„Fastenkuren reichen nicht“

Gründungsfeier der St. Hildegard-Akademie in Eibingen.
Erstellt von Martin Bürger am 12. Mai 2019 um 14:18 Uhr
Kreuzigung Christi - Glaskunst

Eibingen (kathnews). Der feierliche Festakt zur Gründung der St. Hildegard-Akademie Eibingen als Zentrum für Wissenschaft, Forschung und europäische Spiritualität fand am Freitag, 10. Mai 2019, in der am Rhein gelegenen berühmten Benediktinerinnenabtei St. Hildegard statt. Im Vorfeld hatte sich die Vorsitzende des Vereins, Schwester Maura Zátonyi OSB, im Gespräch mit Regina Einig von der katholischen Wochenzeitung „Die Tagespost“ ausführlich zu den Zielen der Akademie geäußert.

Die ursprünglich aus Ungarn stammende Benediktinerin erklärte, die Theologie stehe in der Hildegard-Forschung eigentlich „am Schlechtesten“ da, während gleichzeitig in der Philosophie, der Geschichte und Kunstgeschichte sowie der Musik viel über Hildegard geforscht werde. Sie werde „im Zusammenhang mit der Naturheilkunde oft missbraucht“, sei aber auch als Theologin und Politikerin attraktiv. „Es ist zwar einfacher, sich einen Edelstein um den Hals zu hängen, als ihre unbequemen Lehren zu beherzigen. Aber nur das führt zum wahren Glück. Der Mensch muss sich im Tiefsten ändern. Fastenkuren reichen nicht. Hildegard ist viel radikaler.“

Man sehe an Hildegard, so Schwester Maura, dass das christliche Europa durch Dialog entstanden sei, habe sie sich doch mit den Mächtigen in Kirche und Welt ausgetauscht. Das Verständnis für das Werk Hildegards hänge von der gelebten benediktinischen Spiritualität ab, betonte die studierte Altphilologin, die auch für einige Hildegard-Übersetzungen verantwortlich zeichnet. „Wenn ich Hildegards Werk lese, fällt mir auf, dass es Punkte gibt, die man an einem Schreibtisch nie entdecken würde. Vieles leuchtet beispielsweise erst ein, wenn man täglich die Heilige Schrift liest und betrachtet. Auch die Liturgie und der Tagesrhythmus spielen eine Rolle.“ Insofern sei die im Kloster beheimatete Akademie sinnvoller als ein Hildegard-Lehrstuhl an einer Universität.

Die St. Hildegard-Akademie weist auf ihrer Internetseite darauf hin, dass europäische Identität besonders in der christlichen Spiritualität verwurzelt sei. „Wir sind überzeugt, dass verantwortete Zukunft nur durch die Weitergabe dieses geistigen und geistlichen Erbes Europas gelingen kann.“ Dabei komme benediktinischen Klöstern ein besonderer Auftrag zu, „weil sie seit Jahrhunderten gelebte Spiritualität mit wissenschaftlicher Reflexion zu verbinden verstehen und sich damit den kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen ihrer Gegenwart stellen“. Im Falle der Akademie liegt der Schwerpunkt auf der Erschließung des Lebenswerkes der heiligen Hildegard.

Hildegard von Bingen wurde 1098 in Bermersheim bei Alzey im Rheinland geboren und starb 1179 trotz im hohen Alter von 81 Jahren. Papst Benedikt XVI. fasste im Jahre 2010 das Werk der Heiligen wie folgt zusammen: „Die mystischen Visionen der heiligen Hildegard sind reich an theologischen Inhalten. Sie sprechen die wichtigsten Ereignisse der Heilsgeschichte an und drücken sie in einer vorrangig poetischen und symbolischen Sprache aus.“ Zwei Jahre später, am 7. Oktober 2012, erhob Papst Benedikt sie zur Kirchenlehrerin.

Martin Bürger

Foto: Kreuzigung Christi – Glaskunst – Bildquelle: Kathnews