Joseph Schumacher – Die Mystik im Christentum und in den nichtchristlichen Religionen

Eine Buchbesprechung von Hans Jakob Bürger.
Erstellt von Hans Jakob Bürger am 31. Januar 2017 um 09:33 Uhr

Zweifellos ist Prof. Dr. Joseph Schumacher als Fundamentaltheologe ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Mystik, sowohl für das Christentum, als auch für die anderen Religionen. Über viele Jahre hat der Autor in seinen Vorlesungen an der Universität Freiburg i. Br. die Ergebnisse seiner Forschungsstudien den Studenten vermittelt.

Dem Patrimonium-Verlag ist es zu verdanken, dass nun eine Summe der Arbeit zu diesem Thema von Schumacher veröffentlicht werden konnte. Unter dem Titel „Die Mystik im Christentum und in den nichtchristlichen Religionen“ verbirgt sich ein Buch von fast 500 Seiten. Erwartungsgemäß widmet sich der größte Teil des Buches der christlichen Mystik, ehe die Mystik in nichtchristlichen Religionen beschrieben und beurteilt wird. Ganz offensichtlich ist es gerade in der heutigen Zeit notwendig, Kenntnis darüber zu vermitteln und zu besitzen, um beurteilen zu können, was es bedeuten kann, wenn sich etwa ein Mensch aus der Familie oder aus der Nachbarschaft hinorientiert in Richtung hinduistische Seelenwanderung, zum Bhakti-Yoga, zum Zen-Buddhismus, zum Sufismus oder zur New-Age-Bewegung.

Der Begriff „Mystik“ ist aber auch im Christentum oft missverstanden worden. Besonders in unserer Zeit gibt es eine geradezu inflationäre Verwendung dieses Begriffes. Offenbar scheint Mystik allgegenwärtig zu sein und gültig für alles, was irgendwie nebulös-schön und undefinierbar ist. Schumacher sagt, wer nicht zwischen echter und unechter Mystik unterscheide, verfalle dem Aberglauben. Der Abergläubische aber glaube zuviel, sei leichtgläubig und suche ständig nach Beweisen. Wer abergläubisch ist, ist eigentlich ungläubig, sodass der Weg vom Aberglauben zum Unglauben nur sehr kurz ist. Schumacher weist auf Thomas von Aquin hin: Leichtgläubigkeit schade viel mehr als übermäßige Skepsis der Kirche und dem Christentum.

Somit ist es ganz richtig und notwendig, wenn der Autor akribisch herausarbeitet, was es mit der christlichen Mystik auf sich hat. Dazu bedarf es einer gründlichen Hinführung, in der die anstehenden Begriffe aufgenommen und erläutert werden. Alsdann wird das Wesen der Mystik ergründet und festgestellt, worum es in der Mystik geht. Im katholischen Sinn ist das „mystische Erleben stets vom Glauben bestimmt“. Es ist nämlich „Beschauung auf der Grundlage des Glaubens“. Der Mystiker verlässt also nicht den Glaubensweg, seine Glaubensexistenz; vielmehr hat sie gerade den nüchternen Glauben als Grundlage. Diese Lehre finden wir bei allen großen Mystikern der Kirche, etwa auch beim heiligen Johannes vom Kreuz. Vor allem ist die christliche Mystik an die Heilige Schrift und ganz besonders an Christus gebunden. Aber auch an das Lehramt der Kirche, denn der Mystiker „weiß sich stets gehalten, sein subjektives Erleben im Licht der Lehre der Kirche zu prüfen oder prüfen zu lassen“.

Mit einem weiten Blick in die Geschichte der christlichen Mystik stellt uns Schumacher nicht nur die Mystiker der Väterzeit und des Mittelalters vor, sondern zeigt dem Leser eine große Fülle mystischen Lebens in deutschen Landen. In diesem Kapitel wird besonders deutlich, welche Möglichkeiten suchende Menschen haben, echte Mystiker und echte Mystik kennenzulernen, wenn sie sich nur ernsthaft damit befassen würden. Hier ist ein großer Schatz vorhanden, der, weil er kaum bekannt ist und weil selten darüber geschrieben und berichtet wird, verloren zu gehen droht. Es genügt nicht, zu bedauern, dass auch Katholiken in östlichen Religionen oder wenigstens mit Methoden östlicher Religionen auf der Suche nach mystischem Erleben sind. Der eigene Schatz muss gehoben und missionarisch vermittelt werden.

Ein weiteres Kapitel des Buches widmet sich den außerordentlichen Begleiterscheinungen der Mystik. Darunter zu verstehen sind etwa Visionen, Stigmata, Nahrungslosigkeit, Bilokation u. a. Schumacher stellt dazu fest, dass solche außerordentlichen Begleiterscheinungen der Mystik nicht zum verbindlichen Glauben der Kirche gehören – und dies weder als Möglichkeit noch als Wirklichkeit. Denn für den Christen ist es „selbstverständlich, dass Gott und seine Gnade auch in den natürlichen Begabungen wirksam werden“ können.

„Die Mystik im Christentum und in den nichtchristlichen Religionen“ sei all jenen empfohlen, die sich mit der Mystik beschäftigen; dazu sicherlich auch jenen, die in der religiösen Erziehung und Glaubensvermittlung tätig sind, damit sie gewappnet sind und wissen, wie sie auftretende Fragen oder entsprechendes Verhalten einordnen können.

Hans Jakob Bürger

Joseph Schumacher
Die Mystik im Christentum und in den nichtchristlichen Religionen
Patrimonium-Verlag 2016
ISBN: 978-3-86417-051-5
482 Seiten; 24,80 Euro

Foto: Die Mystik im Christentum und in den nichtchristlichen Religionen (Buchcover) – Bildquelle: Patrimonium-Verlag