„…sind nicht mehr das, was sie mal waren“

Katholikentage einst und jetzt: Zu einer überraschenden Übereinstimmung zwischen Hans Maier und Kardinal Meisner. Ein Gastkommenat von Pfr. Hendrick Jolie.
Erstellt von Pfr. Hendrick Jolie am 18. Mai 2012 um 18:40 Uhr
Pfarrer Hendrick Jolie

In einem Artikel für „Frankfurter Allgemeine Zeitung“*  (FAZ) hat der ehemalige Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Prof. Dr. Hans Maier, die eindrucksvolle Ge-schichte des deutschen Laienkatholizismus und der Katholikentage beschworen. Die seit 1848 stattfindenden Katholikentage seien anfangs von dem Bemühen geprägt gewesen, die infolge des Kulturkampfes „verlorengegangene öffentliche Repräsentation der Kirche wie-derherzustellen.“ Er nennt die Katholikentage kraftvolle „Manifestationen der Laien“, bei denen „die katholischen Forderungen an die Gesellschaft“ formuliert wurden. Maier erinnert an profilierte Persönlichkeiten, die dem Laienkatholizismus Gesicht und Stimme verliehen haben, z.B. Joseph Görres, Ludwig Windthorst oder Matthias Erzberger. Angesichts dieser ruhmreichen Vergangenheit konstatiert Maier im Hinblick auf die Gegenwart eine „Schwäche des politischen Katholizismus.“ Er zitiert die Beobachtung des CDU-Politikers Heiner Geißler, die Kirche habe sich aus der Auseinandersetzung mit den drängenden Fragen der Zeit zurückgezogen. Insgesamt also ein eher düsteres Bild.

Wehmütig möchte man dem Autor bis zu diesem Punkt beipflichten. Auch der Bischof von Köln, Kardinal Meisner ließ in einem Interview Ähnliches verlauten, indem er sagte, Katholi-kentage seien nicht mehr das, was sie früher einmal waren. Der Kardinal von Köln und der ehemalige Präsident des ZdK – -sonst eher als Antipoden bekannt – in nostalgischen Schwärmereien einmütig beisammen? Man reibt sich die Augen und denkt: Gebiert die mo-mentane Krise des Katholischen in der Gesellschaft einen neuen Schulterschluss von bisher unversöhnlich scheinenden Positionen?

Der Zustand der Glückseligkeit dauert jedoch nur einen kleinen Augenblick, denn nun kommt die schon befürchtete Litanei des ehemaligen ZdK-Präsidenten: Schuld am Bedeutungsverlust des Laienkatholizismus in gesellschaftlich relevanten Fragen trägt selbstverständlich die Amtskirche im Allgemeinen und Papst Benedikt XVI. im Besonderen. Seine Freiburger Forde-rung nach „Entweltlichung“  spiritualisiere die Kirche und hebe sie aus der Welt hinaus. Da-hinter stünde – so Maier weiter – ein „blindes Vertrauen auf die ‚kleine Herde‘“, wodurch die „Gesamtheit der Gläubigen zu einer kleinen Schar der Überzeugten“ degeneriere. Es nützt dem Heiligen Vater wenig, dass er in Freiburg den vorhersehbaren Einwand, „Entwelt-lichung“ bedeute „Weltfremdheit“, mit überzeugenden Argumenten widerlegt und stattdes-sen eine offensive Weltgestaltung aus dem Geist Christi heraus gefordert hatte. Für Maier bleibt es dabei: Die vom Papst gewollte „Entweltlichung“ wolle die Kirche in die „Sackgasse jenes alten Integralismus zurückführen, der schon im 19. Jahrhundert an der Komplexität des modernen Lebens gescheitert ist.“

Gegen diese päpstliche Weltflucht fordert Maier von der Amtskirche „Vertrauen“ in das au-tonome Laienengagement und entsprechende „Spielräume“ für das selbständige Handeln überzeugter Katholiken in der Gesellschaft. So weit, so gut. Aber: Was meint er konkret?

Wie zu erwarten kommt der Autor in diesem Zusammenhang auf den allseits bekannten Konflikt um die Schwangerenkonfliktberatung zu sprechen. Wir erinnern uns: 1999 hatte der damalige Papst die Ausstellung der Beratungsbescheinigung untersagt. Daraufhin gründeten katholische Laien den Verein „Donum vitae“ und führten die Praxis der Scheinvergabe fort. Maiers Interpretation: Mit der Gründung von „Donum vitae“ sei es darum gegangen, dass „Laien nach reiflicher Gewissensprüfung Aufgaben übernehmen, die das Amt nicht weiter-führen kann oder will.“ Fazit: „Donum vitae“ ist ein Ausdruck dieser „Spielräume“, die der Laienkatholizismus benötigt, um der Kirche in die Gesellschaft hinein eine Stimme zu verlei-hen: Raus aus dem Ghetto, rein in die Gesellschaft. Doch um welchen Preis?

Offenbar konnte der Analyse Maiers, dass der Laienkatholizismus an gesellschaftlicher Be-deutung verloren hat, auch Kardinal Meisner zustimmen. Der Ansatz zur Überwindung dieser Krise muss jedoch mit einem Fragezeichen bedacht werden. Mit „Donum vitae“ haben Ka-tholiken nicht etwa Aufgaben übernommen, welche das kirchliche Amt nicht weiterführen wollte. Hier wurde im Gegenteil gegen die ausdrückliche Weisung des Heiligen Vaters und im offenen Bruch mit der höchsten Autorität der Kirche eine Praxis aufrechterhalten, die aus Sicht Johannes Paul II. zumindest eine indirekte Mitwirkung an der Tötung Ungeborener dar-stellt. Weiterhin stellen katholische Laien in „Donum vitae“-Beratungsstellen den berüchtig-ten Schein aus, der den Weg zur Abtreibung frei macht (und den der verstorbene Erzbischof von Fulda einmal zu Recht „Tötungslizenz“ genannt hat). Ist das die Art, wie sich Maier das gesellschaftliche Engagement katholischer Laien vorstellt?

In der fraglichen Debatte ging es eben nicht – wie Maier verharmlost – um „Auseinanderset-zungen und Konflikte“, die „in einer lebendigen Kirche etwas ganz Natürliches“ sind. „Donum vitae“ ist bis heute eine offene Wunde, durch die eine tiefgreifende Spaltung der Kirche in Deutschland sichtbar wird – eine Spaltung, die sich nicht zwischen „oben“ und „unten“, „Fortschritt“ und „Rückschritt“ vollzieht, sondern ein Bruch zwischen jenen, die die Autorität des Papstes in wichtigen Fragen anerkennen und jenen, die auch in den letzten Fragen (wo es um Leben und Tod und um Fragen der Lehre geht) mit der Berufung auf ihr „Gewissen“ eigene Wege glauben gehen zu dürfen.

In Mannheim tritt mit Alois Glück ein ZdK-Vorsitzender an die Mikrophone, der seine „lei-tende Mitarbeit“ bei „Donum vitae“ zurzeit „ruhen lässt“ – und dies nur aus dem einzigen Grund, weil der Vatikan unmissverständlich deutlich gemacht hat, dass eine Mitgliedschaft in diesem Verein mit der Übernahme eines kirchlichen Ehrenamtes unvereinbar ist. An der Seite von Glück steht Erzbischof Zollitsch als gastgebender Bischof. Im Rahmen des von ihm kreierten „Dialogprozesses“ hat dieser einerseits einen ergebnisoffenen „Dialog“ in der Kir-che angeregt, andrerseits tritt er gebetsmühlenartig für den Kommunionempfang wieder-verheirateter Geschiedener und andere Reformprojekte ein. Wo bleibt hier die Ergebnisof-fenheit des Dialogs, wo bleibt die katholische Identität? Wie soll ein solcher Katholizismus, der dem Willen des Papstes diametral widerspricht, Strahlkraft entwickeln?

Den heutigen Katholikentagen fehlt es an profilierten Persönlichkeiten: Menschen, die er-kennen lassen, dass spirituelle Kraft, Originalität und Durchsetzungsfähigkeit einerseits und Glaubenstreue, Romverbundenheit und Liebe zur Kirche andrerseits kein Widerspruch sind. Diese Personen haben im derzeitigen System keine Chance, nach „oben“ zu kommen – we-der als Laie noch als Kleriker. Sie haben sich deshalb längst auf andere Kongresse glaubens-treuer Katholiken verzogen, weil sie durch die beständigen Verleumdungen und Angriffe mürbe gemacht wurden. Auch in Mannheim trifft man sie nur am Rande. Ein interessantes Detail in diesem Zusammenhang: Eine Heilige Messe in der außerordentlichen Form des römischen Ritus – wie sie der Heilige Vater ausdrücklich wünscht – wurde trotz mehrfacher Bitten und trotz des Einverständnisses des Ortspfarrers nicht in das offizielle Katholikentags-programm aufgenommen. Ist das der Dialogstil, der in der Erzdiözese Freiburg angepriesen wird?

Nicht der Papst ist daran schuld, wenn sich der gegenwärtige Katholizismus präsentiert wie in Mannheim: Uneindeutig, zerrissen, auf Selbstbeschäftigung aus und ohne überzeugende spirituelle oder gesellschaftspolitische Ausstrahlung. Bei allem Respekt muss man Herrn Prof. Maier widersprechen: Dass Katholikentage nicht mehr das sind, was sie einmal waren, liegt nicht am Papst und seiner Forderung nach Entweltlichung. Es liegt nicht zuletzt an Ka-tholiken – Klerikern und Laien – die es nicht ertragen können, dass der Papst in wichtigen Fragen das letzte Wort hat.

In Sachen Donum vitae gilt weiterhin: Was hier als verantwortliche Gewissensentscheidung verkauft wird, ist nichts anderes als Ungehorsam. Deshalb braucht man kein Prophet zu sein, um vorherzusagen, dass Msgr. Schüller, der Initiator der österreichischen „Ungehorsamsini-tiative“, der eigentliche Star des Katholikentags sein wird. Schüller macht zumindest keinen Hehl daraus, dass er die Zeit für aktiven Ungehorsam gekommen sieht. Vielleicht spricht er nur aus, was andere denken?

* „Salz der Erde“, FAZ Nr. 112 (14.05.2012), Seite 7
** Begegnung mit engagierten Katholiken Konzerthaus in Freiburg im Breisgau, 25.09.2011

Pfarrer Jolie wird am Samstag, den 19. Mai 2012 um 9.00 Uhr eine Alte Messe auf dem Katholikentag zelebrieren: Zelebrationsort ist die Maria-Hilf-Kirche im Stadtteil Almenhof (August-Bebel-Str. 47, 68199 Mannheim)

Foto: Pfarrer Jolie – Bildquelle: Privat