Ich lasse euch nicht als Waisen zurück

Aus einer Homilie des heiligen Johannes Chrysotomus zum Evangelium des 6. Ostersonntages nach der sog. ordentlichen Form des Römischen Ritus. Text: Hom. 75, 1: PG: 59, 403-405. Übersetzung: Gero P. Weishaupt.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 20. Mai 2017 um 19:00 Uhr
Christus Pantokrator

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes (Jo 14, 15-21)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:

15Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.

16Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll.

17Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird.

18Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch.

19Nur noch kurze Zeit, und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und weil auch ihr leben werdet.

20An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch.

21Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.

Aus einer Homilie des Heiligen Johannes Chrysostomus

Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. Ich habe euch ein Gebot geben, dass ihr euch liebt, damit ihr einander tut, wie ich euch getan habe. Sich nach den Geboten zu richten und sich dem Geliebten zu fügen, das ist Liebe.

Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben. Es sind die Worte dessen, der sich selbst ihnen zuwendet. Denn weil sie ihn noch nicht genau kannten, ist es wahrscheinlich, dass sie die Gemeinschaft mit ihm, der abwesend ist, seine Worte und seine fleischliche Gegenwart in hohem Maße verlangen und für keinen Trost bei seiner Abwesenheit empfänglich wären. Was sagt er ihnen? Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben. Das heißt: jemand anderen, der sich von mir unterscheidet.

Nachdem er sie dann auch durch sein Opfer gereinigt hatte, kam der Heilige Geist zu ihnen. Warum kam er nicht auf sie, als Jesus noch unter ihnen weilte? Weil das Opfer noch nicht vollbracht war. Als aber bereits die Sünde vernichtet war und sie sich in Anbetracht der Gefahren zum Kampf rüsteten, war es angebracht, jemanden zu senden, der ihnen Mut machte. Warum kam dann aber der Geist nicht sofort nach der Auferstehung? Damit sie mehr nach ihm verlangten und ihm mit größerer Gnade empfingen. Solange nämlich Christus unter ihnen war, waren sie nicht in Bedrängnis. Nach seinem Weggang waren sie Gefahren ausgesetzt und verkehrten in großer Furcht. Darum wollten sie ihn mit großen Verlangen empfangen.

Er bleibt bei euch. Das heißt: Nicht einmal nach dem Tod trennt er sich von euch. Damit sie aber, als sie von dem Parakleten hörten, nicht eine weitere Inkarnation annahmen und darauf setzten, ihn mit ihren Augen zu sehen, widerlegte er diese Vermutung und sagte: den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und kennt. Denn er wird nicht auf dieselbe Weise bei euch verbleiben wie ich, sondern er wird in euren Seelen wohnen. Das meint jene Aussage: er bleibt bei euch. Er nennt ihn Geist der Wahrheit und macht damit auf die Vorbilder des alten Gesetzes aufmerksam. Damit er bei euch ist. Was meint dieses bei euch ist? Das, was er selber sagt: Ich bin bei euch. ….

Foto: Christus Pantokrator – Bildquelle: Wikipedia/Zenodot Verlagsgesellschaft mbH