Papst an Familien: „Besser Narben der Treue als Schminke und Kälte”

50.000 Menschen feierten außergewöhnliches Glaubenserlebnis.
Erstellt von Radio Vatikan am 16. Februar 2016 um 19:19 Uhr
Papst Franziskus

Tuxtla Gutierrez (kathnews/RV). Es war ein richtiges Heimspiel für den Papst, ein Termin der freien Rede, der Inspiration und der Begeisterung: Am Montagnachmittag hat Franziskus mexikanische Familien getroffen. 50.000 Menschen waren in Tuxtla Gutierrez im südlichen mexikanischen Bundesstaat Chiapas in ein Baseball-Stadion gekommen, um den Papst zu sehen, zu hören und gewissermaßen auch zu spüren. Franziskus ermutigte die Familien, auch in schwierigen Lebenslagen voranzugehen, sich nicht in sich selbst zu verschließen und keinen zerstörerischen, aus dem reichen Westen importierten Lebensmodellen anzuhängen.

„Schwung“, das war das zentrale Wort, das Franziskus den Familien mitgeben wollte. Zunächst hörten der Papst und alle Anwesenden, wie bei solchen katholischen Familientreffen üblich, Zeugnisse, also die Erzählungen einzelner ausgewählter Gläubiger aus ihrem Leben. Geschiedene Katholiken trugen ihre Geschichte vor, eine alleinerziehende Mutter und ein junger Mann mit Behinderung. Schwung, das ist das, was Gott mit uns vorhat, sagte Franziskus – beginnend mit Adam und Eva. „Als an jenem Abend im Garten von Eden alles verloren schien, brachte Gott das junge Paar in Schwung und sagte ihnen, dass nicht alles verloren sei.“ Ähnlich habe Gott sein Volk Israel in der Wüste in Schwung gebracht und später der Menschheit seinen Sohn geschenkt und der Welt damit neue Kraft verliehen. Warum? „Weil er nicht anders kann.“ Und Franziskus sprach von der Dynamik Gottes, die Herzen, Verstand und Hände der Menschen öffnet und neue Horizonte aufzeigt. Mit dieser Dynamik sei Jesus dazu imstande, „uns immer wieder einzuladen, siebzigmal siebenmal neu zu beginnen“.

Eindringlich warnte der Papst davor, sich abzukapseln. Gewiss, der Mangel am Nötigsten und die Unsicherheit, gerade auch wenn Kinder zu versorgen sind, könne schon zu Verzweiflung führen, räumte Franziskus ein. Isolierung aber sei genau das Gegenteil von Schwung: „Diese Haltung zerfrisst unsere Seele wie eine Motte.“ Zwei Wege aus dieser Versuchung zeigte der Papst auf, der eine gesellschaftlich, der andere privat: erstens gute Gesetze, die jedem Menschen Bildung, würdige Arbeit und das nötigste zum Leben garantieren. Zweitens persönliches Engagement für andere.

Mit deutlichen Worten warnte der Papst die mexikanischen Familien davor, sich in ihrer Suche nach einem besseren Leben von gewissen Gepflogenheiten in säkularisierten reichen Gesellschaften benebeln zu lassen: „Sie behaupten, sie seien freie, demokratische und souveräne Gesellschaften – und sie injizieren ihre Auffassung in unsere Gesellschaften, sie betreiben ideologischen Kolonialismus und zerstören unsere Gesellschaften, und am Ende sind wir Kolonien von zerstörerischen Ideologien in Sachen Familie“, so Franziskus. Namentlich wandte er sich gegen freiwillige Kinderlosigkeit aus Bequemlichkeit: „Wie steht’s mit Kindern? Naja, wir haben keine, wir fahren lieber in Urlaub und wollen uns ein schönes Haus auf dem Land kaufen. Und die Kinder?“ da sei ihm doch, fuhr der Papst fort, „eine verwundete Familie, die ein ums andere Mal versucht, wieder neu zu beginnen, lieber als eine narzisstische und auf Luxus und Komfort vergessene Gesellschaft. Mir ist eine Familie mit einem von der Hingabe ermüdeten Gesicht lieber als geschminkte Gesichter, die nichts wissen von Zärtlichkeit und Mitgefühl.“

Und ein gelöster und glücklicher Papst herzte und umarmte ein einfaches mexikanisches Ehepaar, das gerade sein 40. Ehejubiläum feierte. „Immer vergeben“, riet er den Familien. „Aber Pater, in einer guten Ehe wird doch nie gestritten. Lüge! Es kann auch einmal ein Teller fliegen. Wichtig ist, dass ihr euch vor dem Schlafgengehen versöhnt. Wenn man mit Streit einschläft, wacht man im kalten Krieg auf. Und der kalte Krieg ist gefährlich für die Familie.“

In gemeinsamer Anstrengung hoben Familien von unten und die Sicherheitsleute des Papstes von oben ein Kind im Rollstuhl hoch auf die Papst-Tribüne. Ein kleines Mädchen in rotem Kleid und roten Schuhen schwindelte sich durch die Absperrung und lief zum Papst, der sich die Kleine auf den Schoß setzte und mit ihr plauderte und scherzte, während ein Chor ein Lied über die Liebe intonierte. „Ich möchte gerne, dass die Liebe, die ich hier heute fühle, in alle Winkel der Welt strömt“, warf der Papst hochgestimmt ins Rund des Stadions. Die 50.000 Menschen aus ganz Chiapas und darüber hinaus feierten ein außergewöhnliches Glaubenserlebnis.

Franziskus brachte den ganzen Montag in Mexikos südlichstem und ärmstem Bundesstaat zu. Am Vormittag hatte er mit Indigenen eine Messe in San Cristobal de las Casas gefeiert.

Foto: Papst Franziskus – Bildquelle: Kathnews