„Revolte in der Kirche?“ – Einseitige Bewertung der Nachkonzilszeit

Eine Buchbesprechung von Martin Bürger.
Erstellt von Martin Bürger am 21. Dezember 2018 um 09:50 Uhr

Das vorliegende Buch aus dem Verlag Herder fragt: „Revolte in der Kirche?“ Wie der Titel andeutet, geht es um eine Beschäftigung mit dem Phänomen 1968, das in der Welt für so viel Wirbel und Veränderung gesorgt hat. Schon im Vorwort dieser Sammlung von Aufsätzen wird allerdings deutlich, dass das Jahr 1968 selbst von geringerer Bedeutung ist: „Die ‚Revolte‘ in der Kirche blieb trotz markanter, öffentlichkeitsrelevanter Ausnahmen – etwa auf dem Essener Katholikentag – weitgehend aus. Denn ‚1968‘ war zu nahe dran an jenem grundstürzenden Ereignis, das das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) darstellt. Die eigentliche Revolte hatte, wenn auch zu spät, um die Erosion des Kirchlich-Gebundenen aufzuhalten, in St. Peter in Rom stattgefunden.“ Hier sieht man übrigens auch angedeutet, aus welchem Blickwinkel die meisten Autoren in dieser Sammlung von Aufsätzen die Ereignisse der Nachkonzilszeit wie auch das Konzil selbst bewerten.

Kritische Stimmen, oder zumindest ein Aufsatz, der sich mit dem Widerstand gegen die Änderungen befasst, fehlen leider völlig. Das Zweite Vatikanische Konzil wird als natürliche Entwicklung angesehen. Es sei nämlich „auch Produkt unterschwelliger kirchlicher Erneuerungsansätze der voranliegenden Jahrzehnte“. Doch um welche Erneuerungsansätze handelt es sich? Der Modernismus war ein Erneuerungsansatz, wurde aber scharf verurteilt und bekämpft. Hat man sich etwa darauf berufen wollen?

Dann heißt es, und zwar immer noch im Vorwort: „Kirche in der Welt von heute ist eine Kirche, die gelernt hat, dass sie in der Welt von heute nur noch um den Preis ihrer Bedeutungslosigkeit exklusiven Rationalitäten folgen kann, die sich nicht an allgemeinen argumentativen Standards bewähren lassen.“ Ist dies nicht eine vollständige Verdrehung der Geschehnisse, die sich vor unser aller Augen abspielen? Ist nicht die Anpassung an die Welt der Anfang der Bedeutungslosigkeit? Vor dem Konzil hat sich die Kirche nicht der Welt angepasst. Trotzdem spielte die Kirche in der Welt eine herausragende Rolle. Diese hat sich mit dem Konzil geändert. Nur wenige scheren sich noch um das, was die Kirche zu sagen hat. Wie kann man vor diesem Hintergrund eine Behauptung wie die eben zitierte aufstellen?

Peter Neuner spricht in seinem Text von einem „Auswahlchristentum“, dass es heutzutage gebe. „Dies wird nicht mehr als schuldhafter Glaubenszweifel empfunden, sondern als die Konsequenz eines mündigen Christseins.“ Hat man sich mit dieser Begründung der Stimme des Gewissens entledigt? Neuner ist einer der wenigen Autoren, die sich ganz kurz dem Widerstand zuwenden. Hier ist er indes keineswegs objektiv: „1988 wurde der Erzbischof [„Marcel Lefebvre“, Anm. d. Red.] zusammen mit vier von ihm geweihten Bischöfen exkommuniziert. Damit war ein Schisma entstanden, das bis heute fortdauert.“ Wenn man sich das Kirchenrecht anschaut, wird man feststellen, dass ein Schisma nicht vorliegt. Korrekt ist allerdings die folgende These: „In der Auseinandersetzung mit den Traditionalisten, die sich auf ihn berufen, wird man nicht ohne eine Bereinigung der Verurteilungen des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts auskommen.“ Ob eine solche „Bereinigung“ lehramtlicher Texte, die, so kann man argumentieren, mit mehr Autorität verbunden sind als das Zweite Vatikanische Konzil, möglich ist, steht auf einem anderen Blatt.

Der unsachlichste aller Aufsätze in „Revolte in der Kirche?“ stammt von Christiane Florin. Doch auch hier findet sich ein Körnchen Wahrheit: „Mögen die Kameras auch noch so sehr das Profil des jungen Konzilstheologen Joseph Ratzinger umschmeicheln: Eine Bischofsversammlung im Vatikan ist nun einmal keine Studentenrevolte. Mit Uschi Obermaier kann ein Jung-Theologe nicht mithalten. Das Konzil sieht schon drei Jahre nach seinem Ende alt aus.“ Mit anderen Worten: Wenn die Kirche der Welt hinterherläuft, ist sie irrelevant. Sie sollte sich stattdessen also auf ihre eigentliche Aufgabe besinnen. Diese Konsequenz zieht die Autorin natürlich nicht.

Massimo Faggioli behauptet seinerseits: „Heute gibt es eine traditionalistische katholische Kultur, die eigentlich nicht mehr konservativ ist. Sie steht vielmehr für Auflehnung: Um den Katholizismus so zu erhalten, wie er (vermeintlich) war, müsse die gegenwärtige kirchliche Führungsebene zerschlagen werden. In diesem Sinne sind die heutigen katholischen Neo-Traditionalisten letztlich ebenfalls Kinder der 1968er Jahre.“ Eine solche Argumentation ist blanker Unsinn. Mit gleichem Recht könnte man sagen, dass die Kämpfer für die alte Ordnung im Frankreich nach der Revolution von 1798, beispielsweise in der Vendée, Kinder der Revolution waren. Widerstand gegen etwas Schlechtes (und sei es nur fälschlicherweise als etwas Schlechtes aufgefasst) ist nie Revolte oder gar Revolution.

Einige Texte beschäftigen sich mit dem Jahr 1968 hinter dem sogenannten Eisernen Vorhang. Diese Aufsätze sind interessant, haben jedoch mit dem Phänomen 1968, das für massive gesellschaftliche Veränderungen steht, wenig zu tun. Die wertvollsten Beiträge zu „Revolte in der Kirche?“ sind die persönlichen Erinnerungen. Hier wird tatsächlich ein Blick hinter die Kulissen der Nachkonzilszeit möglich. Zwar gilt weiterhin, dass die Perspektive keine des Widerstands ist. Gleichzeitig sind die persönlichen Aufzeichnungen häufig weniger ideologisch und parteiisch als die zuvor erwähnten negativen Beispiele. Insgesamt lohnt es sich leider nicht, „Revolte in der Kirche?“ zu lesen. Das ist schade!

Bibliografische Informationen:

Sebastian Holzbrecher / Julia Knop / Benedikt Kranemann
Revolte in der Kirche?
Das Jahr 1968 und seine Folgen
Verlag Herder
Gebunden
352 Seiten
ISBN: 978-3-451-38065-5
35,- Euro

Foto: Revolte in der Kirche – Bildquelle: Herder Verlag