Die Lebensquelle finden

Gedanken von Mag. Gottfried Grengel.
Erstellt von Mag. Gottfried Grengel am 16. Dezember 2011 um 20:12 Uhr
Mag. Gottfried Grengel

„Tauet, ihr Himmel, von oben! Ihr Wolken, regnet herab den Gerechten! Tu dich auf, o Erde, und sprosse den Heiland hervor.“ So betet die christliche Kirche in den Tagen des Advents. So betet sie am vierten Adventsonntag und am Beginn der Marienmesse im Advent, woher die Bezeichnung „Rorategottesdienst“ herrührt. In manchen Gegenden war es in der Alten Liturgie erlaubt an den Wochentagen des Advents eine feierliche Votivmesse zu Ehren der Jungfrau und Gottesmutter Maria zu zelebrieren. Das Evangelium war dann in diesen Gottesdiensten die Verkündigung des Engels Gabriel an Maria, woher wiederum das so genannte „Engelamt“ seinen Namen hat. (Dieses adventliche „Engelamt“ ist vom weihnachtlichen „Engelamt“ zu unterscheiden. Es gab in der Weihnachtsoktav – mit Ausnahme der Heiligenfeste – nur ein Messformular, nämlich das der zweiten Messe des Weihnachtstages. Hier wurde das Evangelium von der Verkündigung des Engels an die Hirten und das Erscheinen der himmlischen Heerscharen vorgetragen.)

„Rorate“, tauet, ihr Himmel…

Diese Worte stammen aus dem Buch des Propheten Jesaja. Sie sind ungefähr 2500 Jahre alt. Sie sprechen davon, dass Regen und Tau werden sollen, damit die Erde Frucht hervorbringt. Wer mit der Landwirtschaft zu tun hat, kann diese Bitte verstehen. Wasser ist Lebenselement. Der Bauer mag sich mühen, aber ohne Wasser ist jede Mühe vergeblich. Ohne es kann nichts werden, nichts sein und nichts gedeihen. So gesehen ist Wasser wertvoller als alles Geld, Gold und alle Besitztümer dieser Welt zusammen. Ohne nun auf die historischen Hintergründe eingehen zu wollen, deutet dieser adventliche Ruf auf die Gedanken der Weihnacht.

Noch bevor wir erfolgreich sein können, noch bevor wir uns einen Namen machen können, noch bevor wir nach unserm Glück streben können, brauchen wir notwendige Voraussetzungen ohne die wir nicht sein können, ohne die unsere Versuche der sinnvollen Lebensgestaltung ins Leere laufen würden. Wir müssen gerade in unserer Zeit diese scheinbare triviale Lebensweisheit wieder neu verinnerlichen. Die Gefahr besteht nämlich, dass wir Leben nur noch als etwas ansehen, was ausschließlich unserem Zutun zu verdanken ist. Nur das ist Leben, was der einzelne draus machen. Das kann man da und dort ja voller Überzeugung hören. Das, was wir uns erarbeiten, was wir uns aneignen, erreichen, schaffen, gilt uns als Lebensleistung und dann auch als das tatsächliche Leben. Bei diesem Ansinnen werden die Bedingungen für Leben auf das eigene Tun und Machen reduziert. Wenn es auch nicht bewusst ausgesprochen wird, viele verhalten sich genau so. Es zählt oft nur noch das eigene Wollen und Können. Unsere Zeit möchte selber den Himmel, die Wolken und die Erde machen, die dann auch die notwendigen Lebenselemente hervorbringen sollen. Eine große Täuschung und ein gefährliche Irrtum entstehen so. Leben wird so eingeschränkt auf den kleinen persönlichen Wirkungskreis um einen herum. Das andere außerhalb hat seinen Einfluss verloren.

Die Einsicht der Hl. Schrift ist eine andere. Leben und dessen Ermöglichung gehören zu erst und vor allem den Himmeln, den Wolken und der Erde zu. Der Mensch hat im Horizont seiner Lebenskreise seine Bezugsquellen fern ab seiner Verdienste. Von dort strömen die Wasser des Lebens. Motiv und Antrieb unseres Daseins kommen uns zu und erschaffen so unseren Lebensraum. Die vom Himmel, den Wolken und der Erde eingebrauchten Elemente umfassen einen viel größeren Teil unserer Persönlichkeit, als den, den wir unserem Geschick oder Engagement zu verdanken haben. Wir müssen wieder von neuem die Lebenselemente zu schätzen und wahrzunehmen lernen, die unser Dasein hier auf Erde ermöglichen und erhalten. Es sind Himmelsgaben, gleich zu setzten mit der Kostbarkeit des Wassers.

Die Sprache der Kirche ist aber noch deutlicher. Es geht nicht nur um Gaben, die uns zukommen und dann leben helfen. Himmel sollen tauen, Wolken regnen, Erde sich auftun, damit der Gerechte und Heiland werde. Lebenselemente, so wichtig und notwendig sie sind, können den menschlichen Staub und Schmutz nicht fruchtbarer machen. Irgendwie ist es mit Tropfen, Tau und Regen nicht mehr getan. Die Unwirtlichkeit des Daseins geht tiefer. Sie umfasst eben auch den ganzen Menschen, mit seiner ausgetrockneten Seele. Es geht um die letzte Tiefe unseres Daseins und diese kann nur durch ein Ereignis, das anrührt, anspricht und Liebe aufleuchten lässt, erfüllt werden. Das unabdingbare Lebenselement, neben den vielen Notwendigkeiten der Lebensermöglichungen, bleibt die Begegnung mit der göttlichen Liebe. Am Geburtsfest Jesu Christi leuchtet diese Liebe auf und möchte unsere Seele anrühren und so fruchtbar werden lassen. Er ist der Tau, der Regen, die Gerechtigkeit und unser Heil. Ohne sein Erscheinen unter uns Menschen wäre die innere Trockenheit Anlass für das Austrocknen allen Guten in der Welt.

Wir können in diesen Tagen nur in einfacher und herzlicher Weise bitten: Tauet, ihr Himmel, von oben! Ihr Wolken, regnet herab den Gerechten! Tu dich auf, o Erde, und sprosse den Heiland hervor. Gebt uns den, der für unsere Seelen zur Quelle echten Lebens geworden ist und so das Gut der Liebe und Gottesbegegnung zu schenken vermag.

Foto: Mag. Gottfried Grengel – Bildquelle: Privat