„Sein ist mehr als Schein“ – Doch mehr als ein bloß stilistischer und praktischer Unterschied

Ergänzungen zu den Ausführungen von Clemens Victor Oldendorf zur jüngsten unerlaubten Bischofsweihe durch Bischof Richard Williamson.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 24. März 2015 um 14:01 Uhr
Statue des hl. Petrus

In einem ersten Kommentar zur kürzlich erfolgten, unerlaubten Bischofsweihe von Msgr. Jean-Michel Fauré durch Msgr. Richard Williamson im brasilianischen Novo Friburgo hatte ich bei kathnews am 21. März die Einschätzung vertreten, an sich bestehe zwischen der Position der Piusbruderschaft und der jener Priester, die sich um Bischof Williamson zum sogenannten „Widerstand“ oder auch zur „Priestervereinigung Marcel Lefèbvre“ zusammengeschlossen haben, kein wesentlicher Unterschied, sondern mehr einer in der Wortwahl und der Schärfe des Ausdrucks, die vielleicht auch provoziert worden sei durch den Eindruck, die Leitung der Priesterbruderschaft St. Pius X. unterdrücke in ihrem Bemühen, mit den römischen Autoritäten zumindest einmal eine praktische, institutionelle Einigung zu erzielen, jene skeptischen Stimmen innerhalb der Bruderschaft, die ein solch scheinbar rein realpolitisches Vorgehen gegenwärtig nicht befürworten oder auch schon unter Benedikt XVI. weniger optimistisch eingeschätzt haben.

Mangelnde Transparenz und wachsendes Misstrauen

Dass sich der Widerstand überhaupt gebildet hat, ist vermutlich tatsächlich darauf zurückzuführen, dass Bischof Fellay und P. Niklaus Pfluger die Gespräche in Rom bruderschaftsintern, zum Beispiel gegenüber den Distriktoberen der einzelnen Länder oder Sprachgebiete, mit zu wenig Transparenz kommuniziert haben. So entstand bei vielen der Eindruck, man solle vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Fairerweise muss man also sagen, dass die interne Kritik an Fellay und das Entstehen des Widerstandes in ihren Anfängen nicht so sehr auf schwindendem Gehorsam, sondern auf schwindendem Vertrauen beruhten. In diesem Stadium war meine zuerst vorgetragene Einschätzung sicher zutreffend, der Widerstand bediene sich nur schärferer Diktion und beurteile die Verhandlungen mit Rom (eher) ablehnender als der konziliantere (wohlgemerkt nicht: konziliare) Bischof Fellay.

Was die Wortwahl betrifft, lässt sich dieses Problem schon bis in die Äußerungen Erzbischof Lefèbvres zurückverfolgen. Man findet bei ihm sehr scharfe, ans Inakzeptable grenzende und diese Grenze auch überschreitende Formulierungen („Bastardsakramente“), neben solchen, die ebensogut heute von Fellay benutzt werden könnten. Dabei ist auffällig, dass – eventuell abgesehen von seinen letzten Lebensjahren ab den Bischofsweihen 1988 bis 1991 – nicht etwa eine kontinuierliche, chronologische Zuspitzung vorliegt, sondern eben tatsächlich ein Nebeneinander, sogar eine Verflochtenheit von milderen und schärferen Äußerungen. In den Jahren ab etwa 1995, besonders seit 2000 und dann im Pontifikat Benedikt XVI., hat man sich seitens der Leitung der Bruderschaft mit zunehmender Ausschließlichkeit und wohl auch taktisch begründet auf moderate Zitate Lefèbvres gestützt, der Widerstand schöpft konsequent ausschließlich aus dem Fundus der verbal wie inhaltlich schärfsten Stellungnahmen Lefèbvres. Weil es einfach nicht stimmt, dass der Erzbischof sozusagen immer radikaler geworden wäre, lassen sich diese beiden Tendenzen in seinen Anschauungen und Äußerungen meines Erachtens nicht feinsäuberlich trennen, weswegen eine solche Art der Zitation sich nach meiner festen Überzeugung weder in die eine, noch in die andere Richtung wirklich auf Erzbischof Lefèbvre berufen kann.

Die Predigt und das sogenannte Apostolische Mandat vom 19. März 2015

Inzwischen sind einige zusätzliche Informationen zur Bischofsweihe vom 19. März 2015 zugänglich geworden, so die spanische Predigt Williamsons mit dem im Original deutschen Schlagwort „Sein ist mehr als Schein!“ und vor allem auch der Wortlaut des sogenannten Mandatum Apostolicum, das bei der Bischofsweihe verlesen worden ist. Für Williamsons Verhältnisse war die Predigt mit einer Dauer von nur knapp zwanzig Minuten auffällig kurz. Inhaltlich ist sie betont theoretisch. Wer mit Williamsons Denk- und Argumentationsmustern ein wenig bekannt ist, für den ist sie keine sensationelle Überraschung. Ich paraphrasiere zunächst den wesentlichen Inhalt, um anschließend eine kurze Analyse anzubieten. Die Kernannahme und -aussage ist: „Der ‚moderne‘ Mensch möchte die Wirklichkeit nach seiner Vorstellung gestalten. Deswegen möchte er vor allem die ‚Religion Gottes‘ durch die ‚Religion des Menschen‘ ersetzen. Das ist es auch, was Vaticanum II tut. Wir aber (Williamson und die Seinen), wir nehmen die Realität zur Kenntnis, wie sie ist. Deswegen weigern wir uns auch, die Religion des Menschen an die Stelle der Religion Gottes zu setzen, wie es Vaticanum II im Anschluss an den modernen Menschen tut. Fellay sucht den Kompromiss mit den Römern, mit dem Vaticanum II, mit der Religion des Menschen. Deshalb müssen ‚wir‘, die wir uns der Objektivität und Evidenz der Wirklichkeit unterwerfen und an der Religion Gottes festhalten wie der Erzbischof, Fellays Kompromiss und Realitätsverweigung, müssen wir der Religion des Menschen, Widerstand leisten und die Operation ‚Überleben‘, wie der Erzbischof die Weihen 1988 genannt hat, fortsetzen.“

Interessant ist aus meiner Sicht folgendes: Williamson schreibt dem modernen Menschen (vermutlich abstrakt sogar zu Recht) beziehungsweise Fellay, dem Vatikan und dem Konzil zu, sich die Wirklichkeit ’nach seinem Bilde‘ (meine Anspielung) gestalten zu wollen. Für sich nimmt er Objektivität und Evidenz der ‚Wirklichkeit, wie sie tatsächlich ist‘, in Anspruch. Dabei macht er jedoch seine Wahrnehmung dieser Wirklichkeit zu deren Maßstab, begeht also im Namen der ‚Objektivität‘ gerade den Subjektivismus, den er dem modernen Menschen vorwirft. Ergo: Williamson selbst ist (letztlich, vielleicht sogar unbewusst) zutiefst ein Vertreter des ‚modernen Menschen‘. Im Namen der Totalität der Objektivität und der Religion Gottes vollzieht er letztlich totalitär den Anspruch seiner Subjektivität, gestaltet die Wirklichkeit nach seiner Vorstellung. Irgendwie könnte man auch sagen, er setzt an die Stelle der Tradition der Kirche seine Tradition, an die Stelle der Religion Gottes, die Religion Williamsons, die er katholisch ’nennt‘, und damit vertritt er selbst den Nominalismus, der der Subjektivität zugrunde liegt, der er zu widerstehen vorgibt.

Verlesung des Mandatum Apostolicum als Teil der Weiheliturgie, Konstrukt und Rechtfertigung eines Notstands 2015

Der Ritus der Bischofsweihe beginnt mit der Verlesung des päpstlichen Weiheauftrags, und um diesen Ritus möglichst einhalten zu können und gleichzeitig das Fehlen eines regulären Mandatum Apostolicum mit einem kirchlichen Notstand zu kompensieren, hat man einen solchen Text in Novo Friburgo selbst formuliert. Ähnlich war das auch schon 1988 bei den Bischofsweihen vom 30. Juni geschehen, und an das damalige Mandatum lehnt man sich auch an. Der am 19. März verlesene Text lautet in der deutschen Übersetzung, die der Widerstand selbst zur Verfügung stellt, folgendermaßen: „Wir haben einen apostolischen Auftrag (Mandatum), zu weihen, von der heiligen römischen Kirche, welche den von den Aposteln empfangenen heiligen Traditionen immer treu ist und uns vorschreibt, dass wir diese Traditionen, das heißt das Glaubensgut, allen Menschen zum Heil ihrer Seelen treu übermitteln.
Da nun auf der einen Seite seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil bis zum heutigen Tag die Autoritäten der römischen Kirche vom Geist des Modernismus beseelt sind und so, gegen die heiligen Traditionen handelnd, „die gesunde Lehre nicht ertragen und das Gehör von der Wahrheit abwenden, den Fabeln dagegen sich zuwenden,“ wie der heilige Paulus in seinem zweiten Brief an Timotheus sagt (Kapitel 4, 3–4), warum sollten wir da diese Autoritäten um ein Mandat bitten zur Weihe eines Bischofs, welcher ihrem schlimmsten Irrtum grundsätzlich sich entgegenstellen wird?

Und auf der anderen Seite haben die wenigen Katholiken, welche die Bedeutung eines solchen Bischofs begreifen, sogar nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil gehofft, dass er aus den Reihen der von Erzbischof Lefebvre gegründeten Priesterbruderschaft St. Pius X. kommen könnte – so wie jene vier Auxiliarbischöfe, die er für die Bruderschaft im Jahre 1988 durch ein vorheriges Notstands-Mandat geweiht hatte. Doch weil die Bruderschaftsoberen durch ihre ständige Hinwendung zu den römischen Behörden zeigten, dass sie denselben modernistischen Weg einschlagen, erwiese diese Hoffnung sich als trügerisch. Von wo also könnten diese gläubigen Katholiken jene Bischöfe erhalten, welche zum Überleben ihres wahren Glaubens notwendig sind? In einer Welt, welche ihren politischen Krieg gegen Gott und seine Kirche täglich intensiviert, kann die Sicherung des Überlebens des Glaubens nicht mehr länger nur auf den Schultern eines einzelnen vollständig anti-modernistischen Bischofs ruhen. Deswegen fordert die Kirche selber von diesem Bischof, einen Auxiliarbischof zu benennen, der Hochwürden Jean-Michel Fauré sein wird. Durch diese Weitergabe der Bischofsgnade wird keine bischöfliche Jurisdiktionsgewalt vorausgesetzt oder zugestanden, und sobald Gott zur Rettung seiner Kirche eingreift, welche keine menschliche Hoffnung auf Rettung mehr hat, wird die Wirkung dieser Weihe und ihres Notstands-Mandates ohne Verzögerung zurück in die Hände eines Papstes gelegt, welcher dann wieder voll katholisch sein wird.“

Bloße Gesprächsbereitschaft schon Modernismus

Durch bloße Gespräche mit den römischen Autoritäten, ja selbst durch bloße Bereitschaft zu solchen Gesprächen ist also diesem Mandatum zufolge die Leitung der Piusbruderschaft, vor allem also Bischof Fellay als Generaloberer, bereits selbst modernistisch geworden. Doch die Antwort Bischof Faurés darauf wird nicht grundsätzlicher Widerstand gegen die römischen Autoritäten an sich sein, sondern er wird sich deren „schlimmstem Irrtum“ grundsätzlich entgegenstellen. Nimmt man den neuesten Eleison Kommentar nach der Bischofsweihe hinzu, also den wöchentlichen Internetkommentar Williamsons zum Zeitgeschehen in Kirche, Welt, Bruderschaft und Widerstand, den Eleison Kommentar Nr. 401 vom 21. März 2015 hinzu, erkennt man, dass die Weihe mit praktischem Sediprivationismus begründet wird. Ich sage praktischer Sediprivationismus, weil er meines Erachtens theoretiisch noch nicht nachweislich konsequent vollzogen ist.

Theoretisch besagt der Sediprivationismus, dass die nachkonziliaren Päpste materiell Päpste sind, aber nicht formal, weil sie, solange sie Modernisten sind, die päpstliche Autorität nicht ausüben können. Trotzdem herrscht keine Sedisvakanz und darf und muss man nicht zu einer Papstwahl schreiten, weil die zum Papst gewählten Modernisten den Stuhl Petri in dem Sinne besetzen, dass er zunächst für sie reserviert ist, bevor irgendjemand anderer zum Papst gewählt werden kann. Sobald sich ein zum Papst Gewählter vom Modernismus abwendet und wieder vollständig katholisch wird, hat er einen Rechtsanspruch, die Amtsvollmacht des Papstes auszuüben. Es gibt bereits mehrere traditionalistische Bischöfe, die diese Position theoretisch und praktisch stringent vertreten. Als Co-Konsekratoren haben sie sich bezeichnenderweise nicht angeboten oder wurden nicht angefragt. Vielleicht, weil ihnen Williamson nicht konsequent genug ist, vielleicht aber auch, weil der Widerstand deren Weihen als unsicher betrachtet. Jedenfalls wurde vor der Weihe Faurés Williamson als der derzeit einzige konsequent „anti-modernistische“ Bischof weltweit angesehen. Also sind auch die beiden verbleibenden Bischöfe der Bruderschaft neben Fellay für Williamson inzwischen nicht mehr konsequent antimodernistisch, und auch sie standen als Co-Konsekratoren Faurés nicht zur Verfügung.

Praktischer Sediprivationismus

Im Eleison Kommentar Nr. 401 unterscheidet Williamson noch nicht zwischen Amtsinhabe und Autoritätsausübung des Papstes, sondern noch nur zwischen seinem Sein und Handeln. Das könnte dann bedeuten, dass Williamson die Position vertritt, dass die Päpste ihre Autorität immer dann wirksam ausüben, wenn sie traditionskonform handeln und entscheiden. Doch wer entscheidet dies? Williamson? Dann sind wirklich die strikten Sedisprivationisten auf der sichereren Seite, die davon ausgehen, dass ein Papst seine Autorität entweder ganz oder gar nicht innehat und ausübt. Ich denke, um überzeugender zu sein, wird der Widerstand diesen Schritt zu größerer theoretischer Konsequenz über kurz oder lang vollziehen müssen. Andernfalls manövriert man sich in die logische Sackgasse und Inkonsequenz von Williamsons Predigt, beziehungsweise seiner Realitäts- und Objektivitätskonzeption insgesamt.

Durchaus wesentlicher Unterschied zur Haltung der Piusbruderschaft minimiert theoretisch Risiko ernsthafter Konkurrenz

Mit dem praktischen Sediprivationismus des Widerstandes besteht aber doch ein wesentlicher, nicht nur stilistischer Unterschied zu Fellay und der Piusbruderschaft, und damit ist die „Gefahr“, die von Williamson und Fauré für Fellay und die FSSPX ausgeht, theoretisch und prinzipiell sehr reduziert. Praktisch indes keineswegs. Die Tatsache, dass sich schon vor der Weihe Faurés fast siebzig Priester dem Widerstand angeschlossen haben, bestätigt, dass es in der Priesterbruderschaft St. Pius X. immer auch Kräfte seiner Mentalität gegeben hat und geben konnte (wohingegen ausdrückliche Sedisvakantisten immer entfernt wurden). Psychologisch mag diese, praktisch sozusagen generelle Skepsis sogar weitestgehend verständlich sein, denn beileibe nicht alle Kontakte zu Rom vor 1988 und danach waren vertrauensbildend. Wo diese Mentalität aber zu der von Williamson zunächst pragmatisch praktizierten Konsequenz führt, zeigt sich, dass die „Bewegung/Familie der Tradition“ in der Kirche nach Vaticanum II nicht nur ein Widerstand, eine Überlebensmaßnahme gegen die Krise ist, sondern auf ihre Weise selbst Symptom und Ausdruck dieser Krise und des Verfalls.

Weder, wer Parallelkirche will, noch, wer mit reiner Nostalgieliturgie zufriedengestellt ist, kann sich auf Lefèbvre berufen

Der Text, der am 19. März 2015 als Mandatum Apostolicum fungiert hat, spricht bereits von Bischöfen im Plural. Gerade, weil Williamson durchaus nicht widersprochen werden kann, dass man (allerdings auch unter Traditionalisten) immer weniger faktisch, immer mehr mit dem Gefühl argumentiert, kann jetzt wirklich eine institutionalisierte Parallelkirche entstehen, die Erzbischof Lefèbvre zu keinem Zeitpunkt gewollt hat. Williamson ist kein gewöhnlicher Vagant. Schon durch seine Herkunft aus der Piusbruderschaft besitzt er ein Maß an Seriosität und potentieller Anhängerschaft, die nicht unterschätzt werden dürfen. Ähnliches gilt für die Akzeptanz der Persönlichkeit Msgr. Faurés innerhalb der Priesterbruderschaft. Wenn diese Konstellationen sich mit dem selbst äußerst konstruktivistischen und subjektivistischen Zugang Williamsons zur Wirklichkeit verbinden, verzichtet man selbstgewählt und hermetisch abgekapselt auf jeden Einfluss auf die Gesamtkirche, und wird es für alle anderen Traditionalisten: Piusbruderschaft und andere, die zumindest praktisch ausschließlich die überlieferte Liturgie anwenden wollen, schwer, mit ihrer Motivation theologisch argumentativ ernstgenommen zu werden. Solche freilich, die die alte Liturgie bloß „auch schön“ oder „bereichernd“ finden und gerne feiern, daneben aber auch, vielleicht sogar meistens, die neue Liturgie „würdig“, „fromm“ und „andächtig“ begehen, werden kein Problem haben. Solch reine Nostalgie jedoch, wäre in der Kirche als ganzer ebenfalls – und eigentlich völlig zu Recht – langfristig der Belanglosigkeit überlassen und würde wohl irgendwann auch ganz einschlafen, ohne noch vermisst zu werden.

Foto: Statue des hl. Petrus – Bildquelle: Kathnews