Genese des Schott-Messbuches bis zur Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils (1884-1963) – Teil IV/IV

Von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 17. November 2018 um 20:15 Uhr

Einheitlichkeit der Übersetzung als Ideal?

Die Genese des Schott-Messbuches, wie es uns vertraut ist, wäre nicht bis zum Schluss geschildert, wenn nicht der sogenannte Einheitstext von Ordo und Canon Missae zur Sprache käme, wie er 1929 erarbeitet wurde.[37] An dessen Entstehung hatte der Kölner Basilikapfarrer Josef Könn (1876-1960) maßgeblichen Anteil. Von 1925 bis zu seinem Tod 1960 war er Pfarrherr an St. Aposteln.[38] Seine Kontakte zur Abtei Maria Laach und gleichermaßen zum Verlag Benziger in Einsiedeln dürften 1925 den Ausschlag gegeben haben, dass das Messbuchprojekt des eidgenössischen Verlages redaktionell der Eifelabtei und damit Urbanus Bomm anvertraut wurde.[39] In dessen Volksmessbuch wurde der Einheitstext von 1929 sofort als erstem deutschem Laienmessbuch im Kleinen Volksmessbuch [40], beziehungsweise ein Jahr darauf auch in der umfangreicheren Bomm-Ausgabe [41] eingeführt. 1930 erscheint er erstmals im Vollständigen Römischen Messbuch der Schott-Ausgaben [42], 1932 wird Übereinstimmung mit dem Messbuch der heiligen Kirche [43] erzielt, indem auch dieses die Einheitsübersetzung übernimmt.

Das Jahr 1931 war dabei durch den plötzlichen Tod des Pater Bihlmeyer am 19. Mai ein abrupter Übergang. Pater Sebastian Gögler OSB (1897-1991) [44] trug nun bis 1948 die Gesamtverantwortung für die Schottmessbücher und gab dem Vollständigen Römischen Messbuch 1934 [45] seine bis 1965 feststehende Gestalt. Der Einheitstext von 1929 erlangte, obwohl ursprünglich genaugenommen auf Privatinitiative basierend, in weiterer Folge quasi kirchenamtliche Verbindlichkeit und behielt diese allgemein bis 1967. Somit wird sie auch in der Neuausgabe durch den Sarto-Verlag wiederkehren. Wenn man dafür von der gleichen Ausgabe ausgeht, wie es die Petrusbruderschaft 2006 bei deren letztem Schottnachdruck getan hat, wird es sich dabei um die sogenannte Auflage K von 1963 [46] handeln.

Bezüglich dieser Einheitsübersetzung ist bedenkenswert, was der Latinist Pater Ambros Hiestand OSB (1905-1954) [47] noch 1938 schrieb, als sie also schon fast ein Jahrzehnt bestand und allgemein akzeptiert war: Es sei keineswegs Aufgabe der Laienmessbücher, „eine Liturgie in der Volkssprache vorzubereiten. Die in ihnen gebotene Übersetzung muß daher in allererster Linie treu und richtig sein; sie dürfte zwar nicht so eng dem Lateinischen sich anschließen, daß das Verständnis für den des Lateinischen Unkundigen eher aufgehalten würde als gefördert; andererseits aber wäre es ein falsches Ideal, wenn man sich möglichst schnell auf eine glatte Einheitsübersetzung einigen würde, statt ständig daran zu arbeiten, die Übersetzung immer sinngemäßer und genauer zu gestalten. Denn sie muß das, was der Priester spricht, in einer Weise vermitteln, daß das Amen, welches der Gläubige auf Grund der Übersetzung, die er liest, zum Gebet des Priesters spricht, wirklich und genau denselben Inhalt bejaht. Wer die ganze Schwierigkeit der Übersetzung liturgischer Texte kennt, wird wissen, daß die Arbeit daran nie zu Ende geht, und daß es für ein Laienmeßbuch nur ein Lob sein kann, wenn es von Auflage zu Auflage die Übersetzung verbessert. Und wenn schon ein Wettbewerb entstünde zwischen verschiedenen Laienmeßbuch-Ausgaben, dann müßte er sich vor allem daran rechtfertigen, daß die Übersetzung vervollkommnet würde.

Es besteht daher nicht der geringste Grund, einen solchen Wettbewerb zu unterlassen, um jenes vorgebliche Ideal eines Einheits-Übersetzungstextes zu erreichen, das völlig außerhalb des Aufgabenbereichs eines Laienmeßbuches liegt, weil es in der (…) Ordnung eines lateinisch geführten Gottesdienstes die Brücke zwischen Priester und Gemeinde bauen will, nicht aber eine volkssprachliche Gottesdienstform begründen soll.“ [48] Diese Überlegungen sollte man auch heute beherzigen, denn sie hinterfragen nicht nur konkret den Wert der Einheitsübersetzung von 1929 (und bestätigen somit die Berechtigung eines Unternehmens wie die Neuübersetzung im Volksmissale der Petrusbruderschaft), sondern werfen bei aller Vorfreude auf die Neuausgabe des klassischen Schott-Messbuches durch den Sarto-Verlag die grundsätzliche Frage auf, wie sinnvoll der unveränderte Nachdruck eines Buches ist, dessen Übersetzungen und Einführungen bereits seit 1934 nicht mehr überprüft und verbessert wurden und vielfach schon seit 1921 beziehungsweise 1926 feststehen.

Das Übersetzungsproblem berührte übrigens auch schon Odo Casel in einer Rezension der Erstauflage des Laacher Volksmessbuches von 1927, als er 1928 im Jahrbuch für Liturgiewissenschaft festhielt: „Der Fortschritt des Buches beruht vor allem darauf, daß es die im Missale vorliegenden Texte möglichst ausschöpft, wie sie in Wirklichkeit sind (…), wenn es auch nie möglich sein wird, die Vollkraft der liturgischen Termini adäquat wiederzugeben. (…) Erst im Lichte der echten, alten Tradition, für die jede Liturgie Gegenwärtigwerden göttlicher virtus ist, erhalten die liturgischen Texte ihre volle Leuchtkraft.“ [49]

Abschließend sei bemerkt, dass Casel hier offenbar nicht als jemand erscheint, der Ritus und Text der Liturgie abstreifen und überwinden will, sondern als jemand, der deren ursprünglichen Sinngehalt ergründen möchte und sich daran gebunden weiß.

Verlag: Sarto-Verlag/Bobingen

Zu den Teilen Teil I/IV, II/IV und III/IV.

Lesen Sie bald auf Kathnews eine Rezension der Neuauflage 2018 des Schott-Messbuches.

[37] Vgl. Häußling A. A., „Einheit in den deutschen liturgischen Texten“. Josef Könn und die Übersetzung des Ordo Missae von 1929, in: Alw 22 (1980), S. 124-128.
[38] Vgl. zu Josef Könn: Kolping, A., Josef Könn, 1876-1960. Pfarrer an St. Aposteln in Köln, (Regensberg) Münster 21971.
[39] Vgl. Bomm, Geschichte, S. 23f.
[40] Vgl. Häußling, Missale deutsch, S. 149, lfd. Nr. 1218.
[41] Vgl. a. a. O., S. 149, lfd. Nr. 1215.
[42] Vgl. a. a. O., S. 101, lfd. Nr. 695.
[43] Vgl. a. a. O., S. 96, lfd. Nr. 628.
[44] Vgl. Totenchronik Pater Sebastian Paul Friedrich Gögler OSB (gest. am 16. Oktober 1991).
[45] Vgl. Häußling, Missale deutsch, S. 101, lfd. Nr. 696.
[46] Häußling, Missale deutsch, S. 102, lfd. Nr. 717. Der Anhang mit sämtlichen Psalmen sowie mit deutschen Kirchenliedern, die 1963 allen deutschsprachigen Diözesen gemeinsam waren, wurde beim Nachdruck 2006 allerdings stillschweigend ausgeschieden.
[47] Für die Totenchronik Pater Hiestands, der zum Kloster Einsiedeln in der Schweiz gehörte und am 27. Januar 1954 verstorben ist, danke ich herzlich dem Stiftsarchivar von Einsiedeln, P. Dr. Gregor Jäggi OSB. Pater Hiestand war langjähriger Lateinlehrer am Stiftsgymnasium Einsiedeln, dort auch Wallfahrtsleiter, sowie als auswärtiger Beichtvater an der Basilika Mariazell in Österreich tätig.
[48] Hiestand, A., Herr, lehre uns beten. Von der rechten Weise, nach dem Volksmeßbuch mit der Kirche zu beten, (Benziger) Einsiedeln 1938, S. 16f.
[49] Casel, O., Rezension zum Volksmeßbuch für die Sonn-, Feier- und Fasttage, 1927, siehe Häußling, Missale deutsch, S. 148, lfd. Nr. 1211, in: JLw 7 (1928), S. 173f, hier: S. 173, kursiv im Text.

Foto: P. Anselm Schott OSB – Bildquelle: Archiv Oldendorf