Dreifaltigkeit und Ablass oder die „Hierachie der Wahrheiten“

Vatikanum II: Nicht alle Glaubenswahrheiten haben den gleichen Stellenwert im Gesamt des Glaubens, doch alle sind verpflichtend. Arikel 11 des Ökumenismusdekretes Unitatis redintegratio.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 13. Juni 2015 um 14:48 Uhr

Von Gero P. Weishaupt:

In Artikel 11 des Ökumenismusdekretes Unitatis redintegratio des Zweiten Vatikanischen Konzils wird im Hinblick auf den ökumenischen Dialog auf die Weise hingewiesen, wie die Dialogpartner den eignen Glauben darzulegen haben. Der Artikel richtet das Augenmerk auf die Formulierung des Glaubens und auf die „Rangordung der Wahrheiten“ (hierarchia veritatum).

Unverkürzte Darlegung des katholischen Glaubens

Schon der heilige Papst Johannes XXIII. hat in seiner Eröffnungsansprache des Konzils Gaudet Mater Ecclesia im Zusammenhang mit der Sendung der Kirche in der Welt von heute auf den Unterschied zwischen Glaubeninhalt und Formulierung des Glaubens hingewiesen. Das Ökumenismusdekret formuliert diese Einsicht nun im Hinblick auf den Dialog mit den nichtkatholischen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Dabei fordert es zugleich die unverkürzte Darlegung des katholischen Glaubens und warnt vor einem falschen Irenismus im ökumensichen Dialog, „durch den die Reinheit der katholischen Lehre Schaden leidet und ihr ursprünglicher und sicherer Sinn verdunkelt wird“.

Kriterium für die Bestimmung der Rangordnung

Wenn das Dekret von einer „Hierachie der Wahrheiten“ (hierarchia veritatum) spricht, also einer Rangordnung der Wahrheiten, dann ist damit eine „Stufung und Ordnung der Dogmen“ (gemeint) …, ohne damit willkürlicher Beurteilung und Auswahl Raum zu geben“ (Leo Scheffczyk). Die Konzilsväter selber benennen das Kriterium für die Bestimmung der Rangordnung der Wahrheiten: die „Art ihres Zusammenhanges mit dem Fundament des christlichen Glaubens“. Letztlich geht es um die Beziehung einer Glaubenswahrheit zum Mysterium Christi, das das Mysterium der Dreifaligkeit einschließt. „Hierarchie der Wahrheiten“ bedeutet, dass alle von Gott geoffenbarten Wahrheiten stets in Beziehung zu sehen sind zu den zentralen Glaubensgeheimnissen. So hängt beispielsweise das Dogma von der Aufnahme Mariens in den Himmel mit Leib und Seele aufs engste mit dem Dogma von der Gottesmutterschaft Mariens zusammen. Dieses verweist seinerseits wiederum auf das zentrale Dogma von der Gottesohnschaft Jesu Christi hin.

Keine Geringschätzung nachgeordneter Wahrheiten

Es ist der Wunsch der Konzilsväter, dass ökumenischer Dialog seinen Anfang nimmt bei den zentralen Glaubensaussagen und dann die anderen – die ihnen nachgeordneten – zur Sprache bringt. Dabei gilt es zu beachten: „Das Dekret will selbstverständlich nicht zu einer Geringschätzung oder Vernachlässigung zwei- oder drittranginger Glaubenswahrheiten auffordern, aber es fordert dazu auf, immer zu bedenken, dass nicht allen Glaubenswahrheiten der gleiche Stellenwert im Ganzen des Glaubens zukommt, den Blick in erster Linie auf das Fundament und Zentrum des christlichen Glaubens zu richten und alle anderen Wahrheiten im Licht der fundamentalen und zentralen Glaubenwahrheit zu sehen und zu werten“ (Johannes Feiner). So leuchtet zum Beispiel ein, dass die katholische Lehre vom Ablass auf einer untergeordneten Rangstufe steht in bezug auf die trinitarischen und christologischen Glaubensaussagen. Der ökumenische Dialog soll sich bemühen, die Lehre vom Ablass ausgehend von und im Lichte der zentralen Glaubenswahrheiten darzulegen und den Zusammenhang dieser (nachgeordneten) Glaubenswahrheit mit den (ihr übergeordneten) trinitarischen und christologischen Wahrheiten erkennen lassen.

Authentische Interpretation

Der heilige Papst Johannes Paul II., aufgrund seines petrinischen Amtes authentischer Interpret des Zweiten Vatikanischen Konzils,  hat daran erinnert, dass das Konzil mit dem Hinweis auf die „Hierarchie der Warheiten“ weder Glaubenwahrheiten in bezug auf ihre Heilsnotwendigkeit relativieren noch in bezug auf ihren Verpflichtungsgrad abwerten und einschränken wollte. Wer Gottes Selbstoffenbarung im Glauben ganz beantwortet, nimmt die Offenbarung auch als Ganze an. Eine Auswahl aus dem, was Gott offenbart hat, gebe es nicht, so der Papst.

Text von Unitatis redintegratio, Art. 11

Die Art und Weise der Formulierung des katholischen Glaubens darf keinerlei Hindernis bilden für den Dialog mit den Brüdern. Die gesamte Lehre muß klar vorgelegt werden. Nichts ist dem ökumenischen Geist so fern wie jener falsche Irenismus, durch den die Reinheit der katholischen Lehre Schaden leidet und ihr ursprünglicher und sicherer Sinn verdunkelt wird.

Zugleich muß aber der katholische Glaube tiefer und richtiger ausgedrückt werden auf eine Weise und in einer Sprache, die auch von den getrennten Brüdern wirklich verstanden werden kann. Darüber hinaus müssen beim ökumenischen Dialog die katholischen Theologen, wenn sie in Treue zur Lehre der Kirche in gemeinsamer Forschungsarbeit mit den getrennten Brüdern die göttlichen Geheimnisse zu ergründen suchen, mit Wahrheitsliebe, mit Liebe und Demut vorgehen. Beim Vergleich der Lehren miteinander soll man nicht vergessen, daß es eine Rangordnung oder „Hierarchie“ der Wahrheiten innerhalb der katholischen Lehre gibt, je nach der verschiedenen Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens. So wird der Weg bereitet werden, auf dem alle in diesem brüderlichen Wettbewerb zur tieferen Erkenntnis und deutlicheren Darstellung der unerforschlichen Reichtümer Christi angeregt werden.

Foto: Buch über den Ablass / Cover – Bildquelle: Dominus Verlag