Die Angst vor der Wahrheit

Die Gefahr des Subjektivismus.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 14. August 2014 um 13:42 Uhr
Papst Benedikt XVI.

Von Markus Lederer.

An den heutigen Lehrstühlen für Religionspädagogik und Didaktik wird häufig vom Phänomen der Bricolage gesprochen. Dieser Terminus soll treffend den Umgang der Gesellschaft mit etwas Objektivem kennzeichnen. Übersetzt meint Bricolage so viel wie Bastelei. Diese Bastelei lässt sich auch auf den subjektiven Umgang mit dem Christentum beziehen. Hierzu zwei Beispiele. Erstens: Man nimmt sich aus den Geboten Gottes nur die heraus, die man sowieso schon einhalten kann. Zweitens: Man nimmt die von Christus geoffenbarte Wahrheit nur zu Bruchstücken an. Das Ergebnis dieser modernen Geisteshaltung ist klar: Man bleibt in seiner eigenen Subjektivität stecken und öffnet sich nicht für das Ganze. Letztendlich bringt diese Geisteshaltung einen nicht voran, denn sie genügt sich selbst. Sie gibt sich mit dem eigens zusammengemixten Cocktail an Religiosität zufrieden.

Die Reaktionen des Lehramtes

Besonderes Papst Benedikt em. äußerte sich zu diesem Phänomen des Subjektivismus, Bricolage und des Relativismus´: „Der Relativismus ist in gewisser Hinsicht geradezu die Religion des modernen Menschen geworden.“ (Ratzinger, Joseph (2003): Glaube – Wahrheit – Toleranz. Das Christentum und die Weltreligion, S. 69.)

Vor dem Konklave im Jahre 2005 äußerte und ermahnte der damalige Kardinal Ratzinger, dass die Kardinäle sich nicht der Diktatur des Relativismus unterwerfen sollten:

„Jeden Tag entstehen neue Sekten, und es verwirklicht sich, was der heilige Paulus über den Betrug der Menschen sagt, über ihre Bosheit, in den Irrtum zu führen. Einen klaren christlichen Glauben zu haben, gemäß dem Credo der Kirche, wird häufig als Fundamentalismus etikettiert. Dabei erscheint der Relativismus, das heißt, das Sich-treiben-lassen hierhin und dorthin von jedwedem Wind der Lehre, als die einzige Haltung auf der Höhe der Zeit. Es bildet sich eine Diktatur des Relativismus heraus, die nichts als definitiv anerkennt und die als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Wünsche gelten läßt.“

Zusammenfassend kann man sagen, dass es dem Lehramt, insbesondere Papst Benedikt em., wichtig ist, dass man sich keine Religion zusammenbastelt (Bricolage), sondern auf die Offenbarung Gottes seinen Blick wirft. Der christliche Glauben ist immer objektiv, nie subjektiv. Denn wenn wir objektiv glauben, vergessen wir uns selbst als Subjekte und öffnen uns weit auf das Objekt, dass die Wahrheit, der Weg und das Leben ist: Jesus Christus.

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Joh. 14,6)

Gilt der Anspruch des Christentums religio vera (die wahre Religion) zu sein im 21. Jahrhundert nicht mehr? Diese Frage ist im tiefsten Kern eine Demutsfrage. Es ist die Frage, ob ich mich meiner oft subjektiven, zeitgeistorientierten Geisteshaltung entziehe und auf die Offenbarung des einzigen Sohnes Gottes schaue, oder ob ich mich dem Zeitgeist, der Subjektivität unterwerfe. Es ist die Frage, ob ich die Offenbarung vollkommen annehme oder ob ich sie nur zu Teilen annehme und mir so einen Cocktail an Christentum mische, der auf den ersten Schluck berauscht macht, mich jedoch trotz allem am Ende wieder nüchtern und entzaubert zurück lässt.

Mit dem Blick auf das Evangelium werden diese Fragen eigentlich geklärt und dies deutlich. Bereits im Johannesprolog wird deutlich, dass der ewige Logos (Sinn, Vernunft, Wahrheit) in Jesus Christus fleischgeworden ist (Weihnachten). Der, auf den ewige Generationen gewartet haben, ist in unsere Zeit hineingebrochen, so dass der Hl. Johannes der Täufer voll erstaunen sagen kann: „Seht, dass Lamm Gottes!“ Jesus Christus selbst macht aus seinem Anspruch, der Sohn Gottes zu sein, auch kein Geheimnis, denn er spricht:

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als nur durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen; und von jetzt an erkennt ihr ihn und habt ihn gesehen.“ (Joh., 14,6ff.)

Konsequenz für uns

Die Konsequenzen für unser Leben müssen radikal sein. Die Wahrheit ist in Christus fleischgeworden und er hat unter uns gelebt. Der Etymologie nach ist es auch klar, dass es nur die Wahrheit und nicht die Wahrheiten geben kann. Letztendlich ist nun die Frage, ob wir uns einen christlichen Cocktail selbst zusammenmixen, der nur enttäuschen kann, oder ob wir die Offenbarung Gottes, demütigen Herzens ganz annehmen. Wenn uns das gelingt und wir uns selbst nicht so wichtig nehmen, sondern Christus wichtig nehmen, dann werden uns die wahren Freuden zuteil. Wenn wir zu Christus sprechen: Totus tuus („ganz Dein“) werden wir geheilt.

„Augen, Mund und Hände täuschen sich in dir,  doch des Wortes Botschaft offenbart dich mir.  Was Gott Sohn gesprochen, nehm ich glaubend an;  er ist selbst die Wahrheit, die nicht trügen kann.“ (Hl. Thomas v. Aquin: Gottheit tief verborgen, Str. 2.)

Foto: Papst Benedikt XVI. – Bildquelle: Fabio Pozzebom/ABr