Lumen gentium, Artikel 16

Zuordnung auch der Nichtchristen zum Volk Gottes, der Kirche.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 26. Juli 2014 um 10:48 Uhr
Papst Pius XII., Krönung

Einleitung von Gero P. Weishaupt.

Handelte Artikel 15 von der Zuordnung der nichtkatholischen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zur wahren Kirche Christi, die in der Katholischen Kirche voll verwirklicht ist, so nimmt Artikel 16 Nichtchristen und Nichtglaubende und ihre Beziehung zum Volk Gottes in den Blick. Da Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist und objektiv alle Menschen erlöst hat, beruft und lenkt er alle zu seiner Kirche: Juden, Moslems, aber auch, „die im  Schatten und in Bildern den unbekannten Gott suchen“ und all jene, die „noch nicht zur ausdrücklichen Anerkennung Gottes gekommen sind, jedoch, nicht ohne die göttliche Gnade, ein rechtes Leben zu führen sich bemühen“. Mit Bezug auf das Lehramt Papst Pius XII. lehren die Konzilsväter hoheitlich authentisch, dass derjenige, „der das Evangelium Christi und seine Kirche ohne Schuld nicht kennt, Gott aber aus ehrlichem Herzen sucht, seinen im Anruf des Gewissens erkannten Willen unter dem Einfluß der Gnade in der Tat zu erfüllen trachtet … das ewige Heil erlangen“ kann.

Anerkennung des Guten und Wahren in den nichtchristlichen Religionen

Die Konzilsväter wenden in Lumen gentium, Artikel 16, den Blick von innen nach außen: von der Fülle der Verwirklichung der Kirche Christi, d.h. der Römisch Katholischen Kirche, von der größeren Nähe zu ihr zu größerer Ferne von ihr. Daraus folgt eine Abstufung der Zuordnung zur wahren Kirche Christi: Die Juden sind dem Volk Gottes am nächsten, was auch in Nostra aetate, der Erklärung des Konzils über das Verhältnis der Katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, nochmal wiederholt wird (Nostra aetate, Artikel 4). Aber auch von den von Christus und seiner Kirche Entferntesten wird gesagt, dass bei ihnen Gutes und Wahres anzutreffen sind, so dass das Konzil mit Thomas von Aquin, auf den der Konzilstext in einer Fußnote hinweist (Summa Theol., II, q. 8, a. 3, ad. 1), bei allen Nichtchristen je nach ihrer Nähe zum Volk Gottes, zur Kirche, die in der Katholischen Kirche in ihrer Fülle subsistiert (vgl. Lumen gentium, Artikel 8), eine Offenheit, eine Hinordnung, eine Disposition auf das Heil in Christus verwirklicht ist. In der zitierten Stelle des heiligen Thomas von Aquin heißt es dazu, dass die Ungläubigen zwar der Wirklichkeit nach (actu) nicht der Kirche zugehören, wohl aber der Möglichkeit nach (potentia) (der heilige Thomas im Original: „[I]lli qui sunt infideles, etsi actu non sint de Ecclesia, sunt tamen in potentia.“).

Praeparatio evangelica – Vorbereitung für die Frohbotschaft

Durch das Wahre und Gute, das in allen Religionen in gestufter Weise zu finden ist, gibt es bereits Anknüpfungspunkte für die Verkündigung des Evangeliums, für die Mission der Kirche. Das ist gemeint, wenn die Konzilsväter mit Eusebius von Caesarea von einer praeparatio evangelica, einer „Vorbereitung für die Frohbotschaft“ sprechen, einem Ausdruck, der sich auch – teilweise mit anderen Umschreibungen – bei anderen Kirchenvätern wie Justin, Tertullian, Origines, Laktanz, Augustinus, Irenäus von Lyon oder Gregor von Nazianz findet.

Ehre Gottes und Heil der Mensch als Ziele der Mission

Gleich dem Apostel Paulus auf dem Areopag in Athen (Apg 17) möchte das Konzil das Gute und Wahre in den nichtchristlichen Religionen anerkennen, weil diese Elemente des Guten und Wahren die Verkündigung des Evangeliums vorbereiten. Das Gute und Wahre, das es außerhalb der Kirche gibt, wird zum Ausgangspunkte für die missio ad gentes, die Sendung der Kirche zu den Völkern. Mit ihrer Mission verfolgt die Kirche nach den Worten der Konstitution Lumen gentium zwei Ziele: die Ehre Gottes und die Förderung des Heils all dieser an Christus noch nicht Glaubenden (wörtlich: ad gloriam Dei et salutem istorum omnium promovendam), „eingedenk des Befehls des Herrn, der gesagt hat: ‚Predigt das Evangelium der ganzen Schöpfung´ (Mt 16, 16)“.

Kontinuität des Zweiten Vatikanischen Konzils mit der Tradition

Durch die Hinweise auf Vertreter der Patristik, der Scholastik und des päpstlichen Lehramtes zeigen die Konzilsväter, dass sie mit der Lehre sowohl von der Hin- und Zuordnung der Nichtchristen auf Christus und durch und in ihm auf das Volk Gottes, die Kirche, (Thomas von Aquin) als auch mit der Lehre von der „Vorbereitung für das Evangelium“ (praeparatio evangelica) aufgrund des Wahren und Guten bei den Nichtchristen und Ungläubigen (Eusebius und andere) nichts Neues verkünden, sondern sich in Einheit wissen mit der Tradition der Kirche.

Lumen gentium, Artikel 16

Diejenigen endlich, die das Evangelium noch nicht empfangen haben, sind auf das Gottesvolk auf verschiedene Weise hingeordnet. In erster Linie jenes Volk, dem der Bund und die Verheißungen gegeben worden sind und aus dem Christus dem Fleische nach geboren ist (vgl. Röm 9,4-5), dieses seiner Erwählung nach um der Väter willen so teure Volk: die Gaben und Berufung Gottes nämlich sind ohne Reue (vgl. Röm 11,28-29). Der Heilswille umfaßt aber auch die, welche den Schöpfer anerkennen, unter ihnen besonders die Muslim, die sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird. Aber auch den anderen, die in Schatten und Bildern den unbekannten Gott suchen, auch solchen ist Gott nicht ferne, da er allen Leben und Atem und alles gibt (vgl. Apg 17,25-28) und als Erlöser will, daß alle Menschen gerettet werden (vgl. 1 Tim 2,4). Wer nämlich das Evangelium Christi und seine Kirche ohne Schuld nicht kennt, Gott aber aus ehrlichem Herzen sucht, seinen im Anruf des Gewissens erkannten Willen unter dem Einfluß der Gnade in der Tat zu erfüllen trachtet, kann das ewige Heil erlangen. Die göttliche Vorsehung verweigert auch denen das zum Heil Notwendige nicht, die ohne Schuld noch nicht zur ausdrücklichen Anerkennung Gottes gekommen sind, jedoch, nicht ohne die göttliche Gnade, ein rechtes Leben zu führen sich bemühen. Was sich nämlich an Gutem und Wahrem bei ihnen findet, wird von der Kirche als Vorbereitung für die Frohbotschaft und als Gabe dessen geschätzt, der jeden Menschen erleuchtet, damit er schließlich das Leben habe. Vom Bösen getäuscht, wurden freilich die Menschen oft eitel in ihren Gedanken, vertauschten die Wahrheit Gottes mit der Lüge und dienten der Schöpfung mehr als dem Schöpfer (vgl. Röm 1,21.25) oder sind, ohne Gott in dieser Welt lebend und sterbend, der äußersten Verzweiflung ausgesetzt. Daher ist die Kirche eifrig bestrebt, zur Ehre Gottes und zum Nutzen des Heils all dieser Menschen die Missionen zu fördern, eingedenk des Befehls des Herrn, der gesagt hat: „Predigt das Evangelium der ganzen Schöpfung“ (Mk 16,15).

Foto: Pius XII., Krönung – Bildquelle: Entheta/Wikipedia