„Rechte gelten für alle Kinder “

Leiter der Familienberatungsstelle Köln im Interview mit domradio.de.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 20. September 2015 um 13:26 Uhr

Köln (kathnews/domradio.de). Kinder und ihre Rechte stehen heute im Mittelpunkt des Weltlkindertags. Die sind besonders für die zahlreichen Flüchtlingskinder wichtig, mahnt Josef Zimmernann, Leiter der katholischen Erziehungs- und Familienberatungsstelle in Köln, im Gespräch mit domradio.de.

domradio.de: Kinderrechte sind ja erstmal ähnlich den Rechten, die Erwachsene haben.

Zimmermann: Ja, die sind ähnlich aufgebaut. Es geht um die primären Bedürfnisse, die jeder Mensch hat – nämlich auf Sicherheit, Arbeit, Wohnen und grundsätzliche medizinische Versorgung. Das, was die Würde des Menschen im Grunde ausmacht. Und darüber hinaus gibt es sogenannte Entfaltungsbedürfnisse – also das Recht einen Beruf zu ergreifen, Ausbildung, Schule und sein Leben so zu führen, dass es einem gut tut, ohne einem anderen zu schaden.

domradio.de: Haben Sie so etwas wie ein „Lieblingskinderrecht“? Eines, was Ihnen besonders wichtig ist?

Zimmermann: Ja, die grundlegenden Rechte müssen einfach sein, wie ein Dach über dem Kopf, Sicherheit und medizinische Versorgung. Ein Lieblingsrecht habe ich allerdings auch – das ist das Recht auf Spielen. Das muss gegen eine zu frühe Überforderung durch Förderung geschützt werden.

domradio.de: Gucken wir auf das Kinderrecht Nummer 9. Da steht, dass Kinder im Krieg und auf der Flucht besonders geschützt werden müssen. Haben Sie mit Flüchtlingskindern zu tun?

Zimmermann: Wir haben natürlich mit Flüchtlingskindern zu tun. In früheren Jahren war es die normale Migration. Aber in Zeiten des Kosovo-Krieges kamen viele Kinder mit Fluchterfahrungen. Aktuell haben wir viel mit syrischen und irakischen Kindern zu tun, die zur internationalen Familienberatungsstelle oder zum Therapiezentrum für Folteropfer der Caritas kommen. Und wir haben vermehrt mit den sogenannten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen zu tun, also Jugendlichen ab 14 Jahren, die sich alleine auf den Weg gemacht haben.

domradio.de: Haben Sie die gleichen Rechte?

Zimmermann: Natürlich, sie haben die gleichen Rechte. Aber es ist die Frage, inwieweit das mit den derzeitigen Strukturen – die zwar sehr gut entwickelt sind, aber angesichts der Masse schwierig umsetzbar sind – zu schaffen ist.

domradio.de: Gab es ein Schicksal, was Sie besonders berührt hat?

Zimmermann: Ja, das Schicksal eines Jugendlichen, der mit 16 Jahren nach Deutschland gekommen ist. Er stammt aus Afghanistan und gehörte dort der schiitischen Minderheit an, die von der sunnitischen Mehrheit verfolgt wurde. Er ist als Baby mit seiner Familie nach Iran geflüchtet. Dort wurden sie allerdings wie Arbeitssklaven behandelt, also auf Erntefeldern oder auf Baustellen eingesetzt. Schon als kleines Kind musste er arbeiten, was ja gegen jegliche Kinderrechte verstößt. Er ist dann mit 15 Jahren auf die Flucht gegangen – über die Türkei, Griechenland und Italien. Nach vier Monaten ist er in Deutschland angekommen. Hier wurde er vom Jugendamt versorgt und im Jugendwohnen untergebracht. Er ist jetzt an dem Punkt, wo er in die Regelschule geht. Er hat es geschafft, Deutsch zu lernen und strebt jetzt das Fachabitur an.

Und er hat jetzt endlich die Anerkennung vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erhalten. Drei Jahre, also die Zeit der Schule, sind jetzt gesichert. Er strebt viel an, aber merkt, dass es trotzdem schwierig ist – vor allem aufgrund der Sprachschwierigkeiten. Und wenn er berichtet, wie sehr er sich bei den Hausaufgaben anstrengt – auch mit Hilfe von Ehrenamtlichen – dann rührt mich das an.

domradio.de: Das ist ja ein positives Beispiel. Gibt es auch Schicksale, die Sie an ihre Grenzen bringen?

Zimmermann: Was mich an die Grenze bringt, ist die Situation von geflohenen Familien, die hier eine ewig lange Wartezeit der Unsicherheit haben, ob sie hier in Deutschland bleiben dürfen oder nicht. Die schlimmen Erfahrungen, die sie gemacht haben, können nicht verblassen, wenn sie weiterhin in einem unsicheren Status leben. Die Traumatisierungen werden durch die langen Verfahren in Europa aufrecht erhalten. Das ist etwas, was ich politisch einen Skandal finde und emotional schwer aushaltbar.

Das Gespräch führte Verena Tröster.

Textquelle: domradio.de

Foto: Kölner Dom – Bildquelle: Kathnews