Ideen für die Wiederkehr der christlichen Zivilisation

Eine Buchbesprechung von Martin Bürger.
Erstellt von Martin Bürger am 8. November 2018 um 22:21 Uhr

Verschiedentlich wurde von traditionalistischer Seite Kritik an der „Benedikt-Option“ von Rod Dreher – einem äußerst wichtigen Buch für Christen, das 2017 in den USA für Furore gesorgt hat und nun auch in deutscher Sprache vorliegt – geäußert. Einerseits wurde kritisiert, dass Rod Dreher, einstmals Katholik, nun ein orthodoxer Christ sei. Zwar stimmt dies, doch werden seine Ideen und Vorschläge durch ein solches unredliches „argumentum ad hominem“ nicht diskreditiert. Andererseits wurde von einer „Katakomben-Option“ gesprochen, wonach sich die Christen aus dem öffentlichen Leben in ihre eigenen Gettos zurückziehen und, nicht viel anders als manche Sekte, abgeschottet vor sich hin leben. Wer „Die Benedikt-Option“ von Rod Dreher, erschienen beim „fe-Medienverlag“, liest, wird ein solches Urteil nicht bestätigt finden – im Gegenteil!

Was also ist die Benedikt-Option? Nun, Dreher erzählt in seinem Buch die Geschichten konservativer Christen (Katholiken, Orthodoxe und Evangelikale), „die kreative Wege erkunden, den Glauben in diesen dunkler werdenden Zeiten freudig und gegenkulturell auszuleben“. Später zitiert Dreher die einstige bekannte Atheistin Leah Libresco, die inzwischen katholisch geworden ist, mit den Worten: „Leute sagen zu mir: Dieses Benedikt-Option-Ding, da geht es doch eigentlich nur darum, einfach Christ zu sein, oder? Und ich sage: Ja! […] Aber die Leute werden es nicht machen, wenn man es nicht anders nennt. Es geht darum, dass die Kirche das sein soll, was sie immer hätte sein sollen – aber erst wenn man der Sache einen besonderen Namen gibt, interessieren sich die Leute dafür.“

Dies mag auf den ersten Blick enttäuschen klingen. Allerdings muss man verstehen, dass eine große Mehrheit der Christen keinen blassen Schimmer davon hat, was man tatsächlich unter einer christlichen Gesellschaft und Kultur mit einem gelebten Glauben verstehen soll. Wie erreicht man ein solches Ziel? Und wie soll man mit der modernen, säkularen Gesellschaft, vorangetrieben durch die Politik, umgehen?

Dreher spricht in Sachen Politik von einem strategischen Rückzug: „Christen können es sich nicht leisten, sich vollständig aus dem öffentlichen Diskurs zurückzuziehen. Die Kirche darf sich nicht vor ihrer Verantwortung scheuen, für politische Führungspersönlichkeiten zu beten und prophetisch zu ihnen zu sprechen. Christliche Anliegen sind nicht darauf beschränkt, Abtreibung zu bekämpfen, die Religionsfreiheit und die traditionelle Familie zu verteidigen. Konservative Christen können und sollten damit fortfahren, mit Liberalen zusammenzuarbeiten, um Zwangsprostitution, Armut, AIDS und dergleichen zu bekämpfen.“ Entsprechend lautet die Frage – deren Beantwortung die Kardinaltugend der Klugheit erfordert: „Wann ist es feige, aus einer übertriebenen Angst vor Verunreinigung nicht mit säkularen Politikern zu kooperieren – und wann würde man sich durch Beteiligung korrumpieren?“

In seinem Buch verweist der Autor immer wieder auf die Regel des heiligen Benedikt, die nicht nur für Mönche wie die öfter zitierten Benediktiner von Norcia wichtig ist, sondern auch für Laien eine Richtschnur sein könnte und sollte. Entsprechend ist die zentrale Rolle des Gottesdienstes von Bedeutung, woraus sich die Kultur entfalten kann.

Zahlreiche praktische Ideen und Vorschläge, die fast ausschließlich auf die Initiative von einfachen Laien zurückgehen, machen „Die Benedikt-Option“ zu einem guten Überlebens-Handbuch für Christen, insbesondere Katholiken, in unserer Zeit. Zwar sind manche Punkte typisch amerikanisch, können in abgewandelter Form indes auch leicht auf Westeuropa und andere „westliche“ Zivilisationen angewandt werden. Empfehlenswert sind besonders die Kapitel zur Familie und zur Bildung, denn damit hat alles seinen Anfang. Das größte Problem liegt hier wohl im tragischen Verbot von Homeschooling in Deutschland, denn so lässt es sich nicht vermeiden, dass die Kinder jahrelang der säkularen Kultur ausgesetzt sind. Wahrhaft katholische Schulen gibt es ja auch nur sehr wenige. Vielleicht sind Christen, und besonders Katholiken, gerade hier zum Widerstand aufgerufen. Könnte dies das große politische Schlachtfeld unserer Zeit sein?

Ferner ist Drehers philosophischer und historischer Überblick lehrreich. Die Wurzel der Probleme der Moderne verortet er korrekt nicht in der sexuellen Revolution, nicht in der Aufklärung, auch nicht in der Reformation, sondern im Nominalismus des ausgehenden Mittelalters. „Ockham lehrt: Wenn etwas gut ist, dann deshalb, weil Gott es so will. Die Bedeutung aller Dinge hängt von Gottes souveränem Willen ab – das heißt: Sie beruht nicht auf dem Wesen Gottes oder darauf, dass Er am Sein der Dinge Anteil hat, sondern darauf, was Er befiehlt. Wenn Er dieselbe Sache heute gut und morgen böse nennt, dann hat Er das Recht dazu. Diese Vorstellung impliziert, dass die Dinge keine ihnen innewohnende Bedeutung haben, sondern nur die Bedeutung, die ihnen zugeschrieben wird – und somit keine sinnerfüllte Existenz außerhalb der Welt der Gedanken.“ Die technologischen Errungenschaften und unser Umgang mit ihnen bezeugen, dass die meisten von uns am Ende diesem Übel folgen, anstatt es u bekämpfen: „Die Welt technologisch zu betrachten bedeutet demnach, sie als Material zu betrachten, das dazu da sei, der Herrschaft des Menschen unterworfen zu werden, einer Herrschaft, die keine anderen Grenzen kennt als die der Vorstellungskraft.“

Zum Ende seines Buches zitiert Dreher einen überzeugten Katholiken, der unweit von Norcia mit einer Reihe von Laien die Benedikt-Option lebt (ohne das Konzept oder auch nur den Namen gekannt zu haben): „Als die Mönche vor tausend Jahren die Landwirtschaft in diese Gegend brachten, lehrten sie unsere Vorfahren, dass es Zeiten gibt, in denen wir Saatgut zurückbehalten müssen. Das ist der Grund, weshalb ich glaube, dass wir diesen Weg des Hl. Benedikt einschlagen müssen, diese Benedikt-Option. Dies ist eine Zeit, Saatgut zurückzubehalten. Wenn wir das jetzt nicht tun, werden wir in künftigen Jahren keine Ernte haben.“ Die Benedikt-Option ist also definitiv keine Abwendung von der Welt, kein Rückzug in die Katakomben. Sie ist die Vorbereitung für die Wiederkehr einer wahrhaft christlichen, und hoffentlich einer katholischen, Zivilisation.

Martin Bürger

Rod Dreher
Die Benedikt-Option
Eine Strategie für Christen in einer nachchristlichen Gesellschaft
ISBN 978-3-86357-205-1
fe-medienverlag
19,95 Euro

Foto: Die Benedikt-Option – Bildquelle: fe-medien.de