritt.“

Wiedererwachen der liturgischen Bewegung

Ich meine, dass dieses lange – so treffende und klare – Zitat Sie zu Beginn dieser Tagung interessieren und darüber hinaus dazu beitragen sollte, Ihre Gedanken auf die „Quelle der Zukunft“ des Motu proprio Summorum Pontificum zu lenken. Lassen Sie mich Ihnen eine Überzeugung weitergeben, die mir schon seit langem innewohnt: Die in ihren beiden Formen miteinander wiederversöhnte römische Liturgie, die nach dem großen deutschen Liturgiewissenschaftler Josef Andreas Jungmann (1889-1975) selbst die „Frucht einer Entwicklung“ ist, kann den entscheidenden Prozess der „liturgischen Bewegung“ einleiten, den so viele Priester und Gläubige seit so langer Zeit erwarten. Doch wo soll man beginnen? Ich erlaube mir, Ihnen die folgenden drei Wege vorzuschlagen, die ich in diesen drei Buchstaben zusammenfasse: SAF: silence – adoration – formation auf Französisch, und auf Deutsch: SAA: Stille – Anbetung – Ausbildung.

Zunächst also die heilige Stille, ohne die man Gott nicht begegnen kann. In meinem Werk La force du silence schreibe ich folgendes: „In der Stille erwirbt sich der Mensch seine Erhabenheit und seine Größe nur dann, wenn er kniet, um auf Gott zu hören und ihn anzubeten“ (Nr. 66). Sodann, die Anbetung: In diesem Zusammenhang verweise ich auf dasselbe Buch La force du silence, wo ich in Bezug auf meine geistliche Erfahrung folgendes schreibe:

Ich für meinen Teil weiß, dass die besten Augenblicke meines Tages in diesen unvergleichlichen Stunden zu finden sind, die ich auf den Knien in der Dunkelheit vor dem Allerheiligsten Sakrament des Leibes und des Blutes Unseres Herrn Jesus Christus verbringe. Ich bin wie in Gott versunken und von allen Seiten von seiner stillen Gegenwart umgeben. Ich möchte nur noch Gott angehören und in die Reinheit seiner Liebe eintauchen. Und dennoch ermesse ich, wie armselig ich bin, wie weit davon entfernt, den Herrn zu lieben, wie er mich geliebt hat – bis dass er sich für mich ausgeliefert hat“ (Nr. 54).

Schließlich, die liturgische Ausbildung, von einer Glaubensverkündigung oder -katechese ausgehend, deren Maßstab der Katechismus der Katholischen Kirche ist, was uns vor möglichen mehr oder weniger gelehrten Hirngespinsten bestimmter Theologen bewahrt, denen es an „Neuerungen“ ermangelt. In dieser Hinsicht sagte ich bei meiner –nun nicht ohne eine gewisse Portion Humor genannten – „Rede von London“ am 5. Juli 2016, vorgetragen bei der Dritten Internationalen Konferenz der Vereinigung Sacra Liturgia: „Die liturgische Ausbildung, die vorrangig und unverzichtbar ist, besteht vielmehr im Eintauchen in der Liturgie, im tiefen Mysterium Gottes, unseres liebenden Vaters. Es geht darum, die Liturgie zu leben, in ihrem ganzen Reichtum, damit wir, nachdem wir in tiefen Zügen aus ihrer Quelle getrunken haben, immer einen Durst nach ihren Freuden haben, nach ihrer Ordnung und Schönheit, ihrer Stille und Kontemplation, ihrem Jubel und ihrer Anbetung, ihrer Fähigkeit, uns aufs Engste mit Ihm vertraut zu machen, der in uns wirkt und durch die heiligen Riten der Kirche.“

In diesem Gesamtzusammenhang also und in einem Geist des Glaubens und der tiefen Verbundenheit mit dem Gehorsam Christi am Kreuz bitte ich euch demütig, Summorum Pontificum mit Sorgfalt anzuwenden – nicht als eine negative und rückschrittliche, in die Vergangenheit gerichtete Maßnahme, oder als etwas, das Mauern aufrichtet und ein Getto schafft, sondern als einen wichtigen und echten Beitrag zum gegenwärtigen und zukünftigen liturgischen Leben der Kirche, wie auch zur liturgischen Bewegung unserer Zeit, aus der immer mehr Menschen, insbesondere die jungen, soviel Gutes, Wahres und Schönes schöpfen.

Ich möchte diese Einführung mit den leuchtenden Worten von Benedikt XVI. schließen, mit denen dieser seine Homilie am Fest der heiligen Apostel Petrus und Paulus 2008 beendete: „Dann ist die Welt an ihrem Ziel, dann ist sie heil, wenn sie als ganze Liturgie Gottes, in ihrem Sein Anbetung geworden ist.

Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Aufmerksamkeit. Gott segne Sie und erfülle Ihr Leben mit seiner stillen Gegenwart!

Robert Kardinal Sarah

Präfekt für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung

Foto: Ordo Missae – Bildquelle: introibo.net