„Die Reformation und die Irrwege des modernen Denkens“

Eine Buchbesprechung von Martin Bürger.
Erstellt von Martin Bürger am 29. Dezember 2016 um 08:38 Uhr

Der fünfte Band der im Patrimonium-Verlag erscheinenden Reihe „500 Jahre Luther und Reformation“ ist nur ein kleines Büchlein von 124 Seiten. Sowohl der Titel – „Die Reformation und die Irrwege des modernen Denkens“ – als auch der „Klappentext“ („Doch wie kam es zu diesem Wandel, diesen Irrwegen des modernen Denkens? Rückblickend lassen sich einige Aspekte aufzeigen, die auch in den Umwälzungen der Reformation vor 500 Jahren ihre Ursache haben.“) lässt auf eine Arbeit hoffen, welche diverse moderne Fehlentwicklungen im Protestantismus verortet. Leider muss man stattdessen sagen: Thema verfehlt.

Was Autor Max Syfrig, mittlerweile mehr als 60 Jahre lang als Priester im Weinberg des Herrn tätig, stattdessen liefert, ist ein Versuch, den Begriff der Denkstrukturen, wie er von Pater Josef Kentenich SAC verstanden wurde, zumindest in einem einzelnen Kapitel auf die „Reformation“ anzuwenden. Pater Kentenich ist der Gründer der Schönstatt-Bewegung, der auch der Autor des vorliegenden Büchleins verbunden ist. Er unterscheidet das mechanistische Denken, Lieben und Leben auf der einen vom organischen Denken, Lieben und Leben auf der anderen Seite.

Max Syfrig erläutert: „Das ‚mechanistische Denken‘ ist auf physikalische und chemische Prozesse spezialisiert, auf Prozesse, die man in mathematischen Formeln beschreiben kann. Sein Gegenstand ist vor allem die leblose Materie.“ Das organische Denken indes „versucht, die Objekte in ihrer Ganzheit zu sehen, zusammen mit ihren inneren und äußeren Bindungen und Beziehungen. So kann es dem Lebendigen gerecht werden.“ Dieses Schema wendet Syfrig nun, wie bereits angedeutet, auf die „Reformation“ an und zeigt, dass unter den „Reformatoren“ eine mechanistische Denkstruktur vorherrschte.

Martin Luther sei ein Anhänger des Wilhelm von Ockham gewesen. Dessen Weltanschauung „war in vielen Belangen mechanistisch: Sie sah in den untersuchten Objekten die trennenden Unterschiede und betonte das ‚Entweder-Oder‘, nahm aber die organischen Zusammenhänge nicht war. […] Die mechanistische Denk-Struktur führte dazu, dass Luther die natürliche Ebene des Menschen nicht mit der gnadenhaften, übernatürlichen Ebene Gottes verbinden konnte.“

Das mag ja alles stimmen, aber die Frage ist doch: Nahm dieses Denken in der „Reformation“ ihren Anfang? Gab es ein derartiges Auseinanderreißen organischer Gefüge schon vorher? Hier könnte man etwa über die stoische Philosophie nachdenken, welche die Leidenschaften nicht integrierte, sondern sie unterdrückte und loszuwerden versuchte. Was ist mit außerdem zum Beispiel mit René Descartes, der gut 100 Jahre nach der Reformation seine Philosophie entwickelte? Wie passt seine Unterscheidung von „res extensa“ und „res cogitans“ vor dem Hintergrund der Denkstrukturen zu reformatorischen Ideen?

Im Unterschied zu den anderen Bänden der Reihe „500 Jahre Luther und Reformation“ fehlt bei „Die Reformation und die Irrwege des modernen Denkens“ jeder ernstzunehmende wissenschaftliche Apparat. Fußnoten wie „Diese und die folgenden Zitate stammen aus dem Internet: Wikipedia“ oder „Diesen Vortrag kann man wahrscheinlich im Internet unter ‚Luzerner Manifest‘ immer noch nachlesen“ sind geradezu lächerlich. Selbst ein oberflächliches Lektorat hätte hier schon einige Probleme ausmerzen müssen. Gleiches gilt auch für die Tatsache, dass die von Max Syfrig vorgebrachten Gedanken teilweise keinen ersichtlichen Zusammenhang mit dem Rest des Buches haben. Dies gilt besonders für das erste sowie das letzte Kapitel. Für sich genommen handelt es sich um durchaus lesenswerte Texte, die als (vielleicht etwas längere) Artikel in Zeitschriften erscheinen könnten. Mit dem Thema des Buches, das ja schon nicht dem Titel bzw. dem „Klappentext“ entspricht, haben sie allerdings nichts zu tun.

Martin Bürger

Bibliografische Informationen:

Max Syfrig
Die Reformation und die Irrwege des modernen Denkens
Broschur, 124 Seiten
Patrimonium-Verlag
ISBN 978-3-86417-059-1
12,80 Euro

Foto: Die Reformation und die Irrwege des modernen Denkens (Buchcover) – Bildquelle: Patrimonium-Verlag