Einmal Kreuzigung und zurück

„Erwachen“ – ein tief ergreifender Jugendroman über eine außergewöhnliche Zeitreise. Buchbesprechung von Ulrich Nersinger, bekannter Buchautor, Theologe und Vatikanist aus Eschweiler bei Aachen.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 7. April 2017 um 10:07 Uhr
Unter dem Geheimnis des Kreuzes

Von Ulrich Nersinger:

Wieder naht sie heran, die Karwoche, in der uns die Liturgie, der gemeinsame Kreuzweg und die Kreuzesverehrung am Karfreitag und so mancher alte Brauch das Leiden Christi, unseres Herrn, besonders anschaulich vor Augen zu stellen versucht. Dennoch finden viele jüngere Jugendliche keinen Geschmack an den langen Zeremonien, die einer längst vergangenen Zeit anzugehören scheinen, empfinden sie als langweilig und anstrengend. Es liegen eben nicht nur viele Tausend Kilometer zwischen ihnen und dem Schauplatz der Ereignisse, es trennen sie auch gut 2000 Jahre von dem Geschehen. Da kann es jeder Leser aus dieser Altersgruppe sicher gut nachvollziehen, dass es der 13-jährigen Ronni aus einer amerikanischen Kleinstadt nicht anders geht.

Die junge Heldin des Jugendromans „Erwachen“ würde lieber mit einer Klassenkameraden zum Skifahren in die Berge fahren, denn sie kann der Liturgie nichts abgewinnen. Zudem hat sie seit dem plötzlichen Unfalltod von Vater und Bruder Probleme mit dem Glauben. Das führt zu Spannungen mit der Mutter, und so beginnt der Roman mit einem handfesten Krach zwischen Mutter und Tochter. Da erleidet Ronni, die gerade erst von einer Halsentzündung genesen ist, einen Rückfall, der sie nicht nur an die Schwelle des Todes bringt, sondern zugleich in die Vergangenheit zurückversetzt. Urplötzlich findet sich die junge Amerikanerin im Jerusalem des 1. Jahrhunderts wieder.

Voller Verwirrung weiß sie nicht, was mit ihr geschehen ist und wer sie nun wirklich ist, denn sie findet viele bekannte Personen aus ihrem „amerikanischen“ Leben der Zukunft wieder. Tiefen Eindruck aber macht auf sie der Mann, der sie gerade ins Leben zurückgerufen hat. Besonders, als sie begreift, dass es Jesus selbst ist. Bald begreift sie, dass sie den Menschen des 1. Jahrhunderts etwas voraus hat: Sie weiß, dass etwas Furchtbares mit ihm geschehen wird. Man wird Jesus gefangen nehmen und ihn kreuzigen. Ihr bleiben nur zwei Tage, um dies zu verhindern. In diesen zwei Tagen wird sie Augenzeugin des Abendmahles, der Gefangennahme Jesu im Garten Gethsemane, der Verleugnung des Petrus im Haus des Hohepriesters, des Kreuzweges und schließlich der Kreuzigung.

Die Handlung ist zwar weitgehend vorhersehbar, da sie weitgehend den Ereignissen folgt, die im Neuen Testament geschildert werden. Dennoch ist „Erwachen“ ein vielschichtiger Jugendroman. Der junge Leser erfährt nicht nur eine Menge über die biblische Zeit, die Psalmen und die jüdischen Gebräuche. Er wird auch immer wieder zu tieferem Nachdenken angeregt. Etwa über die Frage, was bedeutet das Opfer Christi für mein Leben? Oder: welches Ziel, welchen Sinn hat mein Leben? Oder: warum Opfer?

Gerade zu diesem letzten Thema macht die junge Helden eine Wandlung durch. Hatte sie noch in ihrem „zukünftigen“ Leben gesagt, nichts sei es wert, dafür zu sterben, so begreift sie nun die Bedeutung des Opfers. Sie akzeptiert den Tod von Vater und Bruder, der ihr nun nicht mehr sinnlos erscheint. Sie findet ein Ziel für ihr eigenes Leben in der Hinwendung an Schwache und Kranke in der Nachfolge des barmherzigen Samariters.

Eine empfehlenswerte Lektüre zur Fastenzeit nicht nur für junge Leser und ein gutes Geschenk für Firmlinge. Für die Lesung im Unterricht sind Unterrichtshilfen mit Fragen zum Text, weiterführenden Diskussionspunkten (auch zum Thema 6. Gebot liefert das Buch Stoff) und Erläuterungen. Für Gruppenbestellungen gewährt der Verlag Staffelpreise.

Foto: Kreuze – Bildquelle: Pneuma-Verlag