Die Kunst des lässigen Anstands

Eine Buchbesprechung von Martin Bürger.
Erstellt von Martin Bürger am 24. Dezember 2018 um 11:37 Uhr

Alexander von Schönburg ist ein Meister darin, niederschwellig viel Substanz zu bieten. So liefert er in seinem Buch „Die Kunst des lässigen Anstands“, erschienen bei Piper, einerseits kurzweilige und unterhaltsame Geschichten, die sich mit verschiedenen Tugenden befassen, inspiriert seine Leser aber gleichzeitig, selbst tugendhaft zu leben. Schönburg bleibt nicht bei oberflächlichen Beobachtungen, sondern präsentiert die Tugenden besser als so mancher Theologe. Während der Leser sich schlicht und einfach an den schön geschriebenen Kapiteln erfreut, wird er kaum merklich zur Umkehr und Einübung in die Tugend eingeladen. Übrigens ist der Autor ganz traditionell, was die Tugenden betrifft, und erläutert sie „auf der Basis der im Abendland vermittelten klassischen Tugendlehre“.

Ein tugendhaftes Leben zu führen ist heutzutage die wahre „Revolution“: „Bewahrer tradierter und altmodischer Vorstellungen zu sein ist in Zeiten, in denen die Mehrheit dabei ist, alles Bewährte und Gelehrte aus dem Fenster zu schmeißen, die rebellischere Haltung.“ Zentral für Alexander von Schönburg ist die Ritterlichkeit: „Ritterlichkeit vereint auf ziemlich unwiderstehliche Art das Ethische und das Ästhetische mit dem Starken. Ein ritterlicher Held ist immer auf der Seite des Guten und verbindet das immer mit Stärke. Ein Ritter ist eben nicht per se ein Mr. Nice Guy aber er verteidigt das Gute und kämpft für die Schwachen. Bei aller Anmut ist da eine starke Dosis Wehrhaftigkeit im Spiel. Das Faszinierende an der Ritterlichkeit ist, dass sie es im Idealfall schafft, das Unversöhnliche zu versöhnen: Anmut und Stärke, Kraft und Milde.“ Genau das will der Titel – „Die Kunst des lässigen Anstands“ – zum Ausdruck bringen.

Alexander von Schönburg stellt neben den Kardinaltugenden auch andere Tugenden vor, darunter Humor, Zucht, Treue und Coolness. Wenn er von der Klugheit spricht, zeigt er, wieso die bereits erwähnte klassische Tugendlehre die richtige ist: „Kant tappt damit in die bekannte Falle: die Annahme, dass alles, was einem Vorteil oder Lustgewinn beschert, unmöglich tugendhaft sein kann. Was moralisch ist, hat gefälligst auch ein wenig bitter zu schmecken. Dieses Missverständnis, dem nicht nur Kant, sondern viele vor und nach ihm aufgesessen sind, hat katastrophale Folgen. Statt Tugendlehren als Richtlinien für ein gelungenes und vergnügliches Leben anzusehen, verfestigt sich so das Bild eines humorlosen Maßnahmenkatalogs, der auf Verzichten, Unterlassen und ein Leben voller Neinsagen und Unfreiheit hinausläuft.“

Im Kapitel zur Demut findet sich eine schöne Stelle, in der erläutert wird, wie ein gehobenes Amt mit jener Tugend Hand in Hand geht, ohne lächerlich zu wirken: „Das ist es auch, was mich an den sorgsamen Gesten der Demut, für die Papst Franziskus berühmt ist, auch manchmal ein wenig stutzig macht. Mir scheint, dass gerade Amtsträger mit großer Machtfülle oft der Versuchung erliegen, ihre Person mit ihrem Amt zu verwechseln. Und dahinter schlummert dann, obwohl das auf den ersten Blick sympathisch wirkt, doch wieder eine gewisse Selbstüberschätzung.“ Ein Monarch, wie der Papst ja einer ist, verfüge über zwei Körper, nämlich einen irdischen und einen übernatürlichen. Jede Ehrung, die der Papst erhält, gilt dem Papst, nicht der Person. „Wenn meine Frau ihre Großtante, die englische Königin, begrüßt, wird diese sehr abstrakte Idee der zwei Körper des Monarchen sehr schön sichtbar: Zunächst macht sie vor ihr einen tiefen Knicks – damit verneigt sie sich vor der Königin –, danach richtet sie sich auf und küsst sie auf beide Wangen – damit begrüßt sie dann ihre Großtante. Sie grüßt also eigentlich zwei Personen. Lehnte die Königin den Knicks ab, wäre dies kein Zeichen von Bescheidenheit, sondern hochmütig, weil sie so dem Amt, das sie innehat, ihre Person überstülpen und es damit verletzen würde.“

Tugendhafte Menschen, so der Autor, sind wahre Helden. Allerdings denken alle „bei Heroismus immer an große Heldentaten, dabei sind es die kleinen, alltäglichen Unannehmlichkeiten, denen man nicht aus dem Weg geht, die zählen. Der Alltag ist die Herausforderung, entscheidend sind die Dinge, die man jeden Tag macht, wie man mit seinem Partner, den Kollegen, mit sich selbst umgeht, da soll man heldenhaft sein, nicht im Spektakulären, sondern im Alltäglichen entscheidet sich, wer wir sind.“ Also: „Die Kunst des lässigen Anstands“ in die Hand, und an die Arbeit!

Bibliografische Informationen:

Alexander von Schönburg
Die Kunst des lässigen Anstands
27 altmodische Tugenden für heute
Piper Verlag
Hardcover mit Schutzumschlag
368 Seiten
ISBN: 978-3-492-05595-6
20,- Euro

Foto: Die Kunst des lässigen Anstand – Bildquelle: Piper Verlag