Erwiesenermaßen der Nährboden der christlichen Theologie

Ein Plädoyer für Altgriechisch. Von Albert Volkmann.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 19. April 2019 um 14:15 Uhr
Europa

Griechisch – wozu das? Was kann der Abiturient damit anfangen? Darüber rätseln heute in der Öffentlichkeit manche, die selbst mit dieser Sprache flüchtig oder gar nicht in Berührung gekommen sind. Wen wundert es, dass den Eltern der Blick für das eigentliche Anliegen des Griechischunterrichts und damit des altsprachlichen Gymnasiums verstellt ist? Ein paar klärende Worte tun not.

Altgriechisch: Denkschule

Der Griechischunterricht ist heute auf ein durchaus lohnendes, auch nützliches Ziel hin angelegt; Griechisch betreibt man heute nicht um der bloßen aktiven Beherrschung der Sprache, sondern vor allem um der geistigen Schulung willen; fern aller bloß rhetorischen Idealisierung des Griechentums bemüht man sich um konkrete, aus einer wissenschaftlich fundierten Textübersetzung und Textinterpretation gewonnene Ergebnisse; diese erweisen sich auch für andere Fächer wie Geschichte, Sozialkunde, Deutsch als außerordentlich fruchtbar, weil sie die gesellschaftliche und politische Bildung des jungen Menschen fördern.

Der Deutschunterricht erhält durch das Griechische eine bedeutende Hilfestellung; denn das Satz für Satz geübte Gegeneinanderstellen  des andersartigen griechischen und deutschen Satzbaus lässt den Schüler noch mehr als im Lateinischen die eigene Sprache aus der Distanz betrachten und ihre Gesetze tiefer erfassen. Das schärft den Blick und erweist sich als eine Urform des wissenschaftlichen Arbeitens.

Altgriechisch: Schule der Disziplin

Die intensive Übersetzungsarbeit, die der griechische Text verlangt, führt zu einem genauen und disziplinierten Arbeiten, sie aktiviert das kritische und sezierende Denken und wirkt  so in besonderem Maße an der Ausbildung der Fähigkeit und des Arbeitswillens des Schülers mit. Wer eine derartige Schulung durchgemacht hat, besitzt die Voraussetzungen für ein späteres Studium, auch in den naturwissenschaftlichen Fächern. „Es lässt sich rein empirisch feststellen und wird auch durch die Erfahrung bedeutender Gelehrter unterstützt, dass die altsprachliche Bildung die Erkenntnisfähigkeit im Bereich der Naturwissenschaften nicht abschwächt; eher dürfte auf Grund ihrer Diszipliniertheit das Gegenteil der Fall sein“, bemerkt der Frankfurter Professor H.J. Heydorn. Die Griechen haben die prinzipiellen Denkstrukturen nahezu aller wissenschaftlichen Disziplinen erkannt, so dass man sich, um ein Wort des Nobelpreisträgers Prof. Heisenberg zu gebrauchen, „beim Lesen der Griechen im Gebrauch des stärksten geistigen Werkzeugs üben kann, das abendländisches Denken hervorgebracht hat“. So kann man mit Recht behaupten, dass der Griechischunterricht ganz besnonders der der gymnasialen Oberstufe gestellten Aufgabe der Wissenschaftspropädeutik gerecht wird.

Altgriechisch: Begegnung mit den Wurzeln unserer europäischen Kultur

Die Beschäftigung mit dem Griechischen erweitert aber auch nicht unbeträchtlich den Wissenshorizont des Schülers, nicht nur, weil er sich im Bereich der stets zunehmenden Fremdwörter zu Hause fühlt. Die griechische Lektüre vermittelt weit stärker als das Lateinische die lebendige Begegnung mit den Wurzeln unserer europäischen Kultur. Das ist kein distanziertes Kennenlernen von Kulturfakten, denen nur noch Museumswert zukommt. Es handelt sich, wie Prof. Carlo Schmid betont, „bei, was wir humanistische Bildung nennen, um tätige Aneignung von Kultur“. Der Schüler wird vertrauter mit den Stoffen und Gesetzen der Poesie, des Dramas, der Historie, der Philosophie, des Theaters, der Musik, der Architektur (bezeichnenderweise lauter griechische Begriffe). Er gewinnt auch Einblick in die geistigen Grundlagen des Christentums, da das Griechische erwiesenermaßen der Nährboden der christlichen Theologie geworden ist.

Die Lektüre der griechischen Literatur, deren Aussage wir nur im Original voll erfassen können, lässt den Schüler den Menschen in seinen vielfältigen Beziehungen zur Familie, zum Staat, zu Gott erleben; er sieht den Menschen im Spannungsfeld seiner Bewährung zwischen Liebe und Hass, Recht und Unrecht, Mäßigung und Frevel, er erlebt ihn in Furcht und Hoffnung, in Glück und Unglück, in Rettung und Untergang. Und weil der Mensch sich gleich bleibt, solange es ihn gibt, in seinen Regungen und Empfindungen, im seinem Ringen um Sinn und Wert des Lebens, bleibt im Prinzipiellem auch gültig, wie Homer, Solon, Sappho den Menschen gesehen, was Thukydides, Platon, Aristoteles über ihn gesagt haben. Die große zeitliche Distanz ermöglicht es, die Grundprobleme der menschlichen Existenz, die von den Griechen erkannt und durchdacht worden sind, sachlich und kritisch zu prüfen und frei von aktuellen Vorurteilen und Ressentiments nachzuempfinden.

Altgriechisch: Persönlichkeitsbildung

Altsprachliches Gymnasium? Griechisch? Wem will es also heute dienen? Der Geistesschulung und Persönlichkeitsbildung des jungen Menschen! Die Vermittlung eines umfangreichen Sachwissens, das dem Abiturienten jede gewünschte Studienrichtung einzuschlagen erlaubt. Erwünscht ist der Absolvent dieses Schultyps an jeder Hochschule; er braucht für keinerlei Studium eine Zusatzprüfung abzulegen.

Albert Volkmann war Altphilologe und Studiendirektor am Städtischen Gymnasium Augustianiaum in Greven.

Foto: Europa (Altgriechisch ist die älteste Sprache Europas) – Bildquelle: NASA