Kommunionstreit geht weiter

Paderborner Erzbischof will evangelische Partner in Ausnahmefällen zur Kommunion zulassen. Kathnews-Chefredakteur Andreas Gehrmann stellt dem Kirchenrechtler Dr. Gero P. Weishaupt einige Fragen zum aktuellen Kommunionstreit.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 2. Juli 2018 um 14:20 Uhr
Kelch

Der Kommunionstreit ist nach der Erklärung des Ständigen Rates der Deutschen Bischofskonferenz noch nicht beendet. Papst Franziskus nannte die pastorale Handreichung, die nun als „Orientierungshilfe“ von der DBK an die Bischöfe ergangen ist, „unreif zur Veröffentlichung“. Trotzdem setzt ein Bischof bereits die Orientierungshilfe in seiner Diözese um. Andreas Gehrmann, Chefredakteur von Kathnews, interviewte den Kirchenrechtler und Mitarbeiter von Kathnews, Dr. Gero P. Weishaupt.

Kathnews: Hw. Dr. Weishaupt, Sie haben sich schon mehrmals zum Kommunionstreit der deutschen Bischöfe hier bei Kathnews geäußert. Was sagen Sie dazu, dass der Paderborner Erzbischof Becker laut Medienberichten eine „Einordnung vorgetragen und Erwartung formuliert“ hat, „dass sich alle Seelsorger im Erzbistum Paderborn mit der Orientierungshilfe intensiv vertraut machen und entsprechend seelsorglich verantwortbar handeln“. Handelt ein Priester ungehorsam, wenn er trotz Weisung seines Bischofs anders handelt?

Weishaupt: Zunächst muss ich sagen, dass mich die Maßnahme des Erzbischofs von Paderbron sehr überrascht hat, weil der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz vorab in seiner Erklärung zur „Orientierungshilfe“ für die Bischöfe in Sachen Zulassung evangelischer Partner einer konfessionverschiedenen Ehe zur heiligen Kommunion zunächst noch gar kein grünes Licht für deren Umsetzung gegeben hatte. Denn wir warten auf die Antwort aus Rom auf die Frage, was denn nun mit der „schweren Notlage“, von der can. 844 § 4 spricht, gemeint ist. Fest steht: Die kanonistische Wissenschaft lehrt in Bezug auf die Interpretation der „schweren Notlage“, dass damit keine konfessionverschiedene Ehe gemeint ist, bisherige diesbezügliche Aussagen des päpstlichen Lehramtes haben eine konfessionsverschiedene Ehe als „schwere Notlage“ ausgeschlossen und entsprechend haben bereits bestehende Ausführungsbestimmungen oder Dekrete anderer Bischofskonfrenzen zu can. 844 § 4 keinerlei Hinweise auf eine „konfessionverschiedene Ehe“ erkennen lassen, die eine solche schwere Notlage begründen würde.

Insofern glaube ich nicht, dass die nun zu erwartende Antwort aus Rom hier eine andere Deutung geben wird. Diese Antwort gilt es abzuwarten. Darauf hat auch noch der Regensburger Bischof Voderholzer in einem Interview der „Tagespost“ letzte Woche hingewiesen. Aus diesem Grunde schon kann de Orientierunghilfe jetzt noch gar nicht umgesetzt werden. Die Anweisung des Paderborner Erzbischofs entbehrt daher einer Autorisierung durch Rom. Außerdem hat Papst Franziskus selber gesagt, dass die pastorale Handreichung bzw. die Orientierungshilfe „nicht reif“ sei. Etwas, was noch unreif ist, ja theologisch und kirchenrechtlich höchst umstritten, kann niemals Grundlage für eine Orientierungshilfe sein. Wenn die pastorale Handreichung bzw. die Orientierungshilfe nicht reif zur Veröffentlichung ist, dann ist es mir völlig unerklärlich, wie Kardinal Marx und nun Erzbischof Becker auf deren Umsetzung geradezu hindrängen. Was soll das? Was bezwecken sie damit? Damit ist doch Chaos in der Kirche vorprogrammiert. Einem Vorpreschen in der Ökumene hat der Papst eine Absage erteilt. Auch in Bezug auf die anderen Bischöfe, die auf die Stellungsnahme aus Rom warten, finde ich die überstürzte Maßnahme des Paderborner Oberhirten alles andere als vernünftig. Sie ist pastoral unklug.

Es gilt daher für alle – Bischöfe und Priester – die authentische Interpretation aus Rom erst einmal abzuwarten. Wenn diese eine konfessionsverschiedene Ehe weiterhin wie bisher nicht als „schwere Notlage“ ansieht, dann ist die Orientierungshilfe der Deutschen Bischofskonferenz mit der Vorgabe, im Einzelfall doch die Kommunion su spenden, hinfällig. Sie müsste im Hinblick auf die authentische Interpretation aus Rom neu formuliert werden.

Kathnews: Wie sieht es mit den Laien aus, die als Kommunionhelfer die hl. Kommunion spenden? Sind diese dazu verpflichtet die Weisung ihres Bischofs umzusetzen?

Weishaupt: Gesetzt den Fall, dass die römische Antwort auch eine konfessionverschieden Ehe als „schwere Notlage“ deutet – was nicht zu erwarten ist -, dann wären die Kommunionhelfer wie die Priester daran gebunden. Allerdings ginge es ja um Einzelfälle, also um Ausnahmen. Dieser muss immer ein seelsorgliches Gespäch mit dem evangelischen Partner vorangehen, um festzustellen, ob tatsächlich ein „geistliches Bedürfnis“ vorliegt. Dieses seelsorgliche Gespräch hat der Pfarrer vor Ort zu führen. Wenn er der Überzeugung ist, dass der evangelische Partner in einer geistlichen Not verkehrt, kann er dem Kommunionhelfer entsprechende Weisung erteilen. Da es sich bei der „Orientierunghilfe“ aber nicht um ein Gesetz handelt, sondern um Hinweise und Hilfen für die Seelsorger, ist niemand daran gebunden – auch nicht ein Kommunionhelfer –, wenn er im Gewissen davon überzeugt ist, dass einem evangelischen Partner die heilige Kommunion nicht gespendet werden darf.

Kathnews: Kann man sagen, dass hiermit die Spaltung der Katholischen Kirche in Deutschland öffentlich vollzogen ist?

Weishaupt: Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller, dem ich anonsten sehr kritisch gegenüberstehe, hat im Zusammenhang mit der „Orientierungshilfe“ etwas Richtiges erkannt: Er warnte in der „Frankfurter Rundschau“ von einem „pastoralen Flickenteppich“. Für die Liberalen bleibe nun viel Spielraum, andere werden die bisherige Praxis beibehalten. Schon wegen der unterschiedlichen Praxis der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene sprachen hohe Kirchenvertreter von einem „Schisma“. Es ist doch absurd, dass in Polen wiederverheiratete Geschiedene nicht zur Kommunion zugelassen werden, weil die polnischen Bischöfe „Amoris laetitia“ im Licht des bisherigen Lehramtes interpretieren, während das in Deutschland anders gesehen wird und daher wiederverheiratete Geschiedene in Einzelfällen zur Kommunion zugelassen werden können. Man übersieht jedoch: Die Sakramentendisziplin kann nicht von der Glaubenslehre getrennt werden. Die unterschiedlichen Praktiken haben das Potenzial zu einer Kirchenspaltung, latent ist das Schisma schon lange Realität.

Kathnews: Wird durch die sogenannte Orientierungshilfe der Sinn und die Notwendigkeit des Bußsakramentes ausgehebelt?

Weishaupt: Das Kirchenrecht fordert von den Christen, die nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen, dass sie, „(w)enn Todesgefahr besteht oder wenn nach dem Urteil des Diözesanbischofs beziehungweise der Bischofskonferenz eine andere schwere Notalge dazu drängt“, die heilige Kommunion empfangen können, „sofern sie bezüglich dieser Sakramente (Buße, Krankensalbung, Eucharistie) den katholischen Glauben bekunden und in rechter Weise disponiert sind“. Disponiert sind sie diese nichtkatholischen Christen u.a., wenn sie sich keiner schweren Sünde bewußt sind. Hier gelten dieselben Voraussetzungen für den Kommunionempfang, wie sie can. 916 für alle Katholiken verlangt: „Wer sich einer schweren Sünde bewusst ist, darf ohne vorherige sakramentale Beichte die Messe nicht feiern und nicht den Leib des Herrn empfangen …“. Bei der Vorbereitung auf den Empfang der heiligen Kommunion ist es Aufgabe des Seelsorger, darauf zu achten, dass der evangelische Christ entsprechend disponiert ist. Ist er sich einer schweren Sünde bewußt, muss er vorher beichten.

Man erkennt schon leicht hieran, wie absurd das Ganze im Grunde ist. Wenn ein Protestant in einer konfessionsverschiedenen Ehe ein „geistliches Bedürfnis“ nach der heiligen Euchristie verspürt, dann sollte die Seelsorge auf die Konversion dieses evangelischen Christen zur Katholischen Kirche hinarbeiten. Wenn das Herz „brennt“ nach der Wahrheit und der Fülle des Glaubens, dann sollten die Seelsorger den Betreffenden nicht da stehen lassen, wo er steht, sondern ihn abholen und hinführen und begleiten zur Fülle des Glaubens, zur Fülle des Kircheseins, und das heißt hinführen zur Katholischen Kirche. Das ist die einzig richtige pastorale Haltung in diesem Fall.

Kathnews: Was meint der Gesetzgeber eigentlich mit einer „Notlage“?

Weishaupt: Nach der herkömmlichen Lehre, gestützt auf Aussagen des päpstlichen Lehramtes, meint der Gesetzgeber damit objektive Umstände wie Naturkatastrophen, Kriege, Verfolgungen, Gefangenschaft. So deuten auch die „schwere Notlage“ die anderen Bischofskonferenzen in der Welt. Eine konfessionsverschiedene Ehe fällt nicht darunter. Das wäre ja auch wieder absurd. Denn wenn die Kirche einerseits eine solche Ehe erlaubt, dann kann sie sie nicht gleichzeitig zu einer Notlage erklären.

Kathnews: Müsste die Ökumene an sich nicht komplett als Notlage betrachtet werden?

Weishaupt:Absolut nicht. Ökumene ist keine Notlage, Ökumene ist notwendig. Die Spaltung der Christen ist ein Skandal und ein schweres Hindernis für die Verkündigung des Evangeliums. In der Ökumene geht es darum, diese unsägliche Spaltung zu überwinden. Ziel der Ökumene ist nach den unzweideutigen Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils die völlige Eingliederung der nicht katholischen Christen in die Katholische Kirche. Ich zitiere das Ökumenisdekret „Unitatis redintegratio“ hier:

Dennoch erfreuen sich die von uns getrennten Brüder, sowohl als einzelne wie auch als Gemeinschaften und Kirchen betrachtet, nicht jener Einheit, die Jesus Christus all denen schenken wollte, die er zu einem Leibe und zur Neuheit des Lebens wiedergeboren und lebendig gemacht hat, jener Einheit, die die Heilige Schrift und die verehrungswürdige Tradition der Kirche bekennt. Denn nur durch die katholische Kirche Christi, die das allgemeine Hilfsmittel des Heiles ist, kann man Zutritt zu der ganzen Fülle der Heilsmittel haben. Denn einzig dem Apostelkollegium, an dessen Spitze Petrus steht, hat der Herr, so glauben wir, alle Güter des Neuen Bundes anvertraut, um den einen Leib Christi auf Erden zu konstituieren, welchem alle völlig eingegliedert werden müssen, die schon auf irgendeine Weise zum Volke Gottes gehören.“ (UR, Art. 3).  

Wenn die völlige Eingliederung der evangelischen Christen vollzogen ist, dann ist auch der Empfang der heiligen Kommunion möglich. Denn Eucharistiegemeinschaft setzt Kirchengemeinschaft voraus.

Kathnews: Ist der Schaden für die Ökumene insgesamt nicht größer als der Nutzen? Wird das Verhältnis der Katholischen Kirche zur Orthodoxie durch die Orientierungshilfe nicht sogar beschädigt werden?

Weishaupt: Der Grundsatz: „Eucharistiegemeinschaft setzt Kirchengemeinschaft voraus“ ist gerade auch ein theologisches Kernanliegen der Orthodoxie, das heißt der Ostkirchen. Der griechisch-orthodoxe Metropolit Auguostinos sagte noch auf dem Katholikentag in Münster vor wenigen Wochen, zwar wollten alle Christen Ökumene, doch müsse man vor der Hut sein, neue Spaltungen zu verursachen. „Wir müssen alle aufpassen“ warnte er. „Es kann sein, dass man in der Absicht, zu einigen, Schismen bewirkt“. Darum müssten die Christen in Deutschland die Fragen zum Abendmahl, zur Kommunion und des davon nicht zu trennenden Kirchenverständnisses „sauber klären“. Die Eucharistiegemeinschaft setze notwendig die Kirchengemeinschaft voraus. Einer „Ökumene von unten“ erteilte der orthodoxe Metropolit eine deutliche Absage. „Wenn die Gläubigen die Einheit ohne Theologen und Bischöfe `machen‘ wollten, ‚wäre das für mich eine Katastrophe‘.

Ich möchte nicht sagen, dass das Verhältnis der Katholischen Kirche zur Orthodoxie durch die Orientierungshilfe beschädigt wird, aber es kann die Beziehung mit den orthodoxen Christen belasten.

Kathnews: Wie gestaltet man die Kommunion bei einer konfessionsverschiedenen Trauung?

Weishaupt: Bei einer konfessionsverschiedenen Trauung gilt grundsätzlich, dass die Feier nicht in einer Messe gefeiert wird, sondern in einem Wortgottesdienst ohne Kommunionspendung. Wenn der katholische Partner praktizierend ist und aus tiefer Übezeugung eine heilige Messe möchte, dann ist das möglich, allerdings muss deutlich sein, dass der evangelische Partner und dessen Familie nicht zur heiligen Kommunion gehen können. Der evangelische Partner und alle anderen evangelischen Christen können ein Kreuzzeichen auf die Stirn erhalten. So tue ich es selber, wenn ich in einer konfessionsverschiedene Ehe als Priester assistiere, und so lehre ich es meinen Studenten im Fach Kirchenrecht. Und ich habe nicht vor, in Zukunft daran etwas zu ändern.

Danke für dieses Interview.

Andreas Gehrmann, Chefredakteur

Foto: Kelch – Bildquelle: C. Steindorf, kathnews