Kanonisation durch einen schismatischen Papst

Jahrestag der Heiligsprechung Karls des Großen. Interview mit Dr. Gero P. Weishaupt.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 28. Dezember 2016 um 17:11 Uhr
Kaiser Karl der Große

Am 29. Dezember 1165 ließ Friedrich I. Barbarossa sein großes Vorbild Karl den Großen in dessen Aachener Pfalzkirche heiligsprechen. Anlässlich des Jahrestages der Kanonisation des Frankenherrschers stellte Max Peters Hw. Dr. Gero P. Weishaupt, Redaktionsmitglied von Kathnews, Kirchenrechtler und gebürtiger Aachener, einige Fragen.

1. Hochwürden, wie wird eine Heiligsprechung vorbereitet? 

Es beginnt bei den Gläubigen an der „Basis“: Wenn eine Person aufgrund ihres tugendhaften und heiligmäßigen Lebens besonderes Ansehen genießt und über den Tod hinaus verehrt wird, dann kann das ein Zeichen sein, dass Gott dadurch sagen will, dass diese Person heilig ist. Zur Feststellung, ob es sich tatsächlich um einen Heiligen handelt, der öffentlich im Namen der Kirche in der Liturgie verehrt werden darf, muss ein Seligsprechungs- bzw. ein Heiligsprechungsverfahren durchgeführt werden. Was den Grad der Heiligkeit angeht, besteht zwischen einem Seligen und einem Heiligen kein Unterschied.  Sie unterscheiden sich darin, dass die Verehrung eines Seligen auf ein oder mehrere Territorien oder auf einen bestimmten Personenkreis eingeschränkt ist. In dem Fall wird der Kandidat in bestimmten Gebieten oder Ländern kultisch verehrt oder nur bei bestimmte Personen oder Personengruppen genießt er kultische Verehrung. Beispiel: Die Verehrung Karls des Großen gilt nur für bestimmte Städte oder Territorien, die der seligen Franziska von Aachen (Schervier)  in der von ihr gegründeten Ordensgemeinschaft, im Bistum Aachen und umliegenden Bistümern und in einigen Ländern.

Wenn einem Bischof oder einem Ordensinstitut die Verehrung einer Person durch das gläubige Volk bekannt wird, kann ein Selig- oder Heiligsprechungsverfahren angestrengt werden. Dabei wird ein Antrag an den Apostolischen Stuhl gestellt. Der Antragsteller ist der Actor. Wenn der Apostolische Stuhl keine Einwände hat, bestellt der Actor einen Postulator („Forderer“). Dieser muss Informationen über die Person zusammentragen: durch Zeugenvernehmungen, schriftliche Dokumente etc..  Nach der Beweiserhebung schickt der Bischof bzw. der Ordensobere die Prozessakten nach Rom an den Apostolischen Stuhl. Zuständig ist die Kongregation für die Heiligsprechungen.

Der Kongregation prüft die Beweise. Für eine Seligsprechung wird, wenn der Kandidat nicht das Martyrium erlitten hat, ein Wunder gefordert. Für eine Heiligsprechung sind zwei Wunder Voraussetzung.  In der Regel handelt es sich um Heilungswunder.  Wenn die Heilung eines Kranken medizinisch unerklärlich ist, überprüft eine mehrköpfige Theologenkommission, ob es sich tatsächlich um ein Wunder handelt, d.h. ein übernatürliches Eingreifen Gottes.

Nach Bestätigung der Beweise und des Wunders stimmen die Theologen über eine mögliche Selig- bzw. Heiligsprechung ab. Wenn Zweidrittel sich dafür ausgesprochen hat, legen sie ihr Urteil dem Papst vor. Dieser entscheidet schließlich über die Selig- oder Heiligsprechung. Diese findet öffentlich in einer liturgischen Feier statt. Eine Seligsprechung erfolgt in dem Ort, an dem der Kandidat gelebt und gewirkt hat, oder in Rom. Heiligsprechungen werden grundsätzlich in Rom durchgeführt, da der Kandidat für die Weltkirche als Heiliger von Bedeutung ist. Nach der Kanonisation darf der Selig- oder Heiliggesprochene öffentlich kultisch verehrt werden. Die Gläubigen nun nicht mehr für ihn, sondern mit kirchlicher Genehmigung zu ihm. Der Selige bzw. Heilige ist Vorbild und Fürsprecher für die Kirche und wird in eine Liste eingetragen, denn er gilt als Norm und Maßstab für ein heiligmäßiges Leben. Darum spricht man auch von einer Kanonisation (canon = Griechisch für Norm, Maßstab). Eine Selig- und Heiligprechung wird daher auch Kanonisation genannt.

2. Die Kirche befand sich zum Zeitpunkt der Heiligsprechung Karls des Großen in einem Schisma. Karl wurde auf Veranlassung eines Gegenpapstes kanonisiert. Wie verlief die Heiligsprechung in der Zeit des Schismas ?

Ja, es war der schismatische Papst Paschalis III., der den Auftrag zur Heiligsprechung erteilt hatte. Davon berichtet Friedrich I. in einer als „Barbarossa-Urkunde“ in die Geschichte eingegangenes Dokument von 1165: „Bestimmt durch die ruhmreichen Taten und Verdienste des allerheiligsten Kaisers Karl haben wir auf inständiges Bitten unseres lieben Freundes, des Königs Heinrich von England, und mit Zustimmung und kraft der Autorität des Papstes Paschalis die Auffindung, Erhebung und Heiligsprechung von Karls Gebeinen vorgenommen“  (Kerner, Karl der Große. Leben und Mythos, Köln 2000, 105).

Mit der Kanonisation Karls des Großen beauftragt waren der Erzbischof von Köln, Rainald von Dassel, und der Bischof von Lüttich, Alexander, in dessen Diözese damals Aachen lag (Lüttich war ein Suffragenbistum des Erzbistums Köln, Aachen selber avancierte erst unter Napoleon Bonaparte für 19 Jahre – von 1802 bis 1821 – zu einem selbständigen Bistum, und erst seit 1930 besteht das heutige Bistum Aachen). Durch das Kommissionsdekret Papst Paschalis´ III., mit dem er Friedrich I. bzw. seinem Kanzler und dem Bischof von Lüttich den Auftrag (Lat.: commissio) zur Kanonistion erteilt hatte, war die Heiligsprechung  zwar formgerecht, weil sie den damals geltenden kirchenrechtlichen Bestimmungen bei Kanonisationsakten entsprach, doch handelte es bei der Kommission zur Kanonisation um einen ungültigen Rechtsakt, da der Auftrag zur Heiligsprechung von einem Papst erteilt worden war, der nicht über die petrinische Vollmacht darzu verfügte.

3. War es der erste Versuch einer Heiligsprechung Karls des Großen? 

Möglicherweise hatte schon vor Friedrich I. Barbarossa Otto III., der ja auch im Aachener Dom ganz in der Nähe des Karlsschreines bestattet ist, eine Heiligsprechung Karls des Großen beabsichtigt. Sicher ist dies allerdings nicht. Man weiß aus einer mittelalterlichen Quelle, dass Otto III. hatte im Jahr 1000 das Grab Karls des Großen in der Aachener Pfalzkapelle hat öffnen lassen, um Reliquien aus dem Grab zu entnehmen Die Grabesöffnung bringt man daher mit der Heiligsprechung Karls des Großen in Verbindung, die dann tatsächlich erst 165 Jahre später unter Friedrich I. Barbarossa durchgeführt wurde.

4. Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein (damals/heute)? 

Hier verweise ich auf Ihre erste Frage und meine Antwort: heiligmäßiger Lebenswandel, tugendhaftes Leben des Kandidaten,  ein bzw. zwei Wunder oder Martyrium.

5. Welche Beweggründe und welchen Nutzen hatte die Kirche von der Heiligsprechung Karls des Großen?

Die Heiligsprechung Karls des Großen stellte für den Staufer Friedrich I. Barbarossa einen Weg dar, um sein eigenes Königtum sakral aufzuwerten. Die „Überführung“ der sogenannten „Heiligen drei Könige“ von Mailand nach Köln, die Rainald von Dassel auf Veranlassung Friedrichs I. durchführte, muss auch in diesem Zusammenhang gesehen werden.  Bei der Heiligsprechung Karls des Großen haben Friedrich I. wohl vorausgehende Kanonisationen anderer Könige in Europa inspiriert: 1144 hatte der französische König Ludwig VII. die Gebeine des französischen Staatsheiligen Dionysius von der Krypta des Kloster Saint Denis in den Hochchor getragen. Zwei Jahre später wurde Kaiser Heinrich II. heiliggesprochen, und 1161, vier Jahre vor der Kanonisation Karls des Großen, war König Eduard der Bekenner zu den Ehren der Altäre erhoben worden. Die Aufwertung des eigenen (staufischen) Königtums durch die Heiligsprechung Karls des Großen war für Friedrich I. ein willkommenes Mittel, um sich gegen den Papst zu positionieren, mit dem er sich zerworfen hatte: „In hochgespanntem Herrschergefühl war er nicht nur eifersüchtig darauf bedacht, die Würde … und Unabhängigkeit seiner Stellung zu wahren, sondern auch bestrebt, wie sein bewundertes Vorbild Karl der Große die deutsche Kirche durch einen ergebenen Episkopat zu beherrschen und das Papsttum möglichst auf seine geistliche Sphäre zu beschränken. Da dieses aber ebenso entschlossen war, den seit den Tagen Gregors VII. erlangten Vorrang der geistlichen Gewalt über die weltliche festzuhalten, so waren schwere Reibungen und Kämpfe zwischen den Häuptern der Christenheit nicht wohl zu vermeiden“ (Bihlmeyer/Tüchle, Kirchengeschichte, Bd. 1, 19. Auflage, 182 f.). Der Papst nahm den kaiserlichen Einfluß auf die Angelegenheiten der römischen Kirche nicht mehr hin. Das Zerwürfnis zwischen Friedrich I. und dem Papst führte schließlich zu einem Schisma: Bei der Neuwahl eines Papstes entschied sich eine kaisertreue Minderheit unter den Kardinälen, beeinflußt von Friedrichs Kanzler, dem Kölner Erzbischof Rainald von Dassel, für Kardinal Oktavian von Monticelli, den späteren Papst Viktor IV., während die papsttreue Mehrheit Kardinal Rolando wählte, der den Namen Alexander III. annahm. Nach dem Tod des Gegenpapstes Viktor IV., ließ der einflußreiche Kanzler Friedrichs I., Rainald von Dassel, in dem Kardinal Guido von Crema einen neuen Papst aufstellen: Paschalis III.

Die Heiligsprechung verdankt sich also zunächst dem Streben des Staufers Friedrich, sein Kaisertum und sein Reich zu „heiligen“. Dazu bedurfte es nicht nur der sog. „Drei Heiligen Könige“ aus Mailand, sondern vor allem der Heiligsprechung dessen, der das Reich begründet hat: Karl der Große. Im Nachhinein hat die Kirche die Heiligkeit Karls des Großen anerkannt, insofern er sich für die Ausbreitung des Glaubens, die Förderung der Kirche, für eine einheitliche Gesetzgebung, die Bildung des Klerus und für die Armen etc. eingesetzt hat und zugleich Vorbild eines christlichen Herrschers war

6. Welche Folgen hatte die Heiligsprechung für Stadt Aachen und Kirche? 

Zunächst nahm die kultische Verehrung Karls des Großen zu. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts entwickelte sich ein eigener Kult mit einer eigenen Karlsliturgie. Kaiser Friedrich I. Barbarossa gab einen goldene Schrein für die Gebeine des Heiliggesprochenen in Auftrag, der dann unter Kaiser Friedrich II. 1215 fertiggestellt worden ist. Seitdem ruhen die Gebeine Karls des Großen in diesem prächtigen Karlsschrein des Aachener Domes, zunächst im Oktogon, dem Zentralbau der Pfalzkapelle, später ab 1414 in der gotischen Chorhalle. Zahllose Pilger aus ganz Europa strömten nach Aachen, wenngleich nicht nur zur Verehrung Karls des Großen, sondern auch wegen der großen vier Aachener Heiligtümer, die seit der Mitte des 13. Jahrhunderts im dafür angefertigten Marienschrein, der auch in der  Chorhalle steht, aufbewahrt werden. Die Zunahme der Pilger, dann aber auch die Königskrönungen machten eine Erweiterung der Aachener Pfalzkirche notwendig. Es entstand ein Kranz von Kapellen um den Dom. Für den Karls- und Marienschrein wurde, wie gesagt, eine gotische Chorhalle an der Ostseite des Oktogon (achteckiger Zentralbau des  Dome) angebaut.

7. Wie steht die Kirche heute zur Heiligsprechung Karls des Großen?

Neben den erwähnten kirchenrechtlichen Fragen stellt sich dem heutigen Menschen die Frage, ob denn der Lebenswandel Kaiser Karls des Großen so heiligmäßig gewesen ist, dass er zu den Ehren der Altäre erhoben werden konnte. Wenn man auch Karl dem Großen in einigen Punkten seines Handelns, in dem er ganz sicher Kind seiner Zeit gewesen ist, einen Vorwurf machen kann, so gilt es doch zugleich im Auge zu behalten, dass Heilige keine vollkommene, makellosen Menschen sind: König David war der Stammvater Jesu, obwohl er Ehebrecher und Mörder gewesen ist; Petrus verleugnete Jesus dreimal und wurde dennoch der erste Papst und Stellvertreter Christi auf Erden; Paulus entwickelte sich vom fanatischen Christenverfolger zum eifrigen Völkerapostel etc. Die Schattenseiten Karls des Großen dürfen den Blick für seine großartigen Leistungen, auf die schon hingewiesen worden ist, nicht verstellen: seinen unermüdlichen Einsatz für die Verkündigung des Evangeliums, die Ausbreitung des Christentums, den Aufbau der Kirche, die Ordnung der Liturgie, seine tiefe Frömmigkeit. Außerdem hat er für die abendländische Kultur Entscheidendes gewirkt: Er sammelte an seinem Aachener Hof die bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit, förderte die Wissenschaften, erneuerte das Schulwesen, setzte eine gerechte Gesetzgebung durch, sorgte sich um die Bildung der Kleriker und pflegte die Armenfürsorge. In der „Barbarossa-Urkunde“ vom 8. Januar 1166 wird Karl als „starker Kämpfer und wahrer Apostel“ bezeichnet, ja wegen seiner täglichen Bereitschaft, bei der Bekehrung der Ungläubigen zu sterben, sei er als Märtyrer anzusehen, als wahrer Bekenner, der im Himmel für seine Lebensleistung gekrönt wurde.

Wegen der schon vor der Kanonisation nachweislichen Verehrung Karls des Großen und nicht zuletzt im Hinblick auf den nach der Kanonisation entfalteten liturgischen Karlskult, der über Jahrhunderte bis heute andauert, sah sich Rom veranlaßt, die Heiligsprechung Karls des Großen nachträglich anzuerkennen. Die kultische Verehrung des Frankenherrschers, auf die schon oben hingewiesen worden ist, ist allerdings auf bestimmte Orte beschränkt, z. B. in Deutschland auf Aachen – natürlich – dann auch Frankfurt und Osnabrück,  aber auch in der Schweiz, in Italien, in Tschechien, in Spanien und in Frankreich genießt Karl der Große kultische Verehrung. Das Karlsoffizium und die Karlsmesse sowie die Aachener Karlssequenz „Urbs Aquensis, Urbs regalis“ bilden den Kern der auch schon erwähnten Karlsliturgie. Der liturgische Festtag ist zugleich der Sterbetag Karls des Großen: der 28. Januar. Karl starb nach dem Zeugnis seines Biographen Einhard an diesem Tag im Jahre 814 im Alter von 66 Jahren.

Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen.

Foto: Karl der Große nach einem Bild von Albrecht Dürer – Bildquelle: Kathnews