Kirchliche Dokumente: Es geht um die Stellung des Altares, nicht um die Zelebration zum Volk hin

Für den normalen Kirchenbesucher wird – irrtümlicherweise – die Zelebration der Messe zum Volk hin „als das greifbarste Ergebnis der Liturgiereform des II. Vatikanischen Konzils“ (J. Ratzinger) wahrgenommen. „Reform der Reform“ oder: Die Bereicherung der sogenannten ordentlichen Form des Römischen Ritus durch die klassische Form des Römischen Ritus. 4. Teil: Die Zelebration versus Orientem. Die Rechtslage (aus: Gero P. Weishaupt, „Päpstliche Weichenstellungen“, 159-161.)
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 6. August 2016 um 10:46 Uhr
Alte Messe in St. Leonhard, Leonberg i.d. Oberpfalz

Einleitung von Gero P. Weishaupt:

Die Aufregung war groß vor einigen Wochen, als Kardinal Sarah, der Präfekt der Gottesdienstkongregation, anlässlich einer liturgischen Tagung in London den Priestern empfahl, unter Berücksichtigung der pastoralen Klugheit ab dem kommenden 1. Adventssonntag dieses Jahres die heilige Messe „zum Herrn hin“ (zum Osten, ad Deum/versus orientem) zu zelebrieren. Man wundert sich darüber, denn der Kardinal bezog sich auf geltende Rechtsnormen. Auch Papst Franziskus wies in seiner erläuternden Erklärung zu der Empfehlung von Kardinal Sarah auf diese geltenden Normen hin und erinnerte daran, dass es dabei nicht um die Zelebration der klassischen Form geht, sondern um die sogenannte ordentliche Form des Römischen Ritus. Für die klassische Form sind die Rechtsnormen des von Papst Benedikt XVI. am 7. Juli 2007 erlassenen Motu Proprio „Summorum Pontificum“ maßgebend. In Rom wollte man offensichtlich dem Missveständnis entgegentreten, als ob Kardinal Sarah die Priester zur klassischen Form der Zelebration ermutigte. Doch dies war keineswegs die Absicht des Präfekten. Ihm ging es um eine Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils und geltender liturgischer Rechtsnormen. Eine Analyse dieser aktuellen Rechtsnormen habe ich in meinem Buch „Päpstliche Weichenstellungen“ vorgenommen. Darin komme ich zu dem Ergebnis: Die Zelebration „zum Herrn“ (ad orientem) ist geltendes Recht. Darum kann kein Bischof – aus rechtlichen Gründen – einem Priester diese Zelebration nach dem Missale von Papst Paul VI. verbieten. Es kommt dem Amtspfarrer vor Ort zu, unter Abwägung pastoraler Kriterien die Empfehlung von Kardinal Sarah umzusetzen.

Meine Analyse der einschlägigen Texte (in: „Päpstliche Weichenstellungen“ 161-166)

Joseph Ratzinger macht darauf aufmerksam, dass die Wendung der Altäre zum Volk hin und die Zelebration der Messe, bei der der Priester zum Volk hin steht, neben der Volkssprache „für den normalen Kirchenbesucher als die greifbarsten Ergebnisse der Liturgiereform des II. Vatikanischen Konzils“ wahrgenommen werden, und er fügt hinzu:

Wer die Texte des Konzils selber liest, wird im Erstaunen feststellen, daß weder das eine noch das andere in dieser Form in den Konzilsbeschlüssen zu finden ist“ (in: U. M. Lang, Conversi ad Dominum, 7.).

Was für den Erhalt der lateinischen Sprache gilt, trifft auch auf die Zelebration zum Osten (versus Orientem) zu: Die Konzilsväter wollten von dieser Praxis nicht abweichen. Darum sagt und verfügt die Liturgiekonstitution hierüber nichts.

Es geht um die Trennung von der Altarwand, nicht um die Zelebration zum Volk hin

Das erste nichtkonziliare Dokument, das die Zelebration zum Volk hin indirekt – gleichsam nebenbei in einem Nebensatz – erwähnt, ist die Instruktion Inter Oecumenici vom 26. September 1964. Eine näher Textanalyse des betreffenden Statzes in der Instruktion zeigt allerdings, dass diese Zelebrationsweise nicht als eine Verpflichtung verstanden werden sollte und durfte und primär auch nicht als eine Möglichkeit, sondern zu allererst als eine Folge der Möglichkeit zur erwägenden Trennung des Altares von der Rückwand. Es geht der römischen Instruktion um die Möglichkeit der Trennung des Altares von der Rückwand, nicht um die Zelebrationsrichtung. Indirekt ergäbe sich aus der Trennung des Altares von der Altarwand zusätzlich die Möglichkeit der Zelebration zum Volk hin. Der maßgebliche Satz der Instruktion lautet in seinem lateinischen Original wie folgt:

Praestat ut altare maius extruatur a pariete seiunctum, ut facile circumiri et in eo celebratio versus populum peragi possit; …“ (Inter Oecumenici, Instructio, „ad executionem Constitutionis de sacra Liturgia recte ordinandam“ in: Enchiridion Documentorum Instaurationis I, 50-78.).

Es ist besser, dass der Hauptaltar von der Rückwand getrennt errichtet wird, so dass man ihn leichter umschreiten und auf ihm die Feier zum Volk hin erfolgen kann; … .

Zunächst darf bei der Interpretation dieses Satzes der Kontext im ganzen des Textes der Instruktion nicht übersehen weden. Inter Oecumenici ist das erste Dokument zur praktischen Ausführung der Liturgiekonstiuttion Sacrosanctum Concilium des Zweiten Vatikansichen Konzils. Die Instruktion ist in fünf Kapitel eingeteilt, denen ein längeres Vorwort (Proömium) über grundsätzliche Fragen, die die Natur und die Anwendung der Instruktion betreffen. Für die Eucharistiefeier ist das zweite Kapteil „De sacrosancto eucharitiae mysterio“ einschlägig. Dort werden einige Änderungen im Ordo Missae des lateinischen Ritus näher ausgeführt, wie sie die Liturgiekonstiution Sacrosanctum Concilium bestimmt hat.

Es fällt nun auf, dass der Wunsch (!!!), den Altar von der Rückwand zu trennen, sich nicht in diesem Kapitel befindert, sondern im fünften Kapitel über den Bau von Kirchen und die Errichtung von Altären im Hinblick auf die vom Zweiten Vatikanischen Konzil gewünschte aktive Teilnahme der Gläubigen an den liturgischen Feiern. Der lateinische Titel dieses Kapitels lautet: „De ecclesiis et altaribus debite extruendis ad fidelium actuosam participationem facilius obtinendam“ (Über die angemessene Errichtung von Kirchen[gebäuden] und Altären zur leichteren Verwirklichung der aktiven Teilnahme der Gläubigen). Der besagte Nebensatz über die durch die Trennung des Altares von der Rückwand mögliche Zelebration zum Volk hin hätte redaktionell in das zweite Kapitel über die Weise der Feier des Ordo Missae platziert werden müssen, wenn der Heilige Stuhl mit der Instruktion auf eine Zelebration zum Volk hin abzielen wollte, und nicht im Kontext von Bestimmungen über den kirchlichen Raum und die Architektur. Die Stellung des Satzes im Kontext kirchenbaulicher Maßnahmen ist nicht unerheblich für die Interpretation des Willens des Gesetzgebers. Eine Verpflichtung zur Zelebration zum Volk hin wird in Inter Oecumenici keineswegs ausgesagt.

Eine Relativierung der Aussage von der Zelebration zum Volk hin ergibt sich aber vor allem aus dem Inhalt des Satzes selber. Die Hauptaussage ist nämlich der Vorzug der Trennung des Altares von der Rückwand (a pariete seiunctum). Der folgende Nebensatz: „so dass (ut) man ihn leichter umschreiten und auf ihm die Feier zum Volk hin erfolgen kann“ ist eine Folgesatz – vgl. das „ut-consecutivum“ im lateinischen Original. An dem Satz fällt zweierlei auf:

a)    Es wird primär eine Empfehlung ausgedrückt in Bezug auf die Trennung des Altares von der Rückwand (vgl. im lateinischen Original „praestat“ = es ist besser; es ist wünschenswert).

b)    Es wird nur sekundär von einer Möglichkeit der Zelebration zum Volk hin als Folge der Trennung des Altares von der Rückwand gesprochen (vgl. im lateinischen Original „ut … possit“ = so daß … kann).

Somit ist deutlich, dass die Instruktion Inter Oecumenici die Zelebration zum Volk hin nicht verpflichtend einführen wollte und die Zelebration zum Osten hin abgeschafft hat. Letztere sollte vielmehr weiterhin die Form der Zelebration sein. Joseph A. Jungmann warnt infolgedessen vor einer flaschen Interpreation der Instruktion:

Es wird die Möglichkeit betont: Uns selbst dafür wird, wenn man den lateinischen Text der Bestimmung nachsieht, nicht einmal eine Vorschrift sondern nur eine Empfehlung gegeben … . Durch die neue Ordnung wird nur gegenüber etwaigen Hemmungen oder lokaler Einschränkungen die allgemeine Erlaubtheit einer solchen Altaranlage betont“ (J. A. Jungman, Der neue Altar, in: Der Seelsorger 37 [1967] 375.).

Was sieht das (nachkonziliare) Missale Pauls VI. vor?

So ist es nur konsequent, dass die Rubriken des Missale Romanum Pauls VI. nicht von der Zelebration zum Volk hin, sondern von der Zelebration versus Orientem (zum Herrn hin) ausgehen, wenn es da heißt, dass der Priester beim Orate, Fratres, bei der Pax Domini, beim Ecce, Agnus Die und beim Ritus conclusionis sich dem Volk zuwendet. Vor der Priesterkommunion heißt es sogar ausdrücklicht „ad altare versus“ (zum Altar gewandt). Diese Hinweise wären überflüssig, wenn die Rubriken des Missale Romanum Pauls VI. die Zelebration versus populum vorsehen würden. Demnach geht auch das nachkonziliare Missale davon aus, dass der Priester die Messe zum Altar hin gewendet und nicht zum Volk hin zelebriert. Die dritte Editio typica des erneuerten Missale Romanum behält diese Rubriken bei.

Was sagen die aktuellen Normen?

Schließlich ist noch in diesem Zusammenhang die Institutio Generalis von 2000 zur dritten Eidio typica des erneuerten Missale Romanum einschlägig. Dort heißt es unter Nr. 299 (auf die auch Papst Franziskus in seiner jüngsten Erklärung wegen möglicher Missverständnisse aufgrund der Londoner Rede von Kardinal Sarah hingeweisen hat):

Altare extruatur a pariete seiunctum, ut facile circumiri et in eo celebratio versus populum peragi possit, quod expedit ubicumque possbile est.“

Der Altar soll von der Rückwand getrennt errichtet werden, so dass man ihn leichter umschreiten und auf ihm die Feier zum Volk hin erfolgen kann, was nützlich ist, wo immer es möglich ist.“

In Ergänzung zur Instruktion Inter Oecumenici von 1964 verdeutlich die Institutio Generalis von 2000, dass die von der Rückwand getrennte Stellung des Altares nützlich und förderlich (expedit) ist. Der Relativsatz „quod expedit ubicumque possibile est“ erlaubt grammatisch-syntaktisch sowohl eine Bezug auf den unmittelbar vorausgehednen konsekutivischen Gliedsatz „ut facile circumiri et in eo celebratio versus populum peragi possit“ als auch auf den Hauptsatz „Altare extruatur a pariete seiunctum“.

Antwort der Kongregation für den Gottesdienst und die Disziplin der Sakramente

In einer Antwort der Kongregation für den Gottesdienst und die Disziplin der Sakramente vom 25. September 2000 (Congregatio pro Cultu Divino et Disciplina Sacramentorum, „Responsum Congregtionis die 25 septembris 2000“, Prot. No. 2036/00L, in: Comunicationes 2000, 171.) wird der Relativsatz jedoch nur auf die Aussage im Hauptsatz bezogen. Das heißt folglich: Der Nutzen (expedit) bezieht sich auf die Stellung des Altares (Aussage des Hauptsatzes), nicht auf die Zelebationsrichtung (Aussage des Gliedsatzes). Von der wird lediglich gesagt, dass sie durch die Trennung des Altares von der Rückwand möglich wird (peragi possit). Auch hier ist also keine Foderung der Zelebration zum Volk hin ausgedrückt.

Das aber heißt auch: Es gibt sogar keine Verpflichung, den Altar von der Rückwand zu trennen, geschweige denn eine Zelebration versus populum. Das wird in der Antwort der Kongregation für den Gotesdienst und die Sakramente vom 25. September 2000 noch einmal unterstrichen:

Zunächst muss berücksichtigt werden, dass das Wort expedit keine Verpflichtung darstellt, sondern einen Vorschlag bezüglich der Anlage einer freistehenden (a pariete seiunctum) Altars und der Zelebration zum Volk hin (versus populum).“

Danach erläuter die Kongregation weiter:

Der Satz ubi(cumque) possibile sit bezieht sich auf verschiedene Aspekte, z. B. die räumliche Anlage, den verfügbaren Platz, den künsterlischen Wert des besonderen Altares, dass Empfindungsvermögen der Gemeinde, die an den liturgischen Feiern in der betreffenden Kirche teilnimmt etc.

Die kirchlichen Dokumente sprechen eine eindeutige Sprache: Rechtlich betrachtet ist die Zelebration versus Orientem die normale und gültige Form der Zelebration, die Zelebration zum Volk hin wird lediglich als Möglichkeit gewertet, die eine Ausnahme bleiben soll. Aus räumlichen oder architektonischen Gründen ist es möglich, den Altar getrennt von der Rückand zu platzieren, was seine Zelebration zum Volk hin ermöglicht. Schon 1993 hatte die Kongregation für den Gottesdienst und die Disziplin der Sakramente erläutert, dass der Ausdruck „zum Volk gerichtet“ keine theologische Bedeutung habe, sondern topographisch zu verstehen ist. „In der Form der Zelebration muss darauf geachtet werden, dass Theologie und Topographie nicht verwechsel twerden, vor allem wenn der Priester am Altar steht. Nur in den Dialogen vom Altar aus spricht der Priester zum Volk. Alles andere ist Gebet zum Vater durch  Christus im Heiligen Geist“ (vgl. Congregatio de Cultu Divino et Disciplina Sacramentorum, „Pregare ‚Ad orientem versus‘, in: Notitiae 29 [1993] 249 [Übersetzung: GPW).

Die Entwicklung nach Vatikanum II

Eine Vorschrift zu dieser Zelebrationsweise (zum Volk) wird in den kirchlichen Dokumenten nirgendwo konstituiert, weder in der Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium noch in den außerkonzliaren Dokumenten des Apostolischen Stuhles, die aus der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil stammen. Die Entwicklung in der liturgischen Praxis nach dem Konzil ging hingegen andere Wege: Vielerots wurden die Altäre von der Wand getrennt oder ein „Volksaltar“ in den Altarraum gesetzt – oft ohne Rücksicht auf die archtektonischen Gegebenheiten und das Empfinden der Gläubigen. Was aber noch eingeifender war: Die Zelebration versus populum wurde – entgegen den Normen – in der Praxis die Regel, die Zelebration versus Deum eine Ausnahme, so dass die Zelebration zum Volk „für den normalen Kirchenbesucher“ – irrtümlicherweise – „als das greifbarste Ergebnis der Liturgiereform des II. Vatikanischen Konzils“ (J. Ratzinger) wahrgenommen wurde. Doch wahr ist: Diese Entwicklung war weder vom Zweiten Vatikanischen Konzil vorgesehen noch konnte sie mit Berufung auf nachkonziliare Dokumente rechtfertigt werden.

(aus: Gero P. Weishaupt, Päpstliche Weichenstellungen. Das Motu Proprio Summorum Pontificum Papst Benedikts XVI. und der Begleitbrief an die Bischöfe. Ein kirchenrechtlicher Kommentar und Überlegungen zu einer „Reform der Reform“, Bonn 2010, 159-161.).

Vorausblick

In der nächsten Folge (immer samstags) wird der theologische und spirituelle Hintergerund der Zelebration „versus orientem“  in der Liturgie gemäß den Vorgaben des Zweiten Vatikanischen Konzils im Rahmen einer „Bereicherung der sogenannten ordentlichen Form des Römischen Ritus durch die klassische Form des Römischen Ritus“ („Reform der Reform“) beleuchtet. Bei der Zelebration „versus orientem“ steht der Priester gemeinsam mit dem Volk „zum Herrn gewandt“  (conversi ad Dominum).

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Foto: Heilige Messe – Bildquelle: Doris Bayer